Eine Seite lang glaubt man sich in einem Roman von Uwe Tellkamp: Still stehen die Gebäude, dunkel klingt die Unstrut an, „Mitternacht schlug eine Uhr von ferne“. Eine Seite lang glaubt man, Rainald Goetz hätte sich tatsächlich neu erfunden. Doch mitten ins ostdeutsch-opake Nachttableau wetterleuchtet schon Blitzprosa: „So falsch, so lächerlich, so blind gedacht, so infantil größenwahnsinnig wie, wie, wie -“. Das Suchen nach Worten und der Gedankenstrich sollen Wut signalisieren, sprachohnmächtige Wut.
Willkommen in der Welt von Johann Holtrop. Er ist der Herr über einen Konzern namens Assperg Medien AG. Nein, schon falsch: In Wirklichkeit ist Johann Holtrop ein armer Wicht, der als Vorstandsvorsitzender unter der Fuchtel des Mehrheitsaktionärs Berthold Assmann und dessen Frau Kate steht. Er ist ein Mann, der von sich restlos überzeugt ist, aber nichts geleistet hat außer einem Konzernaufbau, der nach Schema F gelaufen ist: durch Zukäufe. Was nicht funktioniert, wird wieder dichtgemacht, Geld ist auf dem Kapitalmarkt genug da. „Wir haben kein Geld? Dann besorgen wir uns eben eines.“ Wir schreiben das Jahr 2001, noch liegt der 11. September in der Zukunft. „Wirtschaft war endlich Kunst geworden, der schönste und größte Weltfreiraum für alle wirklich abenteuerlich gesinnten Menschen, der Kapitalismus leuchtete, hell und wild wie noch nie.“
Die Welt hat darauf gewartet
Willkommen in einem Buch von Rainald Goetz. Seinem neuen Roman, dem ersten seit „Abfall für alle“, der 1999 zwar als „Roman eines Jahres“ ausgewiesen war, aber aus nichts anderem bestand als den Einträgen eines Netztagebuchs. Wenn man aber den wahren Bezug zu „Johann Holtrop“ im Werk finden will, muss man zurück an den Anfang, zu „Irre“ von 1983. Damals die Psychiatrie, heute der Kapitalismus, damals der Querulant als Leitfigur (“rechthaberisch, halsstarrig, fanatisch, unbelehrbar, zugleich verwundbar und auf geringfügiges oder auch nur vermeintliches Unrecht überempfindlich reagierend“), heute der Spekulant, auf den all das auch zuträfe, wenn man das Unrecht nur um die zwei kleinen Wörter „gegenüber ihm“ ergänzen würde.
Auf diesen Roman „Johann Holtrop“ hat die Welt gewartet, wenn man der Berichterstattung glaubte, die selbst die Übergabe von Leseexemplaren an die Kritiker in einer Agape-Zeremonie mit dem Autor zum Ereignis stilisierte. Nun ist das Buch da, nachdem das halbe Publikum seit vier Wochen über die Vorabexemplare redete (denn das halbe Publikum von Goetz sind Kritiker), und siehe da: Die Welt hat auf etwas gewartet, was es nicht erst seit vier Wochen, sondern seit dreißig Jahren gibt.
Der Polternde ist immer schon gescheitert
Dazu ein Goetz-Zitat: „Die Türe flog auf, Holtrop stand da, demonstrativ unbewegt. Ein Eiswind sollte von Holtrop her in den Raum hineinfegen. Holtrops unbewegtes Dastehen sagte: ,Da sitzt ihr also alle und schaut mich an.’ Der Zorn, den er so übermitteln wollte, kam aber nicht an.“ Das ist eine schöne Beschreibung, kalt wie die Figur selbst, aber es ist die Inszenierung von posierter Plötzlichkeit, die wir schon aus „Irre“ kennen, gleich auf Seite 12 zum Beispiel, beim Auftritt von Peter Sposta, oder sechzehn Seiten danach, wenn Frau Zarges ihren Mann wecken will. Und immer folgt aus all dem Aplomb: nichts. Bei Goetz ist der Polternde immer schon gescheitert.
