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Rainald Goetz: Johann Holtrop : Im Gehege des Wirtschaftsungeheuers

Bild: Verlag

Der Kapitalismus leuchtet so hell und wild wie noch nie: „Johann Holtrop“ und wie sein Autor die Welt sieht. Der neue Roman von Rainald Goetz ist da.

          Eine Seite lang glaubt man sich in einem Roman von Uwe Tellkamp: Still stehen die Gebäude, dunkel klingt die Unstrut an, „Mitternacht schlug eine Uhr von ferne“. Eine Seite lang glaubt man, Rainald Goetz hätte sich tatsächlich neu erfunden. Doch mitten ins ostdeutsch-opake Nachttableau wetterleuchtet schon Blitzprosa: „So falsch, so lächerlich, so blind gedacht, so infantil größenwahnsinnig wie, wie, wie -“. Das Suchen nach Worten und der Gedankenstrich sollen Wut signalisieren, sprachohnmächtige Wut.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Willkommen in der Welt von Johann Holtrop. Er ist der Herr über einen Konzern namens Assperg Medien AG. Nein, schon falsch: In Wirklichkeit ist Johann Holtrop ein armer Wicht, der als Vorstandsvorsitzender unter der Fuchtel des Mehrheitsaktionärs Berthold Assmann und dessen Frau Kate steht. Er ist ein Mann, der von sich restlos überzeugt ist, aber nichts geleistet hat außer einem Konzernaufbau, der nach Schema F gelaufen ist: durch Zukäufe. Was nicht funktioniert, wird wieder dichtgemacht, Geld ist auf dem Kapitalmarkt genug da. „Wir haben kein Geld? Dann besorgen wir uns eben eines.“ Wir schreiben das Jahr 2001, noch liegt der 11. September in der Zukunft. „Wirtschaft war endlich Kunst geworden, der schönste und größte Weltfreiraum für alle wirklich abenteuerlich gesinnten Menschen, der Kapitalismus leuchtete, hell und wild wie noch nie.“

          Die Welt hat darauf gewartet

          Willkommen in einem Buch von Rainald Goetz. Seinem neuen Roman, dem ersten seit „Abfall für alle“, der 1999 zwar als „Roman eines Jahres“ ausgewiesen war, aber aus nichts anderem bestand als den Einträgen eines Netztagebuchs. Wenn man aber den wahren Bezug zu „Johann Holtrop“ im Werk finden will, muss man zurück an den Anfang, zu „Irre“ von 1983. Damals die Psychiatrie, heute der Kapitalismus, damals der Querulant als Leitfigur (“rechthaberisch, halsstarrig, fanatisch, unbelehrbar, zugleich verwundbar und auf geringfügiges oder auch nur vermeintliches Unrecht überempfindlich reagierend“), heute der Spekulant, auf den all das auch zuträfe, wenn man das Unrecht nur um die zwei kleinen Wörter „gegenüber ihm“ ergänzen würde.

          Auf diesen Roman „Johann Holtrop“ hat die Welt gewartet, wenn man der Berichterstattung glaubte, die selbst die Übergabe von Leseexemplaren an die Kritiker in einer Agape-Zeremonie mit dem Autor zum Ereignis stilisierte. Nun ist das Buch da, nachdem das halbe Publikum seit vier Wochen über die Vorabexemplare redete (denn das halbe Publikum von Goetz sind Kritiker), und siehe da: Die Welt hat auf etwas gewartet, was es nicht erst seit vier Wochen, sondern seit dreißig Jahren gibt.

          Der Polternde ist immer schon gescheitert

          Dazu ein Goetz-Zitat: „Die Türe flog auf, Holtrop stand da, demonstrativ unbewegt. Ein Eiswind sollte von Holtrop her in den Raum hineinfegen. Holtrops unbewegtes Dastehen sagte: ,Da sitzt ihr also alle und schaut mich an.’ Der Zorn, den er so übermitteln wollte, kam aber nicht an.“ Das ist eine schöne Beschreibung, kalt wie die Figur selbst, aber es ist die Inszenierung von posierter Plötzlichkeit, die wir schon aus „Irre“ kennen, gleich auf Seite 12 zum Beispiel, beim Auftritt von Peter Sposta, oder sechzehn Seiten danach, wenn Frau Zarges ihren Mann wecken will. Und immer folgt aus all dem Aplomb: nichts. Bei Goetz ist der Polternde immer schon gescheitert.

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