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Reiner Stachs Kafka-Biographie : Das Leben des Buchs beginnt mit dem Tod des Autors

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Eigentliche Fehler weist Stachs stupende Biographie wenig auf. Der Halleysche Komet (der Termin seiner Wiederkehr ist im ersten Oxforder Quartheft als „Kometennacht“ vermerkt) zog nicht in der Nacht vom 17. auf den 18. Mai 1911 am Prager Himmel vorüber, sondern in der darauf. Kafka hatte das Datum erst später bei einer Durchsicht seiner Aufzeichnungen notiert und sich dabei um einen Tag vertan.

Kein Kurzschluss

Stachs Ansicht, die „Beschreibung eines Kampfes“ sei ein Missgriff gewesen und Kafkas eigentliche schriftstellerische Leistung setze erst danach ein, ist idiosynkratisch. Der Entwurf zu diesem Langtext ist zwar ebenso Fragment geblieben wie die späteren Romanentwürfe von „Der Verschollene“, „Der Process“ und „Das Schloss“, das heißt aber hier wie dort nicht, dass man von Misslingen sprechen muss. Wie bei den späteren Texten hat Kafka auch hier - und zwar in bedeutendem Ausmaß - kleinere Erzähleinheiten aus dem ursprünglichen Kontext herausgelöst und noch Jahre später unter dem Titel „Betrachtung“ als Buch publiziert, darunter „Kinder auf der Landstrasse“, „Der Ausflug ins Gebirge“, „Kleider“ und „Die Bäume“. Das sind nicht die schlechtesten Texte Kafkas, und in vielem entwickeln sie bereits jene Poetik instabiler Erzählperspektive, die sich dann in den Texten der mittleren und späten Zeit voll entfalten wird.

Positiv ist vor allem anderen Stachs widerständiges Insistieren darauf hervorzuheben, dass man aus der historischen Person Franz Kafka nichts für die Deutung einzelner Werke ableiten kann. Das ist wohltuend gegenüber Studien, die an dieser Stelle den Kurzschluss üben. Gerade für einen biographisch arbeitenden Wissenschaftler liegt hier die dauerhafteste Verlockung. Stach ist ihr nicht erlegen, und in dieser Haltung ist er Kafkas eigenen Gedanken am nächsten gekommen.

Weise Beschränkung

„Die Teorie, dass lebende Schriftsteller mit ihren Büchern einen lebendigen Zusammenhang haben“, hielt Kafka, wie er in einem späten Brief an Milena Jesenská bekennt, für irreführend. „Das wirkliche selbstständige Leben des Buches beginnt erst mit dem Tod des Mannes oder richtiger eine Zeitlang nach dem Tode, denn diese eifrigen Männer kämpfen noch ein Weilchen über ihren Tod hinaus für ihr Buch.“

Leben und Werk so diskret zu trennen, wie Reiner Stach das gelungen ist, ist das Gegenteil einer Biographik als Verzweiflung vor der Schrift. Die weise Beschränkung lässt der Schrift ihre Eigenständigkeit - und wird Kafkas Werk darin wahrhaft gerecht.

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