Das ist witzig, wenn man an Stellen wie diese in „Johann Holtrop“ über ein Gespräch unter Managern denkt: „All das war Arbeit am Hass, Vergesellschaftung der Niedertracht, Entsorgung der gegenseitigen Verachtung, die jeder für jeden in sich hatte, direkt in den anderen hinein, Verkippung, Verklappung und zwischendurch Ausatmen: foetor ex ore, stinkender Mundgeruch weitergegeben im Reden, von Chef zu Chef.“ Das ist furor ex ore, aber Goetz hält ihn offensichtlich für gescheit.
Weniger Anschauung als Anschmiegung
In Geschmacklosigkeit allein liegt aber keine höhere Wahrheit, und auch nicht in der Denunziation seiner Figuren, die Goetz lustvoll betreibt (und man muss dazu nicht wissen, dass es sich um Thomas Middelhoff und Bertelsmann handelt, die hier notdürftig als Holtrop und Assperg kostümiert werden). Wahrheit entsteht aber durch sardonischen Humor, und wer eine der komischsten Szenen der deutschen Literatur kennenlernen will, der schlage „Johann Holtrop“ auf Seite 178 f. auf und lese, wie der Titelschuft in den 43 Minuten Pause zwischen der Einnahme des Stimulansmittels Tradon und einem Geschäftsabschluss mit China Gliederung, Inhaltsangabe, Exposé und das erste private Kapitel seiner Autobiographie niederschreibt und dann einem Adlatus zu lesen gibt. Supralatio delectat.
Dagegen beruht die sonstige Beschreibung der Managerwelt weniger auf Anschauung als auf Anschmiegung. Goetz hegt und pflegt die Wirtschaftsungeheuerlichkeit. Und er schreibt so, wie seine Protagonisten geschildert werden: selbstherrlich (mit Marotten wie „der Unter“ „ingesamtigem Anzug“ oder „hyperpräzistisch“); unbelehrbar (die „Kaputtheit“ der Gesellschaft wird nicht beschrieben, sondern deklamiert - sofern man „Gesellschaft“ nicht als Synonym der happy few versteht), unsensibel (die zahlreichen notdürftig verbrämten Gastauftritte von realer Prominenz sollen dieser weh tun), albern (Hitlers Führerbunkerzimmer „Bernd Eichinger“ oder die Donalfonskosaken) und vor allem skrupellos. Denn die Figur des Leiharbeiters Henze, mit dem Goetz seine ersten beiden Kapitel bestreitet, spielt für das Romangefüge die gleiche Rolle wie ebenjener Henze für die Assperg AG, als er ein paar hundert Seiten später rätselhaft verschwindet: Er wird geopfert, um eine missratene Konstruktion zu kaschieren.
Goetz als Romancier muss nicht sein
Vor allem aber fällt auf, dass „Johann Holtrop“ die Phänomene des letzten Jahrzehnts - die Handlung erstreckt sich bis zum Dezember 2010 - mit dem Erzählstil des vorvorletzten bewältigen zu können meint. Seitdem hat aber ein Autor wie Ulrich Peltzer Romane geschrieben, die auch im Stil zeitgemäß sind und nicht nur in der Skepsis gegenüber dem Kapitalismus: weil sie sich, die Epochen vorwegnehmend, verändern. Auch „Irre“ war in seiner Vielzahl der Stimmen und Anverwandlungen an eine Medienwelt, die es noch gar nicht gab, eine solche Vorwegnahme der Zukunft. „Johann Holtrop“ ist ein Rückblick. Die einzige Zukunft, die darin auffällt, ist eine, die Johann Holtrop der Decke seines Büros abliest: „die Zukunft, die kommen würde“. Welche denn sonst? Aber warum sollte sich ein Goetz um Tautologien scheren.
Ihm reicht das Etikett „Schlucht“, das er als Werkkomplextitel allen seinen Büchern seit 2008 verpasst, weil er glaubt, dass er dann durch ein neckisches Adjektiv wie „schluchtbekannt“, das er in „Johann Holtrop“ der angeblichen Modedroge Euphorin anpappt, eine innere Kohärenz zwischen den jeweiligen Büchern herstellt. Nein, die gibt es nicht. Goetz als Zeitdiagnostiker - warum nicht? Goetz als kalter Satiriker - allemal! Goetz als Romancier - muss nicht mehr sein.
Werk-Logiken
Carmen Schuchna (Asako)
- 07.09.2012, 18:02 Uhr