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Regen, Schnee und anderes

29.01.2009 ·  Gao Xingjian erzählt von der Kulturrevolution

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Der 1940 geborene chinesische Schriftsteller, Dramaturg und Maler Gao Xingjian, der seit 1987 im Pariser Exil lebt und im Jahr 2000 unter anderem für den Roman "Der Berg der Seele" den Nobelpreis erhielt, entwirft in seinem Werk eine Ästhetik des Fliehens, eine der Zen-Mystik ebenso wie Motiven des absurden Theaters des Westens verpflichtete Unabhängigkeitserklärung der Kunst. Die in den kulturpolitisch instabilen achtziger Jahren entstandenen Erzählungen evozieren die "verlorene Generation" der Kulturrevolution von 1966 bis 1976. In der Verkleidung als Anekdoten und Weißt-du-noch-Geschichten konterkarieren die semiautobiographischen Novellen - 1970 wurde Gao zur "Umerziehung" aufs Land geschickt - den kollektiven Wahn.

Für Gao bedeutete das Absurde nicht die Abkehr von der Realität, zumal sich die verquere Logik der Revolution in Willkür und Gewalt gegen alles Alte und gegen Autoritäten, in Verblendung und einem kulturellen Flurschaden, Identitätsverlust und Generationenverrat äußerte. Die Erzählung "Auf dem Meer", in der ein Mann auf einem Kutter in Urlauten das Meer anruft, reflektiert die Suche nach einer von der Rhetorik der Revolution unberührten Sprache. In "Mutter" bewegt der Sündenfall der Verbrennung des einzigen Fotos seiner Mutter, nur weil sie ein traditionelles Qipao-Kleid trug, den Erzähler Jahre später zur Selbstanklage im Konflikt konfuzianischer und kommunistischer Denkungsarten.

So wird die trügerisch-idyllische Gegenwart zur Echokammer der Kulturrevolution. Leitmotivisch finden sich zum Scheitern verurteilte Wiederbegegnungsgeschichten von im Zuge der Revolution versprengten Freunden oder Liebespaaren, die die nationale Katastrophe im Episodisch-Privaten abbilden. Jeder Versuch eines Neubeginns - in "Der Tempel" wird die Hochzeitsreise eines jungen Paares von der "Erinnerung an damals, als wir als landverschickte Jugendliche in solchen Städtchen ankamen", überlagert - endet im Seelenlabyrinth der Vergangenheit.

Der Eskapismus vom Primat der Ideologie mündet zum einen in der metaphorischen Spurensuche nach Orten und Rudimenten einer vorrevolutionären, unschuldigen Kindheit, zum anderen im regenerativen Streben nach dem Einssein mit den elementaren Kräften der Natur. Im Illusionscharakter der Rückzugsräume und Refugien - die Mauern des Hofs der Kindheit sind in der Titelgeschichte "Die Angel meines Großvaters" einem Neubauviertel und Satellitenantennenwald gewichen - offenbart sich kontrapunktisch zum Konzept der permanenten Revolution eine Philosophie vom Leben als ewigem Fluchtzustand.

In der Aufarbeitung der Frage nach Individual- und Kollektivschuld aus der Opfer- und Täterperspektive, im fluchtpunktlosen Wechsel der Erzählperspektiven und Pronomen erweist sich Gaos Programmatik einer vorbei an Maos Diktum massendienlichen Schreibens "ohne Ismen" sich vorantastenden "kalten Literatur". In der Erzählung "Regen, Schnee und anderes" abstrahiert Gao schließlich den Freiheitsgedanken vom Kontext der Kulturrevolution zur allgemeinen Kritik an der gesellschafts- und konventionsgebundenen Unterdrückung der wahren Bestimmung des frei geborenen Menschen.

STEFFEN GNAM

Gao Xingjian: "Die Angel meines Großvaters". Erzählungen. Aus dem Chinesischen von Natascha Gentz Vittinghoff. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008. 208 S., geb., 19,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.01.2009, Nr. 24 / Seite 32
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