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Rate, wer zur Party kommt

Grégoire Bouillier liebt Überraschungen

"Man meint, an alles zu denken, und vergisst dabei das Buch, das auf dem Nachttisch liegt." Das könnte zum Beispiel der schmale Roman von Grégoire Bouillier sein, in dem dieser Satz steht, denn er eignet sich hervorragend als Bettlektüre. Er liegt leicht in der Hand, ist vom Umfang her überschaubar, ist flüssig und zuweilen auch amüsant zu lesen und handelt zudem ein großes und ewig junges Thema ab, nämlich das Verhältnis von Kunst und Leben. Es kommt schließlich auch zu einem bündigen Ergebnis, nämlich dass das Leben selbst der eigentliche Roman sei. Und wer wollte da widersprechen?

Vor allem bei dieser Geschichte sollte man das nicht: Der (Noch-nicht-) Schriftsteller Grégoire Bouillier erhält einen Anruf von seiner früheren Geliebten, die ihn Jahre zuvor ohne ein Wort verlassen hat. Sie bittet ihn, auf der Geburtstagsparty der Künstlerin Sophie Calle als diesjähriger Überraschungsgast aufzutauchen. Madame Calle lässt sich nämlich jedes Jahr von einem ihrer Gäste einen Überraschungsgast präsentieren. Dessen Geschenk wird jedoch niemals ausgepackt und benutzt, sondern verschwindet in der Sammlung und wird eines Tages in einem Buch von Sophie Calle wiederauftauchen: "Le rituel d'anniversaire", erschienen 1998. Als Bouillier die Gastrolle übernimmt, 1990, weiß er aber nichts von diesem Ritual und kauft deshalb, um zu prunken, eine sündhaft teure Flasche Wein, einen 1964er Chateau du Tertre, im Buch ganz hinten fotografisch wiedergegeben, Foto natürlich von Sophie Calle.

Ihm geht es auch nicht um die Geburtstagsfeier, sondern um seine frühere Geliebte, die ihm auf dem Fest endlich erklären wird, so hofft er jedenfalls, warum sie ihn damals, ohne auch nur ein Wort zu sagen, verlassen hat. Denn darunter leidet er noch immer. Das tut sie dann natürlich nicht; doch am Ende, kurz bevor Bouillier das Fest verlässt, sagt sie ihm noch einen Satz über Rosen, den der überaus belesene Bouillier zu kennen meint. Und richtig, er ist aus "Mrs. Dalloway", dem Buch, das seine frühere Geliebte über alles geliebt und aus dem sie ihm sogar vorgelesen hat, als sie noch zusammen waren. Nun liest er es selbst, sieht die Parallelen der Geschichte von Clarissa Dalloway und Peter Walsh zu der zwischen seiner früheren Geliebten und sich selbst - und ist versöhnt. Versöhnung gehört zu den Aufgaben der Kunst, das wissen wir.

Zwölf Jahre später trifft der Autor noch einmal Sophie Calle. Da hat er schon sein erstes Buch geschrieben, mit dem Titel: "Rapport sur moi", das sogar mit dem Preis des Café de Flore ausgezeichnet wurde, und Madame Calle gratuliert ihm zu dem Buch, ohne sich allerdings noch daran zu erinnern, dass er einmal ihr Überraschungsgast war. Was mit der Flasche Wein geschehen ist, wird hier nicht verraten.

JOCHEN SCHIMMANG

Grégoire Bouillier: "Der Überraschungsgast". Erzählung. Aus dem Französischen übersetzt von Claudia Kalscheuer. Verlag Nagel & Kimche, München/Zürich 2008. 125 S., geb.,

14,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.02.2008, Nr. 50 / Seite 34

 
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Veröffentlicht: 28.02.2008, 12:00 Uhr