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Roman „Die Rettung des Horizonts" : Flusslandschaft mit verschränkten Vögeln

Im September 1992 spielte der Cellist Vedran Smailovic in den Ruinen der Nationalbibliothek in Sarajevo, knapp drei Jahre später inszenierten die Aktionskünstler aus Reif Larsens Roman hier ihr Kirk Fire. Bild: AFP

Reif Larsen erzählt in seinem Roman „Die Rettung des Horizonts“ die Schelmengeschichte eines funkwellenverliebten Sonderlings aus New Jersey, die von der Finnmark bis nach Kongo reicht.

          Zwei Stromausfälle mit weitreichenden Folgen, drei brennende Bibliotheken, vier obskure Kunstaktionen, gedacht, um die Welt zu verändern, und eine fünfte, vor der dieser siebenhundertsechzig Seiten starke Roman sein jähes Ende findet, um den Kopf des Lesers noch eine Weile weiterzubeschäftigen: Was Reif Larsen, der mit seinem Debüt „Die Karte meiner Träume“ vor acht Jahren international Erfolge feierte, in seinem zweiten Roman „Die Rettung des Horizonts“ auffährt, kann sich sehen lassen. Und fühlen und riechen und schmecken, wie es die Creative-Writing-Schulen amerikanischer Prägung empfehlen: Lass deine Helden ihre Welt mit einem der Sinne besonders eindrücklich erleben, heißt es da. Und statte sie mit kulturellen Eigenheiten aus, die sprachliche und motivatorische Evidenz begründen.

          Derart energisch versieht Reif Larsen seine Figuren mit ungewöhnlichen Fähigkeiten und seine Szenarien mit ungewohnten Eigenheiten, dass der empfindliche Leser, der nicht derart mit Malerischem gemästet werden will, mit ersten Trotzreaktionen zu kämpfen hat. Und dann nimmt ihn die Geschichte doch hinterrücks für sich ein.

          Ein mehr als zweifelhaftes Ergebnis

          Der Strom fällt aus, als Radar Radmanovic in einer Aprilnacht 1975 im Krankenhaus von Elizabeth, New Jersey, auf die Welt kommt, und er fällt aus, als sein Vater Kermin an einem Sommertag 2010 eine selbstgebaute Elektronenkanone zündet, um rückgängig zu machen, was seine Mutter Charlene mit ihm im nördlichsten Norwegen anstellen ließ, als Radar gerade einmal vier Jahre alt war. Als Kind hellhäutiger Eltern hat Radar von Geburt an die Farbe einer Aubergine. Kein Arzt, kein Wissenschaftler kann es erklären, geschweige denn ändern. Sehr zum Leidwesen der zunehmend angespannten Mutter. Die, zum Leidwesen wiederum ihres Mannes, sich mit dem ungewöhnlichen Äußeren ihres Sohnes einfach nicht abfinden kann. Als die Familie mit dem Versprechen, Radar einer anderswo unbekannten, dabei ebenso wirkungsvollen wie schmerzfreien Behandlung zu unterziehen, nach Kirkenes, in einen seltsamen Streifen Niemandsland zwischen Norwegen und Finnland, eingeladen wird, gibt der Vater ein letztes Mal nach.

          Die Gruppe von Physikern und Künstlern, die dort arbeitet, bietet an, Radars Unterhautschicht mit einem negativen elektromagnetischen Puls zu entladen und seinen Hautton so dem seiner Eltern anzunähern. Das mehr als zweifelhafte Ergebnis: Radar wird gelbstichig, kahl und zum Epileptiker. Um zumindest diesen Umstand umzukehren, entwickelt Kermin lange danach im Schuppen hinter dem Haus einen dem norwegischen Gerät ähnlichen Vircator - und sorgt für einen Stromausfall in der ganzen Gegend.

