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: Poesie mit Maggi-Würze

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1896 meldete sich im satirischen Münchener "Simplicissimus" eine neue und auffallend freche Stimme zu Wort. Sie schrieb sich einem gewissen Hieronymus Jobs(ius) zu, aber bald wusste man, dass sich hinter diesem Pseudonym der zweiunddreißigjährige Frank Wedekind verbarg. Dieser hatte sich zwar als Verfasser ...

          1896 meldete sich im satirischen Münchener "Simplicissimus" eine neue und auffallend freche Stimme zu Wort. Sie schrieb sich einem gewissen Hieronymus Jobs(ius) zu, aber bald wusste man, dass sich hinter diesem Pseudonym der zweiunddreißigjährige Frank Wedekind verbarg. Dieser hatte sich zwar als Verfasser dramatischer Texte einen Namen gemacht, aber nicht als Lyriker. Trotzdem wirkten seine Gedichte außerordentlich routinert und ließen auf eine beträchtliche Übung schließen.

          In der Tat war der neue Mitarbeiter des "Simplicissimus" ein vielgeübter Lyriker, vielleicht sollte man eher sagen, dass er ein fleißiger, nein: ein besessener Verseschmied war. Ein gewisser Professor Rauchenstein, bei dem Wedekind während seiner Aarauer Gymnasialzeit von 1879 bis 1884 zur Untermiete wohnte, schrieb an seinen Vater: "Seine grenzenlose Faulheit, Gleichgültigkeit und die jeder gesunden Entwicklung und Disziplinierung im Wege stehende Poetasterei spotten jeder Beschreibung." Wedekind verfügte schon von früher Schulzeit an über eine solche Versgewandtheit, dass er praktisch alles, was ihn beschäftigte, in Versform brachte: das Leben auf Schloss Lenzburg, den Schulstoff und die Schulordnung, dann aber bald auch die Liebe. Kein einigermaßen ansehnliches Mädchen scheint vor den Versen des jungen Wedekind sicher gewesen zu sein, und auch keine Frau, die ihm etwas Aufmerksamkeit zukommen ließ.

          Wedekinds Jugendlyrik ist, wie der Herausgeber Georg W. Forcht durch umsichtige Kommentare deutlich macht, biographisch und werkgeschichtlich interessant. Literarisch, künstlerisch sind diese Verse bedeutungslos, und Skandalwert haben sie keinen. Im übrigen sind sie jetzt auch gut kommentiert im ersten Band der Darmstädter Ausgabe von Wedekinds Werken zu finden. Das nimmt dem Buch von Forcht nicht seinen Wert; es bietet die Gedichte auch in Wedekinds schmucker Handschrift und mit seinen Illustrationen. Und Forcht zeichnet Wedekinds Entwicklung sorgfältig nach.

          1886 wurde er von Julius Maggis Suppenwürzefabrik in Kemptthal bei Zürich als Werbedichter engagiert und für die folgendern Versev im Stücklohn honoriert: "Was dem einen fehlt, das findet / In dem Andern sich bereit; / Wo sich Mann und Weib verbindet / Keimen Glück und Seligkeit. / Alles Wohl beruht auf Paarung; / Wie dem Leben Poesie / Fehle Maggi's Suppen-Nahrung / Maggi's Speise-Würze nie!"

          Man versteht, dass Wedekind seine lyrische Muse als allzu leicht empfand und den Ehrgeiz entwickelte, als Dramatiker zu reüssieren und dem Drama einen neuen Stil zu geben. Aber das schlug zunächst fehl. Eines seiner ersten und später berühmtesten Stücke, "Frühlings Erwachen", erschien zwar 1891 im Druck, kam aber erst 1906 auf die Bühne. Dafür war Wedekind bald als Bänkelsänger und Verfasser zeitkritischer Simpliciana begehrt. Seine jugendliche "Poetasterei" erwies sich als vorzügliche Einübung; jetzt gelangen ihm Verse von Heinescher Bissigkeit und Eleganz.

          HELMUTH KIESEL

          Georg W. Forcht: ",Liebesklänge' und andere ausgewählte Lyrik-Manuskripte des jungen Frank Wedekind". Centaurus Verlag, Herbolzheim 2007. 338 S., br., 24,50 [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.10.2007, Nr. 243 / Seite 38

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