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: Republik Schwarzenberg

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Manchmal schafft die Historie Fakten, die wie Fiktionen wirken. So als wolle sie einen besonders ausgepichten Stoff für die Literatur liefern - eine Versuchsanordnung neben der Geschichte oder gar ein Stück Utopie. Der erzgebirgische Kreis Schwarzenberg gibt dafür ein Exempel. 1945 genügte ein Mißverständnis ...

          Manchmal schafft die Historie Fakten, die wie Fiktionen wirken. So als wolle sie einen besonders ausgepichten Stoff für die Literatur liefern - eine Versuchsanordnung neben der Geschichte oder gar ein Stück Utopie. Der erzgebirgische Kreis Schwarzenberg gibt dafür ein Exempel. 1945 genügte ein Mißverständnis zwischen alliierten Stäben, ein Machtvakuum zwischen Ost und West zu schaffen: Schwarzenberg blieb im Mai und Juni 1945 für 42 Tage unbesetzt. In diesem Niemandsland versuchte sich ein aus örtlichen Antifaschisten zusammengesetzter Aktionsausschuß an der Entnazifizierung und am Aufbau einer provisorischen Verwaltung. Dann machte der Einzug der Roten Armee dem Experiment ein Ende.

          War Schwarzenberg die kurze Erfüllung einer sozialistischen Utopie? Oder ein Lehrstück für den gräßlichen Fatalismus der Geschichte? Die Realität ist über die Frage hinweggegangen. Bleibt die Literatur, bleibt ein faszinierender Stoff. 1984 hat Stefan Heym daraus einen historischen Tendenzroman gemacht. Sein "Schwarzenberg" - das leicht kolportagehafte Denkspiel über eine freiheitlich-sozialistische Republik - plädierte für einen deutschen Sonderweg zwischen den damaligen Machtblöcken und konnte zunächst nur in der Bundesrepublik erscheinen.

          Heute, zwanzig Jahre später und in einer völlig verwandelten historischen Situation, nimmt Volker Braun das Schwarzenberg-Motiv wieder auf. Sein Ausgangspunkt ist die Erkenntnis: "Diese Geschichte ist gelaufen und vorbei; und es bleibt, um dabeizusein, davon zu erzählen." Erzählen heißt hier nicht malen, sondern zeichnen: weglassen. Nicht der Roman, die Kurzprosa ist Brauns Medium. Einer der Texte - "Aufgeschobene Heimkehr" - trägt die Ergänzung: "Nach Hebel". Wir lesen eine Kontrafaktur zu dessen "Unverhofftem Wiedersehen"; auch zu dem berühmten zeitraffenden Einschub. Hier von den Atombomben auf Japan bis zum Zusammensturz des World Trade Center, von der Mondlandung bis zum Schaf Dolly.

          Von Hebel übernimmt Braun auch das Bergwerkmotiv. "Das bergmännische Verfahren", sagt er, "ist das der Literatur gemäße." So kommt er, mit einem Seitenblick auf Franz Fühmanns unvollendetes Bergroman-Projekt, zur Geschichte vom schwarzen Berg, zu den Stichwörtern Wismut, Pechblende, Uranerz - somit zur weltpolitischen Implikation der Sache. Die eigentliche Geschichte von der kurzlebigen Republik Schwarzenberg erzählt Braun zweimal. "Das unbesetzte Gebiet" ist ein längeres episches Gedankenspiel mit signifikanten Lebensläufen und Nachzeichnung der politischen Geschehnisse. Im zweiten Teil des Bandes folgt die Reduktion zur erwähnten Kalendergeschichte - als wolle der Autor von der gescheiterten Utopie wenigstens die Geschichte selbst retten.

          Das ist mehr als begreiflich. Denn die politischen Schlüsse, die aus "Das unbesetzte Gebiet" zu ziehen wären, geben zu konkreter Hoffnung wenig Anlaß. Schon früh erkennen die Schwarzenberger Genossen, daß sie zwar die Macht in Händen haben, doch den Hunger nicht beseitigen können. "Kommt, besetzt uns!" ist ihre rettungsuchende Maxime. Doch als die Russen kommen, müssen sie erfahren, daß die Fabrik, die sie ihnen übergeben wollen, demontiert wird.

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