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Pier Paolo Pasolini: Rom, andere Stadt : Aufgetaucht aus ferner Zeit, liegt ihm ganz Rom zu Füßen

Bild: Verlag

Wie beschreibt man Städte, zu denen alles gesagt ist? Eine edle Buchreihe führt es vor. Und schickt dazu Pier Paolo Pasolini durch die nächtlichen Straßen Roms, wo er sich ins Abendvergnügen und Impressionensammeln stürzte.

          Eigentlich passiert nicht viel: Der belgische Schriftsteller Bart Moeyaert schenkt seiner Mutter zum 70. Geburtstag eine Reise nach Paris. Drei Tage bleiben die beiden dort, am Ende zählt die Mutter auf, wo man überall gewesen ist - Notre-Dame, der Eiffelturm, das Musée d'Orsay. „,Und dann das Museum heute', sagte sie plötzlich. ,Der Louvre, Mutter', sagte ich. ,Den machen wir nicht mehr, Junge, den Louvre. Der ist viel zu groß.'“ Und als sie dann wieder ins Irgendwo schaut, da weiß ihr Sohn, dass sie über ein unspektakuläres Leben nachdenkt, ein Leben ohne große Reisen, und darüber, wie leicht uns eine mit fremden Erinnerungen und kollektiven Legenden beladene Stadt überfordern kann.

          Bart Moeyaerts Geschichte steht am Anfang eines literarischen Reisebuchs aus der Reihe „Corsofolio“, die seit dem vergangenen Herbst im Corso Verlag erscheint und Reportagen und Essays mit grandiosen Bildern verbindet. Ein Schwerpunkt jeder Ausgabe gilt immer einem Fotografen wie Herbert List oder Fritz Henle. Den Auftakt machte ein Band über Rom mit Beiträgen von Martin Mosebach, Navid Kermani, Feridun Zaimoglu, Pasolini und vielen anderen; die gerade erschienene Paris-Ausgabe wartet mit Peter Stamm, Paul Nizon, Anne Weber und Louis Begley auf.

          Existentielle Fragen über das Reisen

          Die Gestaltung ist gediegen, die Typographie so schnörkellos wie elegant, an Einband und Papier wurde sichtlich nicht gespart, so dass die Aufnahmen bestens zur Geltung kommen. Natürlich birgt das die Gefahr in sich, dass diese Prachtbände über bekannte Touristenziele irgendwann einmal in Schönheit sterben und langweilig werden könnten.

          Dass sie das nicht tun, dass sie sogar meilenweit davon entfernt sind, das macht das Besondere dieser Buchreihe aus. Das liegt zum einen daran, dass schon die Fotos den Betrachter mit einer wachsenden Intensität belohnen; viele von ihnen wirken beim wiederholten Anschauen sogar eher beunruhigend als vertraut. Zum anderen stellen selbst so leichtfüßige Texte wie der Bart Moeyaerts existentielle Fragen über das Reisen und die daraus resultierende Erinnerung an Orte, die von den Umständen des Reisens nicht zu trennen ist. Hier heißt das: in welchem Zustand sich der Reisende selbst befindet und welche Begegnungen er macht. Diesen Zusammenhang jeweils neu aufscheinen zu lassen, ohne ihn zu zerreden, scheint eine der Anforderungen zu sein, denen die Beiträge dieser Reihe genügen müssen. Und das steht ihr gut zu Gesicht.

          Im dröhnenden Pathos

          Bei Corso sind auch zwei mit derselben gestalterischen Sorgfalt gefertigte Bände mit Texten von Pier Paolo Pasolini erschienen, erstmals auf Deutsch und versehen mit Fotografien von Herbert List beziehungsweise Roberto Villa. Vor allem der einleuchtend „Rom, andere Stadt“ getaufte Sammelband aus Gedichtbänden, Reportagen, Briefen, Erzählungen, Interviews und unveröffentlichten Notizen zeigt, wie sehr Pasolini das Erlebnis Rom als Herausforderung zur künstlerischen Ausgestaltung begriffen hat und wie sehr er unter dem Gefühl litt, an dieser Aufgabe zu scheitern, bevor er sich neuerlich in die „geduldige Arbeit“ des Abendvergnügens und Impressionensammelns stürzte: „Los, lauf sie hinab, die düsteren Kurven, / des Fußwegs nach Trastevere: / und plötzlich, reglos, aufgebracht, wie / aufgetaucht aus dem Schlamm anderer Zeitalter / - um genossen zu werden von denen, die / noch einen Tag dem Tod, dem Schmerz entreißen - / hast du ganz Rom zu deinen Füßen . . .“

          Dass es ihm Ernst ist mit dem Erkunden der Stadt und der eigenen Person, teilt sich auf jeder Zeile mit, in der detailfreudigen Beobachtung von Straßenszenen ebenso wie im dröhnenden Pathos des nicht mehr ganz jungen Mannes unter jungen Männern, die sich um ihn scharen, damit er ihnen seine Gedichte auslegt. Die nächsten Bände von Corsofolio gelten den Städten London, Wien und Kopenhagen.

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