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Philip Roth: Nemesis : Die schwarze Ader unseres Schicksals

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Hinter dem Rücken seines Erzählers gibt der amerikanische Großmeister Philip Roth in seinem neuen Roman „Nemesis“ auf die Frage nach Gott und dem Leiden des Menschen seine entsetzlichste und tröstlichste Antwort zugleich.

          Ohne ihn gäbe es keinen Impfstoff, und ganz Europa spräche Deutsch: Als der von Kinderlähmung versehrte Franklin Delano Roosevelt, Hitlers künftige Nemesis auf Krücken und in Beinschienen aus Stahl, 1924 die Heilquelle Warm Springs in Georgia für sich entdeckte und als Poliokranke aus allen Teilen der Vereinigten Staaten nach Georgia pilgerten und die gesunden Kurgäste sich bei der Verwaltung über „die unbekömmlichen Krüppel“ um sich her beschwerten, kaufte Roosevelt in heiligem Zorn die gesamte Anlage auf und baute sie zu einem Rehabilitationszentrum für Opfer der Kinderlähmung aus. Von solchen Millionärsmanövern, die Rettung und Rache in einem sind, kann ein Durchschnittsmensch wie Philip Roths Held Eugene „Bucky“ Cantor nur träumen.

          Sein Alltag ist ein Tagebuch des Schmerzes

          Und doch ist FDRs Amtsantrittsmaxime „Wir haben nichts zu fürchten außer der Furcht“ auch das Credo des dreiundzwanzigjährigen Sportlehrers und Speerwerfers Bucky Cantor in „Nemesis“: Weichherzig wie FDR, geduldig, robust, tapfer und frei von Selbstmitleid, ist Cantor wohl die bislang bewegendste Schöpfung in Philip Roths Werk, und wäre er nicht der zutiefst bescheiden begüterte Sohn eines straffällig gewordenen Vaters, hätte er sein ganzes Vermögen in eine solche Stiftung investiert: Im mückendurchschwärmt schwülen Sommer des Jahres 1944 in Newark, New Jersey, fällt die Polio auf dem Sportplatz Bucky Cantors über die Jugendlichen her, und an der Verbreitung sind zunächst streunende Katzen, dann die Italiener, die Juden und zuletzt - eine Verneigung Roths vor William Faulkners Benjy aus „Schall und Wahn“ - der arme Wirrkopf Horace schuld, der den Menschen um sich her nur die Hand schütteln will zum Zeichen, dass er einer von ihnen ist.

          Cantor beschwichtigt; Cantor beschützt; Cantor trauert um einen Toten nach dem andern in ihren Särgen, diesen Kisten, in denen „ein Zwölfjähriger für immer zwölf Jahre alt blieb. Wir anderen leben und werden jeden Tag älter, er aber bleibt für immer zwölf. Millionen Jahre vergehen, doch er ist noch immer zwölf.“ Und Cantor schämt sich, seiner Kurzsichtigkeit wegen nicht im „Großen Krieg“ gegen die Nationalsozialisten kämpfen zu können. Obwohl ein Ausbund an Pflichtbewusstsein, lässt er sich dennoch von seiner Verlobten Marcia in einem schwachen Moment dazu verleiten, Newark zu verlassen, und es bleibt ungewiss, ob er im Sommercamp Indian Hill Polio verbreitet oder dort selbst erst infiziert wird davon. Aus einem Schuldgefühl, das er gleich einer Gestalt Shakespeares zu einem universellen Schauspiel weitet, verwandelt sich Cantor in seine eigene Nemesis: Er rächt sich an sich selbst, einem menschenopfergierigen Gott und unbewusst auch an Marcia, indem er ihr seine Liebe versagt. Verstümmelt schleppt er sich als minderer Postbeamter durch die Stadt, ein Schuldloser, der die gesamte Menschheit auf Knien um Vergebung bittet: Sein Alltag ist ein Tagebuch des Schmerzes, und Bucky Cantor der liebenswerteste Held, den Philip Roth bisher ersonnen hat.

          Einen Sturmregen in Brand setzen

          Ein Held also: nichtsdestotrotz - und darum auch taugt Cantor nicht als Roosevelts „Gegenteil“, zu dem der herrschsüchtig meinungsvernarrte Erzähler des Romans, einer der ehemaligen Schüler Cantors, Arnold Mesnikoff, ihn so plakativ herabzusetzen sucht. Mesnikoff tarnt seine grimme Resignation als lebensernüchterten Realismus und vermag zuletzt nur kläglich selbstentlarvend jenen Vorwurf zu wiederholen, an dem Cantor längst selbst seelisch zugrunde gegangen ist: dass er Newark niemals hätte verlassen dürfen. Mesnikoff hat die alles überwältigende Autorität des Todes anerkannt, kündigt damit unwissentlich die existentielle Solidarität der Menschen untereinander auf und hadert auch mit keinem Gott mehr, den Cantor hasst, weil dieser große Unbekannte solches Leid zuließ, wenn nicht selbst geschaffen hat, und den er damit, kraft Negation, doch noch respektiert.

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