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Reinhard Kaisers Courage-Übersetzung : Die Mutlosigkeit der neuen Courage

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Bild: Verlag

Eine Modernisierung von Grimmelshausens „Courage“ darf ruhig in die Hose gehen. Aber bitte nicht wie in der bemühten Übertragung von Reinhard Kaiser.

          Sie gilt als die erste weibliche Ich-Erzählerin der deutschen Literatur. Und sie ist womöglich auch gleich die wildeste und härteste, amoralisch, selbstbewusst und ganz und gar unsentimental. Von adliger, doch unehelicher Abkunft, gerät sie schon als ganz junges Mädchen in den Krieg, und dies ohne jedes Bedauern. Im Gegenteil: Sie verbirgt ihr Geschlecht und stürzt sich in jeden Kampf.

          An Robustheit ist sie nicht zu übertreffen. Wenn es mit einem Ehemann Prügel setzt, und manchmal wird sogar ausdrücklich der Geschlechterkrieg erklärt, bleibt sie die Siegerin: „dann ehe er sichs versahe / hatte er eins am Kopff / davon er hinaus dürmelte / wie ein Ochs dem ein Streich worden“. Nicht anders geht es auf dem Schlachtfeld zu, wo nicht nur Leben und Tod, sondern immer auch Beute auf dem Spiel steht.

          Sie ist bereits über sechzig und inzwischen, mit unverminderter Vitalität, eine Art Zigeunerkönigin, als sie ihre Lebensgeschichte einem Schreiber diktiert, der sich Philarchus Grossus von Trommenheim nennt - ein Anagramm auf den Namen Christophorus von Grimmelshausen. Wenn Realismus Verzicht auf Beschönigungen heißt, so ist dies eine der realistischsten Erzählungen der deutschen Literatur.

          Sie verprügelt den Feind fürchterlich

          Natürlich handelt es sich um Grimmelshausens „Courage“, um die „Ertzbetrügerin und Landstörtzerin Courasche“ und ihre Geschichte, die sie „Trutz Simplex“ erzählt, also dem Simplex zum Trotz. Denn dieser hatte sich, wie wir in seiner eigenen Geschichte erfahren, mit ihr eingelassen, sie aber dann mit einem derben Streich auf dem „Secret“ verabschiedet. Die hässliche Schande hat sie nie vergessen. Rache lenkt sie jetzt und nichts sonst, schon gar nicht die fromme Absicht, die die Geschichte des „Abentheurlichen Simplicissimus“ am Ende hervorkehrt.

          Eine pikarische Heldin ohne die gewohnte Konversion zum Erbaulichen - das ist herausfordernd und bereitet noch der modernen Forschung Kopfzerbrechen. Die Seele sei ihr gleichsam „angewachsen“, erklärt die Courage und weist alle geistliche Ansinnen weit von sich. Löst sich die „Sprossgeschichte“ aus dem frommen Horizont und den allegorischen Deutungsangeboten der „simplicianischen Schriften“? Oder ist die Courage vielleicht schon ein Exempel für weibliche Selbstbehauptung im Kampf gegen eine Phalanx von gierigen und gewalttätigen Männern? So oder ähnlich versucht man Grimmelshausens Konzepte zu modernisieren.

          Der nom de guerre Courage (oder Courasche) spielt dabei eine suggestive, aber täuschende Rolle. Auch Brecht, der die bei Grimmelshausen durchaus Kinderlose zur „Mutter Courage“ macht (um die bellizistische Geschäftsfrau gegen das „Muttertier“ ausspielen zu können), folgt einem Missverständnis: „Courage heiß ich, weil ich den Ruin gefürchtet hab . . . und bin durch das Geschützfeuer von Riga gefahrn mit fünfzig Brotlaib im Wagen.“ Die echte Courage weiß es besser. Ihr fällt das Wort ein, als man ihr bei einer Rauferei in den Hosenschlitz fährt und Männlichkeit vermisst. Sie verprügelt den Feind fürchterlich, weil „er mir nach der Courage gegriffen hat / wohin sonst noch keines Manns-Menschen Hände kommen seyn“. Das Wort soll die Sache „verzwicken“ - die ursprüngliche Bedeutung bleibt gleichwohl kenntlich und steuert aus dem Untergrund die gesamte Geschichte. Noch einmal Grimmelshausen: „Der Rittmeister . . . muste doch lachen / daß ich mit einen neuen Nahmen viel Farben beschrieben hatte / die mein Schild und Helm führte.“ Fortab nennt er sie, pars pro toto, bei diesem Namen.

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