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Roman „Fremde Seele, dunkler Wald" : Manch Schatten liegt auf dieser alten Welt

Die Harmonie von Dorf, Wald und Wiese in Oberösterreich bricht allmählich und ein stinkend fauler Geruch verdeutlicht die verlorene Heimat des Protagonisten. Bild: Picture-Alliance

In „Fremde Seele, dunkler Wald“ seziert Reinhard Kaiser-Mühlecker die brüchige Harmonie von Dorf, Wald und Wiese und lässt seine Helden komfortabel in der Moderne stranden.

          Irgendwie, irgendwo, irgendwann sind im Erzählkosmos von Reinhard Kaiser-Mühlecker keine Füllsel, sondern die oft einzigen Vektoren für das Innenleben seiner Figuren. Diese Helden fahren nicht auf Feuerrädern Richtung Zukunft durch die Nacht. Sie baumeln im Unbestimmten zwischen einer Vergangenheit, die nicht vergehen soll, über der aber schon ein halb verwester Geruch liegt, und einer Gegenwart, die sich nicht einstellen will. Die in wenigen Strichen gesetzten modernen Elemente sind hier in einer aparten Alltäglichkeit aufgehoben, die Archaisches, Ländliches hervortreten lässt. Als wollte der Autor sagen: Es gibt diese zeitfremde Erfahrung auch, und es ist eine Frage der Beharrlichkeit, sie ohne idyllisierende Züge glaubhaft zu machen. „Salz flog vom Streuteller am Heck des Lastwagens durch orange flackerndes Licht auf die Straße und zerfraß den Schnee.“

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          In seinem neuen Roman „Fremde Seele, dunkler Wald“, mit dem er jetzt auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises gelangt ist, bleibt Kaiser-Mühlecker diesem Schema treu und setzt die Welt konsequent in Fragezeichen. Anfangs gerät dies holprig. Die unablässige Selbstbefragung der Protagonisten und der verschwenderische Gebrauch von Auslassungspunkten erzeugen einen Nachhall, den das Erzählte noch nicht trägt. Dann entfaltet der gediegene, aber nicht biedere Tonfall seinen gewohnten Sog.

          Die Welt seiner Herkunft ist verloren

          Wie in seinen vorigen Romanen lässt Kaiser-Mühlecker seine Erzählung um die eigene Herkunftswelt, ein Bauernhaus im Oberösterreichischen, gravitieren, in das sich die beiden Protagonisten, Alexander und Jakob Fischer, nach mehr oder minder gescheiterten Versuchen, im Leben Fuß zu fassen, zurückziehen, um es nach längerer (Jakob) oder kürzerer (Alexander) Zeit wieder zu verlassen. Das bäuerliche Idyll ist innerlich porös. Bewohnt wird es von einem verlebten Großvater, der sich auf die selbstsüchtige Verwaltung seines Vermögens beschränkt und der bornierten Großmutter das Regiment überlässt. Der Vater ist ein Phantast, der Haus und Hof verspielt, in der Rolle des Glücksritters aber noch stimmiger wirkt als in der schwindsüchtigen Melancholie nach dem Verlust seiner letzten Spielkarte.

          Irgendwann taucht ein fremder Traktor auf dem Feld auf und verbreitet mit ausgelassener Gülle einen beißenden Geruch. Von diesem Moment an weiß der jüngere Jakob, dass die Welt seiner Herkunft verloren ist, die ihm trotz ihres inneren Unfriedens Halt geboten hatte, weil er sie innerlich fremd, als eine Art mittätiger Gast, bewohnt hatte, und weil ihm Felder, Wald und Wiesen immer ein seelisches Naherholungsgebiet geboten hatten. Freilich ist auch dieses von moderner Infrastruktur angefressen, die sich als Riese, der in mächtigen, metallischen Schritten über die naheliegende Autobahn tappt, in Jakobs Tagträume schleicht.

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