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Veröffentlicht: 09.11.2012, 14:50 Uhr

Ralph Dohrmann: Kronhardt Teilzeitunternehmer mit Eigensinn

Kühner Erstling: Ralph Dohrmann erzählt in seinem Roman „Kronhardt“ von einer Bremer Tuchhandelsdynastie. Dabei kreist er, ganz im Geist der Romantik, um Freiheit und Einengung.

© Verlag

Die unaufhörliche Mahnung zur Erinnerung an das Leid, das die totalitären Ideologien des zwanzigsten Jahrhunderts dem Menschen zufügten, birgt zumal im Zusammenhang mit der Kritik der neuzeitlichen Naturbeherrschung eine schwer auflösbare Paradoxie. Sie fordert unterschwellig oder offen dazu auf, sich bloß nicht einzubilden, man könne als Privatperson so vor sich hin leben.

Der Einzelne wird auch im demokratischen System ständig genötigt, sich für das angebliche Wohl der ganzen Menschheit verantwortlich zu fühlen und einzusetzen, und sei es auch nur bei der Mülltrennung. Wer sich zu sehr als ein Individuum aufführt, gerät nicht nur in deutscher Tradition leicht unter Verdacht, und gern wird der Individualismus, als ob es ihn noch gäbe, für die sozialen Defizite in der Moderne verantwortlich gemacht. Loblieder der Freiheit aber klingen selbst in Politikerreden ziemlich zaghaft.

Literatur als Freizeitbeschäftigung?

Die Kulturindustrie betreibt die Standardisierung des Bewusstseins in der Modellierung des mobilen Erfolgsmenschen, gleichzeitig produziert sie eine Flut von Ratgeberliteratur, in der die seligmachende Abweichung in der selbstbezogenen Langsamkeit propagiert wird. So wird die Illusion des über sich selbst verfügenden Subjekts als eskapistischer Ramsch zur Ware.

Indessen hat die Bildungspolitik die Idee des in der Bildung zur Selbstbestimmung gelangenden Individuums auf Nimmerwiedersehen verabschiedet. Das Ideal des europäischen Hochschulraums ist ein Subjekt, das sich in der Daueraktivität, in der pausenlosen Zirkulation von Wissen und der Aneignung von kommunikativen Kompetenzen unternehmerisch zu sich selbst verhält, um sich universal brauchbar zu erweisen.

Literatur fällt dabei unter Freizeitgestaltung und darf nicht unnötig aufhalten. Zumal der Bildungsroman erscheint uneinholbar in die Ferne einer untergegangenen Epoche entrückt. In seinem erstaunlichen Debüt zeigt der 1963 geborene, in Bremen aufgewachsene Ralph Dohrmann, dass das noch nicht ausgemacht ist, obwohl seinem neunhundert Seiten starken Epos das Etikett des Unzeitgemäßen wohl nicht erspart bleiben wird.

Vom Lied der Freiheit

Die Bezüge zur Tradition verbirgt Dohrmann nicht, umso prägnanter treten die Abweichungen hervor. Sein Held heißt Willem, anders als Goethes Wilhelm Meister aber muss er ohne die geheim lenkende Weisheit einer planvollen Vorsehung durchs Leben gehen. Allenfalls bleibt davon übrig, dass er gelegentlich glaubt, eine „geisterhafte Fernwirkung“ zu verspüren, im Guten wie im Schlechten. Er neigt zur Passivität eines Oblomow, entscheidet sich aber dazu, nur halbtags auf dem Sofa vor sich hin zu philosophieren.

Olga gelingt es nicht, Oblomow vom Gefühl der Überflüssigkeit zu erlösen, für Willem dagegen ist die Ehe mit Barbara ein Refugium vor den Zumutungen der Gesellschaft. Dass er zeugungsunfähig ist, erhöht sein Behagen, denn wer Kinder hat, steht immer in Gefahr, von den Institutionen als Geisel genommen zu werden. Schließlich darf in einer Hansestadtsaga der Bezug auf die „Buddenbrooks“ nicht fehlen. Willem geht zwar der hanseatische Unternehmergeist ab, mit dem Motiv der Dekadenz wird aber nur gespielt, trotz Arterhaltungsverweigerung neigt Willem zum Vitalismus.

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