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Reiner Stachs Kafka-Biographie : Das Leben des Buchs beginnt mit dem Tod des Autors

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Das Werk ist eine imponierende Synthese des Forschungsstands auf dem Gebiet der Kafka-Biographik. Gerade zu Kafkas Anfängen lagen beeindruckende Studien vor, auf die Stach zurückgreifen konnte. Klaus Wagenbachs lange Zeit maßgebliche Biographie von Kafkas Frühzeit etwa, die materialreichen Studien Hartmut Binders, die Arbeiten von Hanns Zischler und Peter-André Alt zum Kino, das Buch von Peter Demetz zur Flugschau von Brescia, Benno Wagners Darstellung von Kafkas beruflicher Tätigkeit, all das ist hier in eine kohärente Zusammenfassung eingegangen, die genaues Quellenstudium und Kenntnis der Forschungsansätze verrät - mit ein paar Ausnahmen. Die Forschungen Ritchie Robertsons, John Zilcoskys und Stanley Corngolds werden nicht erwähnt.

Nur nichtig

Stachs Meisterschaft als Biograph zeigt sich vor allem an seiner Sprache. Es ist kein Leichtes, in einer Darstellung längere Zitate aus Kafkas schlackenloser Prosa der eigenen Schreibart begegnen zu lassen. In vielen Arbeiten klafft an solchen Nähten ein sprachlicher Abgrund. Nicht so bei Stach. Seine umsichtige Diktion, die nie aufdringlich pädagogisch oder besserwisserisch daherkommt, ist dem Gegenstand durchwegs angemessen. Akkomodationen an gängige Phrasen („Fokus“, „verorten“, „vernetzt“, „andocken“, „wissen um“) kommen nur äußerst selten vor, und die Gewandtheit, mit der Stach die Feder führt, erschließt dem Leser auch komplizierte Zusammenhänge scheinbar mühelos.

Bei der Menge der en detail behandelten Themen bleibt es nicht aus, dass man in manchem anderer Meinung sein kann als der Biograph. Der „Brief an den Vater“ enthält gleich eingangs jenen berühmten Bericht „aus den ersten Jahren“ (Kafka), der Vater habe seinen in der Nacht quengelnden Sohn aus dem Bett getragen, auf die Pawlatsche (so nennt man den Innenhofbalkon, der sich an vielen Prager Häusern findet) gestellt und ihn „allein ein Weilchen im Hemd ... vor der geschlossenen Tür“ stehen gelassen. Das von vielen (bis hin zu Paul Celan) als Schlüsselerlebnis erkannte Ereignis deutet Stach als Ursprung eines lebenslangen Verlassenheitssyndroms. Kafkas eigene Deutung legt aber vielmehr nahe, dass neben der Erfahrung des Ausgesetztseins im Draußen (es ist freilich ein Innenhof!) vor allem anderen die der eigenen Nichtigkeit im Kontrast zur übermächtigen Gestalt des Vaters („die letzte Instanz“) das Entscheidende an jener Nacht gewesen ist. Der Vater war in ihr nur zu präsent, Verlassenwerden ist etwas ganz anderes.

Kaum Fehler

Auch das Porträt Max Brods ist in Stachs Darstellung etwas verzerrt. Das Kapitel, das sich Kafkas Verhältnis zu seinem späteren Impresario widmet, leidet darunter, dass es unglücklich aufgebaut ist. Nachdem Stach eingangs die eher problematischen Züge des Freundes herausarbeitet (und den Leser damit unterschwellig gegen Brod einnimmt), kommt er gegen Ende auf die frühe Leidensgeschichte Brods zu sprechen (Brod litt an Kyphose, einer Rückgratverkrümmung), die viele Züge an Brods Verhalten in einem anderen Lichte erscheinen lässt. Mit Blick hierauf wäre von Anfang an ein etwas ausbalancierteres Urteil am Platz gewesen. Nicht nur verdanken wir Brods Nachlassrettung das schlechthin zentrale Geschenk, überhaupt sinnvoll vom Kafkaschen Werk sprechen zu können. Die biographischen Aufzeichnungen Brods füllen außerdem sehr viele Lücken in Kafkas Biographie, die durch Kafkas eigene Notizen und andere Dokumente nicht geschlossen werden könnten. Wäre das nicht von Stach selbst stillschweigend zugestanden, der vorliegende Band hätte nicht zuletzt erscheinen müssen.

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