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Reiter um Mitternacht

Ein neu übersetzter Roman des wiederentdeckten Antal Szerb

Große Literatur gibt es heute im Ausverkauf. Möchte zum Beispiel ein deutscher Verlag einen osteuropäischen Roman veröffentlichen, kann er die Übersetzung meist vollständig mit Hilfe eines der Fördertöpfe für "kleine Sprachen" finanzieren, und wenn es sich noch um einen vor längerer Zeit gestorbenen Autor handelt, fallen nicht einmal Honorare an. Es ist also kein Wunder, wenn ungarische Schriftsteller wie Sándor Márai, Dezsö Kosztolányi oder Béla Zsolt den hiesigen Buchmarkt erobern. Auch Antal Szerb, dessen Name in seiner Heimat bereits vergessen war, wurde von dieser Welle subventionierter Wiederentdeckungen mit der erstmals 1937 erschienenen "Reise im Mondlicht" vor einem Jahr in unsere Buchhandlungen gespült. Mit Erfolg: Der berückenden Mischung aus bürgerlichem Selbstzweifel, italienischer Landschaft und alteuropäischer Melancholie konnten sich selbst hartgesottene Rezensenten nicht entziehen.

Nun ist ein weiterer Roman Szerbs neu übersetzt worden. Sein Debüt "Die Pendragon-Legende" war bereits Mitte der sechziger Jahre von dem in Budapest ansässigen Corvina-Verlag für die DDR ins Deutsche übertragen worden. Es ist erstaunlich, daß ausgerechnet dieses auf den ersten Blick ebenfalls recht bürgerliche Werk in den sozialistischen Kulturaustausch geraten war. Ähnlich wie in der "Reise im Mondlicht" hat Szerb hier einen Erzähler geschaffen, dessen seelische Konflikte vor allem auf seinen Hang zum gebildeten Müßiggang zurückzuführen sind: János Bátky, ein junger ungarischer Philologe, ist mit einer kleinen Erbschaft ausgestattet und widmet sich im London der Dreißiger als "Gelehrter überflüssiger Wissenschaften" der englischen Mystik des siebzehnten Jahrhunderts. Auf einer Soiree lernt er Sir Owen Pendragon kennen, einen Adligen, der Bátky einlädt, seine Studien in der gutbestückten Bibliothek von Schloß Llanvygan fortzusetzen.

Während er dort andächtig in den Erstausgaben der Werke von Paracelsus, Valentin Weigel und Johann Valentin Andreae blättert, wird vor den Toren des Schlosses ein geheimnisvoller "mitternächtlicher Reiter" gesichtet, und das ist nur der Anfang. Nach und nach verwandelt sich "Die Pendragon-Legende" erst in einen Schauerroman und dann in eine der esoterischen Räuberpistolen, mit denen amerikanische Autoren wie Dan Brown heute unter dem Label "mystery thriller" Rekordauflagen erzielen. Bátky stößt bei seinen Nachforschungen auf immer mehr Verbindungen zwischen der Familie des Schloßherrn und dem Geheimbund der Rosenkreuzer. Der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Antal Szerb muß sich mit der Geschichte der Geheimgesellschaften und den Werken der hermetischen Tradition gut ausgekannt haben. Seitenlang läßt er seinen leicht eitlen Erzähler vor einer wißbegierigen Adligen die Gründungslegende um die sagenhafte Gestalt des Christian Rosencreutz samt der bis heute nicht zu Ende geführten Quellendiskussion referieren. Diese historisch verbürgten Fakten vermengt Szerb dann mit allerlei Spuk, einer höchst gegenwärtigen, tragischen Liebesgeschichte und dem blutigen Streit um eine Erbschaft zu einer abenteuerlichen Erzählung: "Postmodern" hätte man so eine Mischung aus historischem Ideenroman, "gothic novel" und Detektivgeschichte in den achtziger Jahren anerkennend genannt. Zu ihrer Entstehungszeit muß sie originell gewirkt haben.

Aus heutiger Sicht ist das ironische Spiel mit den Genres stellenweise etwas ermüdend, und wer die elegante Zeichnung der Charaktere in "Reise im Mondlicht" mochte, wird von den etwas dünnen Figuren in Szerbs Debüt wohl enttäuscht sein. Dafür finden sich hier einige knappe Verweise auf die aktuelle politische Situation, die in dem späteren Werk beinahe ganz fehlen. Als "Die Pendragon-Legende" 1934 erscheint, hat Ungarn sich unter Ministerpräsident Gyula Gömbös handfest an das faschistische Deutschland angenähert. Szerb flüchtet sich vor diesen Realitäten zunächst in eine schwärmerische Anglophilie - und dann in amüsierte Anspielungen auf das "Dritte Reich". Aus dem Hitlergruß wird ein Kalauer, und die robuste deutsche Studentin, mit der Bátky befreundet ist, trägt ein "geschmackloses Kleid", das "gewisse Grundsätze zum Ausdruck brachte und in Berlin damals sehr beliebt war". Über solche verhaltenen Späße hinaus kann man auch einen alarmierenden Unterton wahrnehmen. Der mitternächtliche Reiter etwa soll zuletzt "1917 gesehen worden sein, als die Deutschen den U-Boot-Krieg gegen Großbritannien begonnen haben", und die abergläubische Landbevölkerung erkennt in seiner Wiederkehr auch jetzt das Vorzeichen einer "Bedrohung für das Vaterland". Später häufen sich Verweise auf einen "bestimmten Zeitpunkt" mit einer "seltenen Konstellation der Sterne", eine historische Stunde also, in der "Satan erschienen ist".

Es liegt nahe, hinter der Maske dieses Dämons das Antlitz Hitlers und die Fratze des Nationalsozialismus zu vermuten. So wird "Die Pendragon-Legende" zumindest im Rückblick zu einem Roman, der trotz seiner Harmlosigkeit die tragische Geschichte ihres Autors vorwegnimmt. So wie der literaturbesessene Held angesichts des Teufels immer noch munter Vergil, Dante und Byron zitiert, hat sich auch der als Kind jüdischer Eltern geborene Antal Szerb bis zu seinem Tod im Januar 1945 im ungarischen Arbeitslager Balf am Glauben an die Bücher festgehalten. Vier Jahre zuvor erst war sein größtes Werk erschienen, die "Weltgeschichte der Literatur".

Antal Szerb: "Die Pendragon-Legende". Roman. Aus dem Ungarischen übersetzt von Susanna Großmann-Vendrey. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2004. 311 S., br., 14,50 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.12.2004, Nr. 301 / Seite 44

 
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Veröffentlicht: 24.12.2004, 12:00 Uhr