          Kompromisslose Kunst

          Auch wenn der Titel des Romans im amerikanischen Original, „I am Radar“, den jungen Mann noch deutlicher in den Fokus nimmt als die deutsche Übersetzung: Die Geschichte des funkwellenverliebten Sonderlings aus New Jersey ist nur eine von drei ähnlich gelagerten Konstellationen des Buchs. Alle drei bilden das biographische Wurzelwerk für eine Geschichte intellektueller Eigenwilligkeit, für die sich auch ein Leser zur eigenen Überraschung noch empfänglich sieht, dem Larsens Hang zum Pittoresken schon auf die Nerven gegangen ist: Unter dem Namen Kirkenesferda haben jene Künstler und Physiker aus dem hohen Norden, nach Ansicht eines serbischen Neuzugangs „die wichtigste Gruppe in der Geschichte der Aktionskunst“, im Abstand von rund anderthalb Jahrzehnten bislang gerade einmal vier Bevegelser inszeniert, die in ihrem künstlerischen Extremismus und ihrer Risikobereitschaft ihresgleichen suchen.

          Die Überreste einer heimlichen Kernspaltungsinstallation bei Murmansk 1944 wurden erst Jahrzehnte später zufällig von Fischern entdeckt. 1961 blieb von einer Aktion auf der Insel Gåselandet während der größten Wasserstoffbombenexplosion der Geschichte nur ein Achtmillimeterfilm übrig, der die Zerstörung dokumentiert. Nach einer ersten Performance vor Publikum in einem Camp der Roten Khmer 1979 überlebte nur ein Beteiligter den nächtlichen Angriff der verstimmten Gastgeber. Und die Aktion Kirk Fire 1995 in den Ruinen der bosnischen Nationalbibliothek in Sarajevo hatte abgebrochen werden müssen, weil die Gefahr für das Publikum zu groß wurde.

          Ein zweifelhafter Zwang

          Dass sein Vater nicht nur für den Stromausfall in der gesamten Gegend verantwortlich ist, sondern ohne Wissen der Familie für Kirkenesferda schon an den Vorbereitungen für Kirk Tre im kambodschanischen Dschungel beteiligt war und außerdem unmittelbar vor der Reise nach Kongo für die fünfte Bevegelse steht, bei der quantenmechanisch verschränkte künstliche Vögel eingesetzt werden sollen, erfährt Radar erst nach und nach. Kurzerhand - und nicht ohne es später zu bereuen - entschließt er sich, seinen Vater, der seit Beginn des Stromausfalls verschwunden ist, auf der Fahrt zu vertreten.

          Reif Larsen: „Die Rettung des Horizonts“. Roman. Aus dem Englischen von Malte Krutzsch. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016. 768 S., geb., 26,- €.
          Reif Larsen: „Die Rettung des Horizonts“. Roman. Aus dem Englischen von Malte Krutzsch. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016. 768 S., geb., 26,- €. : Bild: S. Fischer Verlag

          Schaubilder, Urkunden, Telegramme, ganze Bücher denkt sich der Autor Reif Larsen aus, um sie zur Beglaubigung seiner wundersamen Geschichte und zur Unterhaltung seiner Leser anzuführen. Und nähert sich mit diesem Aufwand, mit dieser Versenkung in ein Spiel, dessen Ausmaß allein er bestimmt, selbst den Künstlern in seiner Geschichte. Auf einer kulinarischen Ebene lebt „Die Rettung des Horizonts“ von dieser Fülle an Figuren, Plätzen und Plänen. Auf der literarischen davon, dass der Erzähllust des Autors nur selten die erzählerische Sorgfalt als nötiges Gegengewicht fehlt. Und auf der gedanklichen dadurch, dass Reif Larsen in seinem zweiten Roman mit leichter Hand eine Reihe von Motiven variiert, die durchaus Gewicht haben: Der Halt, den verunsicherte Menschen noch in den seltsamsten Vorhaben finden, gehört dazu. Der zweifelhafte Zwang, dem Leben der eigenen Kinder eine bestimmte Richtung zu geben. Und die kuriose Verschränkung von Paaren, denen etwas genommen wird oder verwehrt bleibt.

          Reif Larsen: „Die Rettung des Horizonts“. Roman. Aus dem Englischen von Malte Krutzsch. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016. 768 S., geb., 26,- €.

          Quelle: F.A.Z.

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