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Philippe Djian: Die Rastlosen Das Semikolon hat ausgedient

 ·  Der Amerikaner unter den Franzosen: In Philippe Djians Inzestgeschichte „Die Rastlosen“ ist die Welt eine Heimat für Schuldbeladene.

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Annie Eggbaum ist so unbegabt, wie es ihr Name vermuten lässt. Trotzdem will sie partout Schriftstellerin werden, was ihr Lehrer der Studentin erst gar nicht auszutreiben versucht. Im Gegenteil: Wenn Annie es wirklich will, glaubt Mark, könnte er sie auf das Niveau der heutigen Durchschnittsproduktion heben - so weit, dass sie mit Verlagen lukrative Verträge abschließen und sogar ein paar Preise und Übersetzungen ergattern werde. „Es war nicht besonders schwer, die Spielregeln zu beachten“, ist sich der Dozent der Literaturklasse sicher. Und überhaupt: „Gab es nicht unsägliche Schreiberlinge, aalglatte Typen, die die höchsten Stufen erklommen?“

So zynisch lässt der französische Schriftsteller Philippe Djian seinen Romanhelden, den gescheiterten Autor Marc, über die Gepflogenheiten des Buchmarkts sprechen. Djian, selbst ein Paradiesvogel, gehört zu den bekanntesten und gewiss eigensinnigsten Autoren Frankreichs. Dort wird gerade sein jüngst erschienener Roman „Oh...“ diskutiert. Der innere Monolog einer Frau, die Opfer einer Vergewaltigung geworden ist, ihrem Peiniger danach aber auf verstörende Weise zugewandt bleibt, ist natürlich als Kleist-Adaption der „Marquise von O...“ zu lesen.

Gespenster der Vergangenheit

Bei uns jedoch erscheint dieser Tage die deutsche Version von Philippe Djians älterem Roman „Incidences“ - „Die Rastlosen“, diesmal nicht von seinem langjährigen Übersetzer Uli Wittmann, sondern von Oliver Ilan Schulz übertragen. Darin wird der amerikanischste unter den französischen Autoren, was ihm die heimische Kritik oft genug vorgeworfen hat, seinem Ruf aufs Neue gerecht. Vordergründig sind „Die Rastlosen“ ein Campusroman.

Doch natürlich geht die Geschichte von Marc und Marianne, die in einem einsamen Haus im Wald leben, darüber hinaus. Das seltsame Geschwisterpaar kann man sich vorstellen als erwachsene Wiedergänger von Hänsel und Gretel. Traumatisiert durch eine Kindheit, in der sie Eltern ausgeliefert waren, die mit Stöcken und Gürteln auf sie einprügelten, sind Marc und Marianne als Erwachsene nur bedingt fähig, ihren Alltag zu meistern.

Marc hat es immerhin als Dozent an die kleine Universität an der Grenze zur Schweiz geschafft, wo schon sein Vater einst Professor war. Vor Marcs Nachstellungen ist keine Studentin sicher. Marianne arbeitet in der Hochschulverwaltung, die meiste Zeit des Tages aber sitzt sie rauchend in ihrem Haus, unfähig, den Gespenstern der Vergangenheit zu entkommen. Diese werden vom Autor niemals konkret ausbuchstabiert, sondern lassen sich nur anhand vereinzelter Anspielungen und Erinnerungsfetzen zusammenpuzzeln.

Irritierende Dichtung

Selbst wenn es in den „Rastlosen“ gelegentlich spannend und auch burlesk zugeht, zeigt sich die Welt darin als ein abgründiger und verschatteter Ort. Präzise obduziert Djian die Psyche seiner Figuren, die oft sogar sympathisch und guten Willens sind, dann aber kläglich an ihren Ansprüchen und Gefühlsgemengelagen zerbrechen. Bei Djian ist es ja immer die Sprache, dieser trockene, seltsam somnambule und manchmal grell knisternde Ton, der den Leser mit sich zieht.

Dass der 1949 in Paris geborene Autor, hätte er nicht ein taubes Ohr, lieber Musiker geworden wäre, wie er bei Gelegenheit erzählt hat, glaubt man gern - scheinen seine Romane doch, als wären sie komponiert wie ein Musikstück. Nicht alle haben Bestand, immer aber erforscht Djian das Wesen von Sprache, mit den unterschiedlichsten Ergebnissen. Der spezifische Djian-Sound jedoch, der erstmals in den achtziger Jahren in dem Roman „Betty Blue“ auch international vernommen wurde (spätestens durch die Verfilmung von Jean-Jacques Beineix), ist bis heute ein irritierendes Moment in der französischen Dichtung geblieben.

Selbst die Unschuldigen sind schuldig

Damals ging es Philippe Djian um das Lebensgefühl von Dreißigjährigen. Seine Helden heute, all die Schriftsteller, Dozenten und Filmproduzentinnen, die an sich, ihren Beziehungen und der Welt leiden, scheinen zusammen mit ihrem Schöpfer gealtert zu sein. Manches aber legt sich offenbar auch mit den Jahren: „Die Haare wurden schütter, der Bart an seinem Kinn ergraute, Falten gruben sich in sein Gesicht, die Augen tränten in der Kälte“, weiß der alles andere als allwissende Erzähler zu berichten, und trotzdem scheint für Marc einiges einfacher zu werden, „er war viel selbstsicherer geworden. Manchmal fühlte er sich fast ungezwungen“.

Wann immer er sich jedoch zurückziehen will, kommt einer des Weges und will geliebt, getröstet oder beachtet werden. Und dann wacht jemand in seinem Bett plötzlich nicht mehr auf. In seiner Not lässt der überforderte Dozent den Leichnam der Studentin verschwinden. Bei Djian, so viel steht fest, machen sich alle schuldig, selbst die Unschuldigen - weil Schuld dem Menschen eingeschrieben ist.

Obwohl, oder vielleicht weil Marc als Schriftsteller nicht reüssieren konnte, hat er ein paar gescheite Gedanken zum Metier. Nur was ist das bloß für ein Literaturlehrer, der seinen Studenten das Semikolon austreiben will, weil er es für antiquiert hält?

Philippe Djian: „Die Rastlosen“. Aus dem Französischen von Oliver Ilan Schulz. Diogenes Verlag, Zürich 2012. 220 S., geb., 19,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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