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Philippe Claudel: Brodecks Bericht : Erlkönig wohnt unter uns

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Bild: Verlag

Das Gegenstück zu Jonathan Littells „Die Wohlgesinnten“: Der große französische Stimmenvirtuose Philippe Claudel hat sein Triptychon über das zwanzigste Jahrhundert mit einer Romanparabel über die Nachkriegszeit vollendet.

          Zwei Dinge seien vorausgeschickt. Erstens: Dieser Roman vom wahrscheinlich interessantesten Autor seiner Generation in der französischen Gegenwartliteratur ist ein wertvolles Gegenstück zu Jonathan Littells Bestseller „Die Wohlgesinnten“. Er verhält sich dazu etwa so wie Thomas Bernhards „Heldenplatz“ zu „Oberösterreich“ von Franz Xaver Kroetz. Zweitens: Er wird seine deutschen Leser ganz anders treffen und verstören, als er es mit dem französischen Publikum tat, das ihm vor zwei Jahren einen großen Erfolg beschied. Kam den Franzosen das Unheimliche in diesem Buch durch die zahlreich eingefügten Originalwörter im Fremdklang eines alemannisch anmutenden Lokaldialekts entgegen, so liegt es dem deutschen Publikum sprachlich beinah allzu vertraut im Ohr. Das liegt nicht an der Übersetzung, sondern an der Natur der Sache. Sie dürfte die Reaktionen von faszinierter Abwehr gegenüber diesem Roman hierzulande noch steigern.

          Die Handlung ist mit weniger Sätzen erzählt, als die Titelfigur Brodeck in seinem Bericht dafür braucht. Brodeck lebt in einem nicht klar lokalisierbaren Dorf, vielleicht im Elsass, und verfasst kurze Notizen für eine ferne Behörde über die Flora, das Wetter, den Wasserstand des Flusses Staubi. Als er eines Abends ahnungslos die Dorfschenke betritt, stößt er auf seine in Schweigen gehüllten Dorfmitbewohner mit geballten Fäusten oder der Hand in der Hosentasche, um einen Messerknauf gekrallt. „Ihr habt doch wohl nicht ...“ – entfährt es ihm. Doch. Sie haben gerade den „anderen“ umgebracht, den vor ein paar Monaten zugelaufenen Fremden. Nun wird Brodeck von den Dorfleuten bedrängt, den Vorfall aufzuschreiben. „Du kennst dich mit den Worten aus“, sagen sie ihm, sie selbst verstünden nichts davon – und außerdem habe er eine Schreibmaschine.

          Fliehende Blicke

          Der so Angesprochene kann nicht ablehnen und macht sich widerwillig ans Werk. Parallel zu diesem Bericht schreibt er aber insgeheim noch einen anderen Bericht, den seines Lebens, seines Dorfes, seiner Nachbarn. Die ganze Wirkung dieses Romans liegt in den halblauten, gemurmelten, halb erinnerten, manchmal spekulierenden, auf- und abschwellenden Begleitklängen dieses Doppelberichts, mit zeitlichen Vor- und Rückgriffen, in denen zwei Kriege, Besatzung, Hinrichtungen, Razzien und Verschleppung in Haftlager vorkommen. Souverän und ungeheuerlich blendet der Stimmenvirtuose Philippe Claudel die Episoden in den Romanverlauf ein.

          Die Atmosphäre im verhockten Dorf mit den fliehenden Blicken, unschlüssig zwischen Verschwiegenheit, Bedrohung und Gerücht, wirkt beim Lesen von der ersten Seite an bedrückend. Eines Tages waren im Staubwirbel der Wagenkolonnen die „Fratergekeime“ gekommen, hatten das Dorf besetzt und dem „großen Reich“ eingegliedert. Säubert euer Dorf von Fremden, bevor wir es tun! – hatten sie den Leuten befohlen. Manche, darunter auch Brodeck, waren ins Lager verschleppt worden.

          Gefühl der Angst

          Doch all das ist nun vorbei. Das Normalleben von früher wollte gerade zurückkehren, ein Alltag, in dem Brodeck wie in einem unverhofft heiteren Zeitfenster sein kleines Familienglück mit Frau, Töchterchen und Amme einzurichten suchte – da kam der „andere“, der Fremde, über die Bergstraße hoch und mietete sich im Gasthof Schloss ein. Damit geriet alles durcheinander. Nun brütet Brodeck über seinem Bericht und versucht aufzuschreiben, was von allen nur das „Ereignis“ genannt wird. Er schreibt in einem Gefühl der Angst: ein Gefühl, das er als Lagerhäftling verloren hatte – die Existenz dort war schon jenseits der Angst. Jetzt sitzt sie ihm wie eine Woche um Woche enger werdende Jacke am Leib. Denn er dringt in den Abgrund des Geschehenen vor und ist immer weniger dazu bereit, es im Sinne der Dorfbewohner zu beschönigen.

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