Home
http://www.faz.net/-gr4-wi96
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Rate, wer zur Party kommt

Grégoire Bouillier liebt Überraschungen

"Man meint, an alles zu denken, und vergisst dabei das Buch, das auf dem Nachttisch liegt." Das könnte zum Beispiel der schmale Roman von Grégoire Bouillier sein, in dem dieser Satz steht, denn er eignet sich hervorragend als Bettlektüre. Er liegt leicht in der Hand, ist vom Umfang her überschaubar, ist flüssig und zuweilen auch amüsant zu lesen und handelt zudem ein großes und ewig junges Thema ab, nämlich das Verhältnis von Kunst und Leben. Es kommt schließlich auch zu einem bündigen Ergebnis, nämlich dass das Leben selbst der eigentliche Roman sei. Und wer wollte da widersprechen?

Vor allem bei dieser Geschichte sollte man das nicht: Der (Noch-nicht-) Schriftsteller Grégoire Bouillier erhält einen Anruf von seiner früheren Geliebten, die ihn Jahre zuvor ohne ein Wort verlassen hat. Sie bittet ihn, auf der Geburtstagsparty der Künstlerin Sophie Calle als diesjähriger Überraschungsgast aufzutauchen. Madame Calle lässt sich nämlich jedes Jahr von einem ihrer Gäste einen Überraschungsgast präsentieren. Dessen Geschenk wird jedoch niemals ausgepackt und benutzt, sondern verschwindet in der Sammlung und wird eines Tages in einem Buch von Sophie Calle wiederauftauchen: "Le rituel d'anniversaire", erschienen 1998. Als Bouillier die Gastrolle übernimmt, 1990, weiß er aber nichts von diesem Ritual und kauft deshalb, um zu prunken, eine sündhaft teure Flasche Wein, einen 1964er Chateau du Tertre, im Buch ganz hinten fotografisch wiedergegeben, Foto natürlich von Sophie Calle.

Ihm geht es auch nicht um die Geburtstagsfeier, sondern um seine frühere Geliebte, die ihm auf dem Fest endlich erklären wird, so hofft er jedenfalls, warum sie ihn damals, ohne auch nur ein Wort zu sagen, verlassen hat. Denn darunter leidet er noch immer. Das tut sie dann natürlich nicht; doch am Ende, kurz bevor Bouillier das Fest verlässt, sagt sie ihm noch einen Satz über Rosen, den der überaus belesene Bouillier zu kennen meint. Und richtig, er ist aus "Mrs. Dalloway", dem Buch, das seine frühere Geliebte über alles geliebt und aus dem sie ihm sogar vorgelesen hat, als sie noch zusammen waren. Nun liest er es selbst, sieht die Parallelen der Geschichte von Clarissa Dalloway und Peter Walsh zu der zwischen seiner früheren Geliebten und sich selbst - und ist versöhnt. Versöhnung gehört zu den Aufgaben der Kunst, das wissen wir.

Zwölf Jahre später trifft der Autor noch einmal Sophie Calle. Da hat er schon sein erstes Buch geschrieben, mit dem Titel: "Rapport sur moi", das sogar mit dem Preis des Café de Flore ausgezeichnet wurde, und Madame Calle gratuliert ihm zu dem Buch, ohne sich allerdings noch daran zu erinnern, dass er einmal ihr Überraschungsgast war. Was mit der Flasche Wein geschehen ist, wird hier nicht verraten.

JOCHEN SCHIMMANG

Grégoire Bouillier: "Der Überraschungsgast". Erzählung. Aus dem Französischen übersetzt von Claudia Kalscheuer. Verlag Nagel & Kimche, München/Zürich 2008. 125 S., geb.,

14,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.02.2008, Nr. 50 / Seite 34

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Dichterspuren Die Abschiedsreise des Elefanten Salomon

In seinem letzten Roman hat der portugiesische Literaturnobelpreisträger José Saramago einen abenteuerlichen Tross durch das Hinterland seiner Heimat begleitet. Eine Spurensuche. Mehr Von Lottemi Doormann

28.10.2014, 18:20 Uhr | Reise
Bewegende Gedenkfeier für Michael Brown

Im Rahmen einer großen Trauerfeier ist der in Ferguson erschossene Jugendliche Michael Brown geehrt worden. Dabei sandte die Trauergemeinde auch Signale von Frieden und Versöhnung aus. Ein weißer Polizist hatte den unbewaffneten Schwarzen erschossen. Mehr

26.08.2014, 10:48 Uhr | Politik
WM 2022 in Qatar Ist es im Mai weniger heiß als im Juni?

Karl-Heinz Rummenigge hat im Namen der europäischen Klubs einen Terminvorschlag für die Fußball-WM 2022 in Qatar unterbreitet. Die Ideen des Hobby-Klimaforschers wirken zunächst befremdlich. Aber er könnte die Lösung für den ewigen Streit präsentiert haben. Mehr Von Daniel Meuren

30.10.2014, 20:10 Uhr | Sport
Wolfgang Matz über Die Kunst des Ehebruchs

Effi Briest, Anna Karenina, Madame Bovary: Mit diesen Großromanen der Weltliteratur kam der Ehebruch, lange Zeit ein Adelsprivileg, auch im Bürgertum an. Wolfgang Matz hat darüber ein Buch geschrieben. Am F.A.Z.-Stand befragt ihn Jürgen Kaube. Mehr

08.10.2014, 13:21 Uhr | Feuilleton
OLG Karlsruhe Kachelmann darf frühere Geliebte nicht als Kriminelle bezeichnen

Wettermoderator Jörg Kachelmann darf seiner früheren Freundin, die ihn der Vergewaltigung bezichtigt hatte, zwar Falschbeschuldigung vorwerfen. Als Kriminelle darf er sie aber nicht abstempeln, wie ein Gericht nun endgültig entschieden hat. Mehr

30.10.2014, 14:04 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 28.02.2008, 12:00 Uhr