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Reiner Stach: Ist das Kafka? 99 Fundstücke Seinen Millionenplan verriet er nicht

Reiner Stach versammelt kuriose und abseitige Fundstücke zu Franz Kafka. Das kunstvolle Mosaik beweist, dass der Dichter in der Summe der von ihm existierenden Klischeevorstellungen nicht aufgeht.

© S. Fischer Verlag Vergrößern

Als gewiefter Geschäftsmann ist Franz Kafka nicht bekannt geworden. Für seine erste Buchveröffentlichung, den Band „Betrachtung“, der im Dezember 1912 erschien, erhielt er pro verkauftes Exemplar ein Honorar von 37 Pfennig. Auch der Absatz war nicht berauschend: Zwischen 1915 und 1918 waren es mal 258 Exemplare, mal 102 und schließlich nur noch 69 verkaufte Bände im Jahr. Ein gutes halbes Jahrhundert später, die Kafka-Philologie lief auf Hochtouren, verging über Jahre hinweg keine Woche, in der nicht mindestens zwei neue Bücher über Kafka erschienen, wie der Germanist Claude David recherchiert hat. Zu Kafkas Lebzeiten fanden seine Werke oft kaum mehr als einen Käufer pro Woche.

Hubert Spiegel Folgen:  

So dauerte es wohl zwölf ganze Jahre, bis die achthundert Exemplare der Gesamtauflage der „Betrachtung“ verkauft waren. Solange Kafka lebte, sollte sich an diesen spärlichen Verkaufserfolgen nicht viel ändern. Dabei hatte Kafka noch ein Jahr vor seiner ersten Buchpublikation ernsthaft daran gedacht, es mit Bucherfolgen zum Millionär zu bringen: Gemeinsam mit dem Freund Max Brod konzipierte er eine Buchreihe, die beiden die ersehnte finanzielle Unabhängigkeit bescheren und sie von der Fron der täglichen Arbeit in Amt und Büro erlösen sollte. Sie nannten das Projekt „Unser Millionenplan“.

Funkelnde Steinchen im großen Kafka-Mosaik

Kafkas Millionenunternehmen ist eines von 99 Fundstücken, die Reiner Stach jetzt in einem Band mit dem mehrdeutigen Titel „Ist das Kafka?“ versammelt hat. Es sind Briefpassagen, Fotografien und andere Dokumente, manche kurios und abseitig, manche komisch oder zutiefst berührend, andere beleuchten plötzlich eine unerwartete Facette im Wesen oder Werk dieses Autors. Nicht alles, was Stach bei seinen Recherchen in Bibliotheken, Archiven und im weiten Reich der Kafka-Literatur aufgestöbert hat, stammt von Kafka selbst, es sind auch Erinnerungen von Freunden und Weggefährten darunter. Aber Stach achtet darauf, dass prominente Stimmen wie Milena Jesenská, Felice Bauer oder Max Brod nicht mehr Raum einnehmen als weit weniger bekannte Äußerungen und Zeugnisse von Randfiguren im Leben des Dichters, wie etwa der Nichte Gerti Hartmann oder von Georg Langer und Puah Ben-Tovim, Kafkas Hebräischlehrern.

Stachs Funde sind keine Sensationen oder Meilensteine der Kafka-Philologie. Es sind Steinchen im großen Kafka-Mosaik, die erst zu funkeln beginnen, wenn man sie ins rechte Licht taucht. Dafür ist Stach allerdings der rechte Mann. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet er an seiner dreibändigen Kafka-Biographie, von der zwei Bände bereits erschienen sind. Aus der schier unvorstellbaren Menge an Material, das er dafür gesichtet hat, stellt er nun eine kommentierte Auswahl zusammen: Brosamen, die der Forscher nicht ohne Hinterlist von seinem überreich gedeckten Tisch herabfallen lässt. Die Spatzen haben ihre Freude daran.

Die List besteht darin, dass Stach, dessen große Biographie vom Leser Ausdauer und Enthusiasmus verlangt, dem Kafka-Kenner neue Funde in Aussicht stellt und zugleich den Laien mit überwiegend leicht verdaubaren Kafka-Häppchen locken möchte. Die Methode ist nicht verwerflich und gerade bei Kafka, dessen Ruf als tiefernster und hochkomplizierter Autor bis heute Leser abschreckt, auch keineswegs neu. Annäherungen an Kafka in Form von Auswahlbändchen und biographischen Zeugnissen gibt es zuhauf.

Kafka gab seine Geheimnisse nicht leicht preis

Dass Stachs Verlag den Leser jetzt mit „zahlreichen bisher kaum bekannten Dokumenten und Abbildungen“ ködern möchte, ist überflüssig und auch ein wenig übertrieben, wie schon ein Blick in Stachs Quellenverzeichnis belegt. Auch der „Millionenplan“ ist keine Neuentdeckung: Kafka und Brod reisten im Spätsommer 1911 über Lugano und Mailand nach Paris und verfielen unterwegs auf den Einfall, eine Reihe von Reiseführern herauszugeben, die den vielsagenden Titel „Billig“ tragen sollten. Auf viereinhalb Seiten trugen sie nun zusammen, was ihnen an praktischen und gewinnversprechenden Ideen eingefallen war. Die Ratschläge für die Low-Budget-Touristen reichen von preisgünstigen Übernachtungsmöglichkeiten und Einkaufstipps bis zu Bordellempfehlungen und erklärenden Worten über das Glücksspiel, dessen Gefahren die Autoren selbst wohl gerade erst entronnen waren, wie Stach in einem anderen seiner Fundstücke zeigt.

Derselbe Kafka, der im Fundstück vom Millionenplan als profitorientierter Wegbereiter des Massentourismus auftritt, in Fundstück 75 gemeinsam mit Brod im Spielcasino von Luzern einen Teil der Reisekasse verzockt, in Fundstück 20 zu den Dirnen geht und in Fundstück 68 in Weimar die Unterschrift Thomas Manns zu imitieren versucht, verfasst in Fundstück 72 eine politische Denkschrift, einen „sozialutopischen Entwurf“ mit dem Titel „Die besitzlose Arbeiterschaft“, in dem das Ideal einer Arbeiter- und Siedlungsgenossenschaft entworfen wird, in der es weder Geld noch persönlichen Besitz geben sollte und die Arbeit als Angelegenheit des Gewissens und des „Glaubens an den Mitmenschen“ definiert wurde.

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Was aber bewirkt solch ein Nebeneinander scheinbar inkommensurabler Lebenssplitter? Vor allem eines: Stach kann auf höchst lesenswerte Weise zeigen, dass Kafka in der Summe der von ihm existierenden Klischeevorstellungen nicht aufgeht. Die Verlagsverhandlungen über die „Billig“-Führer scheiterten übrigens, wie Brod berichtete, weil die Freunde „das kostbare Geheimnis ohne einen Riesenvorschuss nicht preisgeben wollten“. So gilt selbst für den „Millionenplan“, was für alle Texte Kafkas gilt: Leicht geben sie ihre Geheimnisse nicht preis.

Reiner Stach: „Ist das Kafka?“. 99 Fundstücke. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011. 336 S., geb., 19,99 €.

Quelle: F.A.Z.

 
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