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Reinhard Kaiser-Mühlecker: Roter Flieder : Doch das Böse sieht man nicht

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Bild: Verlag

Reinhard Kaiser-Mühlecker erzählt in dem Roman „Roter Flieder“ die traurige Geschichte einer Familie, auf der ein unausgesprochener Fluch lastet, dem sie nicht entfliehen kann.

          Es beginnt mit dem Versuch zu sprechen, zu berichten, was gerade geschehen ist. Aber als Franz, der wie um sein Leben gerannt ist, hinunter vom Feld, durchs Dorf, endlich vor der Kneipenwirtin steht, kommen nur unverständliche Laute aus seinem Mund und ein Spuckefaden. Franz ist der traurige, stumme Idiot des Dorfs, das menschliche Omen, das Reinhard Kaiser-Mühlecker an den Beginn von „Roter Flieder“ stellt und das den Atem der folgenden Jahrzehnte und der mehr als sechshundert Seiten des Romans vorgeben wird.

          Franz’ quälender Sprachlosigkeit wird viel Sprachlosigkeit folgen. Menschen, die verschweigen, was hinter ihnen liegt, die verdrängen, was sie getan haben. Menschen, die verstummen angesichts von Ereignissen, die ihnen zu grausam scheinen, um darüber zu sprechen. Dass sie, anders als Franz, sprechen könnten, wenn sie wollten, möchte man zunächst meinen. Wenn aber Kaiser-Mühlecker, der 1982 im österreichischen Kirchdorf an der Krems zur Welt kam, von diesen Menschen erzählt, dann besteht kaum mehr ein Zweifel daran, dass sie es eben nicht können.

          Trauerndes Schweigen und schreiende Blindheit

          Was Franz beobachtet hat, scheint zunächst nicht so spektakulär. Eine Kutsche ist ins Dorf gekommen, auf dem Kutschbock ein Mann, hinten eine junge Frau, inmitten von Möbeln. Goldberger und seine Tochter Martha kommen Anfang der vierziger Jahre hier nach Rosental. Es ist kein freiwilliger Umzug. Über Nacht musste der NS-Ortsgruppenführer den eigenen Hof im Innviertel verlassen, nachdem ihm die Dorfbewohner mit Lynchjustiz drohten. Was sie aufgebracht hat, weiß nur Goldberger. Es wird das unausgesprochene Geheimnis bleiben, das nicht nur sein Leben, sondern das seiner Familie für die nächsten drei Generationen grundieren wird. Dass er Menschen aus dem Dorf angezeigt hat, ist das Einzige, was dazu gesagt wird.

          Dass er eine blutige Schuld auf sich geladen hat, steht angesichts der historischen Konstellation und Goldbergers Stellung im Dritten Reich außer Frage. Während Goldberger äußerlich gefasst den Hof, der ihm in Rosental zugewiesen worden ist, herrichtet, zaghafte Bande zu Elisabeth, der Kneipenwirtin und Besitzerin des Nachbarhofs, knüpft und sein Sohn aus dem Krieg heimkehrt, offenbart sich immer wieder in kleinen Szenen die Schwere seiner Erinnerung und seines Verbrechens.

          Einmal soll er, der auch in Rosental das Amt des Ortsgruppenführers innehat, den Befehl zur Erschießung eines polnischen Kriegsgefangenen geben. Weil er sich aber verspätet, muss der Verurteilte eine Viertelstunde lang in seinem Sarg kniend auf den Tod warten. Sein Zuspätkommen quält Goldberger. Aber mehr noch quält ihn, dass Martha verstummt ist, als er von der Hinrichtungsstätte zurückkehrt, ebenso wie zuvor ihre Mutter, seine Frau, die ihre letzten Lebensjahre vor dem Tod schweigend in einem Ohrensessel sitzend verbrachte, der wie ein Mahnmal auch in der neuen Heimat neben Goldbergers Bett steht.

          An anderer Stelle bittet Elisabeth Goldberger, ein Lamm zu schlachten, das wegen seiner Blindheit nicht allein lebensfähig gewesen wäre: „Er schrie schmerzerfüllt, als er das Messer in den Hals rammte und herumdrehte. Er schrie vor Schmerz und Ekel, Ekel über das blinde Tier, den Tod, das stinkende heiße Blut, sich selbst. Er hörte sich schreien. Es klang nach: ,Nein! Nein!’ Und nach ,Hilf mir! Hilf mir!’“

          Den Fluch im Blut

          Der Ruf nach Hilfe - nach göttlicher Erlösung - genügt nicht, um das eigene Seelenheil wiederherzustellen. Stattdessen wird Goldberger auf etwas gestoßen, dessen Spuren er künftig aus dem Leben seiner Kinder und Enkelkinder herauslesen wird: Gott strafe bis ins siebte Glied. Da begann Goldberger „zu begreifen, was er längst wusste: Er selbst war der Abgrund. Das Begreifen war wie ein Stürzen. Ihm war, als fiele er.“

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