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: Piraten schlafen nie im Hafen

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Dieses Buch ist Debüt und Meisterwerk zugleich. Besser kann man nicht erzählen, wenn man als Publikum Heranwachsende im Visier hat - jung genug, um sich einen kindlichen Zug des Verspielten bewahrt zu haben, dabei schon so lebensklug, daß sie etwa die Grausamkeit der klassischen Märchenwelt zu deuten verstehen.

          Dieses Buch ist Debüt und Meisterwerk zugleich. Besser kann man nicht erzählen, wenn man als Publikum Heranwachsende im Visier hat - jung genug, um sich einen kindlichen Zug des Verspielten bewahrt zu haben, dabei schon so lebensklug, daß sie etwa die Grausamkeit der klassischen Märchenwelt zu deuten verstehen. Das gilt für erwachsene Leser nicht minder, die diesem Buch ebenfalls zu wünschen sind. Denn "Der Schrecken der Ozeane" ist witzig und geistreich und bietet mit einem Füllhorn aus Figuren und Finten sogar noch nach mehrmaligen Begegnungen neue Überraschungen. So gesehen, ist diese Piratenmär geradezu enzyklopädisch - das Beste, was es im Jugendbuch über Freibeuter zu lesen gibt, ist es allemal.

          Der Autor dieses Wunderwerks, Leuw von Katzenstein, arbeitet hauptberuflich als Geschäftsführer des Thalia-Theaters in Hamburg. Er selbst bezeichnet sich in den biographischen Notizen als "Chefbuchhalter eines Revuetheaters in der Nähe von Buxtehude". Auf Anhieb ist zu erkennen, daß viel geflunkert wird in dieser Erzählung, die ihren Funkenflug über den literarischen Lunten des Barons Münchhausen entfacht und auch vor den maritimen Panoramen von Walter Moers' Mär vom Kapitän Blaubär. Doch selten hat es mehr Spaß gemacht, der Phantasie eines hemmungslos epischen Causeurs auf den Leim zu gehen.

          Die Rahmenhandlung immerhin ist autobiographisch beglaubigt. Das Buch, ursprünglich als Hörspiel konzipiert, entstand, als der Autor nach einem Weihnachtsgeschenk für die Söhne seiner verstorbenen Schwester suchte. In der Erzählung kommt ihm Friedrich zu Hilfe, ein dreihundertsechzig Jahre alter, dennoch ausgesprochen agiler und grandios grantelnder Rabe, der im Austausch gegen immer größere Portionen Rührei dem Erzähler seine Lebensgeschichte erzählt, auf daß daraus ein Buchgeschenk entstehe. Die Kapitel werden jeweils von Briefformeln an die Neffen und den Begegnungen mit dem Raben eröffnet: eine literarische Finte, die ganz selbstverständlich die Glaubwürdigkeit der folgenden phantastischen Episoden einfordert.

          Doch die pointenfunkensprühende Erzählung hält sich an keine Ebenen. Sie schafft sich ihren eigenen Vorstellungsraum. Die Geschichte des Raben führt geradewegs auf die Schulter des Piratenkapitäns Buckelbert Hansen, genannt Buckelbert der Blutige, der doch eher ein gutmütiger Freibeuter ist - so nett, wie ein Pirat eben nur sein kann, der vom Stehlen, Entführen und Morden lebt. Gemeinsam kämpfen sie gegen einen gigantischen Kraken, das auf Latein parlierende Krokodil Cicero, die englische Flotte, Sklavenhändler und mißgünstige Piratenkollegen, Albert den Albernen und Robert den Rostigen, auch genannt die Rotznase.

          Es gehört zu den höheren Qualitäten dieser pointentrunkenen Fabulierlust, die auch naheliegendsten Kalauern nicht aus dem Weg geht, daß sie ihre Phantastik immer wieder mit dunklen Lebens- und Überlebenstönen grundiert. So verspeist der Rabe am liebsten Rührei aus Rabeneiern und findet das Entsetzen des Erzählers über diesen Kannibalismus reichlich unangemessen: "Muß ich mir jetzt Vorwürfe anhören? Die dumme Elster wollte mich zum Essen einladen. Tote Katze mit Würmern hatte sie mir versprochen. Und was gab es? Nichts!"

          "Der Schrecken der Ozeane" läßt sich als großes Ganzes genießen und in all seinen Einzelteilen. Denn erst in der Nahaufnahme offenbart sich, mit welch ungeheurer Menge an Material ganz unterschiedlicher Herkunft der Autor jongliert: Zitaten und Anspielungen aus Literatur, Geschichte und Pop - so führt etwa der Name "Henry the Horse" für das Pferd der englischen Königin, einer leidenschaftlichen Reiterin, unversehens zu einem Beatles-Song.

          Überhaupt die Musik. Der Roman läßt sich als Ballade lesen, vorlesen und hören, angetrieben vom gleichmäßigen Grundrhythmus der Erzählmelodie. Sie wird von den geschilderten Ereignissen interpunktiert, die alle ihre eigene Klangfarbe haben. Mal trumpfen sie als Trommelwirbel auf, mal als grelles Trompetensignal.

          Geradezu konstitutive Ergänzung des Lesespaßes ist die leicht gekürzte Hörspielfassung. Darin erhalten die Figuren leibhaftige Stimmen - man hört das schrille Fisteln des Hamburger Herzogs Henning (Peter Franke) und das rheinische Kollern Alberts des Albernen (Wolfgang Niedecken), der seinen Namen der Angewohnheit verdankt, Gefangene auf einsamen Inseln mit selbsterfundenen Witzen zu foltern.

          Aller Pointen, Klänge und beigefügter ungenießbarer Kochrezepte nicht genug: Ein weiteres Nebenkunstwerk ganz eigenen Zuschnitts ist die CD mit Piratenliedern in der Hörspielkassette. Ihre Texte, die dem Buch entnommen sind und mit Weisheit und Erkenntnis aufwarten ("Piraten schlafen niemals im Hafen"), treffen hier auf gleichrangige Kompositions- und Interpretationskunst (Cornelia Schirmer, Frank Wulff und Wolfgang von Henko), hoch über der sonst doch vorwiegend gutgemeinten Kinderliedproduktion. Höhepunkt des musikalischen Vergnügens ist der "Raubritterblues", eine hinreißende Ode auf das Faulsein. Vielleicht handelt es sich dabei ja schon um das Morgengrauen eines neuen phantastischen Kosmos des Leuw von Katzenstein. Das wäre fabelhaft.

          ANDREAS OBST

          Leuw von Katzenstein: "Der Schrecken der Ozeane". Illustrationen von Thomas M. Müller. Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim 2006. 283 S., geb., 14,90 [Euro]. Ab 12 J.

          Leuw von Katzenstein: "Der Schrecken der Ozeane". Szenische Lesung mit Andreas Fröhlich, Rainer Strecker, Wolfgang Niedecken, Christoph Bantzer, Rosemarie Fendel u. a. Hörcompany, Hamburg 2006. Kassette mit 4 CDs und einer CD mit Piratenliedern, 22,90 [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.06.2006, Nr. 144 / Seite 46

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