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Philip Roth: Empörung : Von Schlachthaus zu Schlachtfeld

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Die Produktivität von Philip Roth ist enorm; Jahr für Jahr erscheint ein neuer Roman des ewigen amerikanischen Nobelpreiskandidaten. Der neuste heisst „Empörung“ - und ist keine Auseinandersetzung mit dem Alter, sondern eine Feier der Jugend.

          Die Produktivität von Philip Roth, der in dieser Woche seinen sechsundsiebzigsten Geburtstag gefeiert hat, ist größer denn je. Kaum ist sein neuer Roman, „Empörung“, erschienen, da hat er bereits den nächsten fertig und kündigt auch schon den darauffolgenden an (F.A.Z. vom 28. Februar). Doch während er sich in drei seiner vier letzten Romane – „Das sterbende Tier“, „Jedermann“ und „Exit Ghost“ – so radikal wie erbittert mit dem Alter auseinandergesetzt hat, kehrt er in seinem aktuellen Werk in die fünfziger Jahre Amerikas und damit auch in die Zeit seiner Jugend zurück.

          Im zweiten Jahr des Korea-Kriegs, 1951, nimmt Marcus Messner, genannt „Markie“, einziger Sohn eines koscheren Metzgers aus Newark, sein Studium am College von Winesburg, Ohio auf – ein Schauplatz, den Roth sich von Sherwood Andersons berühmtem gleichnamigen Kurzgeschichtenzyklus von 1919 entliehen hat. Zunächst hatte sich Markie, ein begeisterter Student mit Bestnoten, am College seiner Heimatstadt eingeschrieben, aber als sein Vater Liebe und Fürsorge immer mehr mit einer überängstlichen Kontrollsucht verwechselt, wird ihm klar, dass er fort muss: „Ich verließ das College, weil mein Vater plötzlich den Glauben daran verloren hatte, dass ich auch nur allein die Straße überqueren konnte.“

          Wer keinen Sport treibt, ist verdächtig

          Wie sich herausstellt, wechselt er mit dem Ort nur das Überwachungssystem. Das College in Winesburg ist erzkonservativ, dort wird nicht nur die Anwesenheit der Studenten im wöchentlichen Pflichtgottesdienst überprüft, sondern auch die politisch-bürgerliche Gesinnung steht unter Beobachtung. Wer sich hier keiner Verbindung anschließt, keinen Mannschaftssport treibt, keine Freunde hat, macht sich verdächtig. Und Marcus, der gute Sohn, der „alles richtig machen“ will, der von Kindesbeinen an beim Ausnehmen des Geflügels gelernt hat, dass auch ekelhafte und widerliche Arbeit getan werden muss, der seinem Vater nicht auf der Tasche liegen und seiner Mutter keinen Kummer machen will, dieser Markie, der bis zu diesem, seinem neunzehnten Lebensjahr, von sich selbst sagt, dass sein „großes Talent“ darin besteht, „mit allem zufrieden zu sein“, versteht die plötzlich gegen ihn gerichtete Welt nicht mehr. Längst hat ihn die panische Sorge des Vaters angesteckt, sein Sohn könnte irgendwo hingehen, wo er getötet wird. Umso mehr lockt die Gefahr, etwa in Gestalt der so berauschend wie verstörend freizügigen Kommilitonin Olivia, die bereits einen Selbstmordversuch und Alkoholentzug hinter sich hat.

          Höhepunkt des Romans, den man in seiner unerbittlichen Steigerung auf das Unerhörte zu eher eine Novelle nennen möchte, ist eine Auseinandersetzung zwischen Marcus und dem Dean des College, der ihn wegen seines Einsiedlertums, seiner Zimmerwahl (auf der Flucht vor rücksichtslosen Zimmergenossen ist er in die schäbigste Bleibe des Campus gezogen) und seiner Gottesdienstverweigerung befragt. Marcus spürt die Vorwürfe hinter den Fragen, doch statt klein beizugeben und die Antworten zu geben, die der Dekan hören will, redet er sich in eine Verteidigungsrage – trotz der Vorahnung, die ihn ständig begleitet: „Man wird mich aus dem College werfen, dachte ich. Weil ich zu oft umgezogen bin, wird man mich auffordern, Winesburg zu verlassen. Darauf läuft das hier hinaus. Rausgeworfen, eingezogen, nach Korea geschickt und dort getötet.“ Was Markie antreibt, der sich mit jeder aufbrausenden, todesmutig aufrichtigen Antwort um Kopf und Kragen zu reden scheint, ist die Stimme in seinem Kopf, die ein chinesisches Revolutionslied aus Schulzeiten schmettert, in dem „das schönste aller Worte“ ertönt: „Empörung“.

          Kleiner Fehltritt mit schlimmen Folgen

          Hier stimmt jeder Satz, jede Szene, jede Figur – mit Ausnahme vielleicht von Olivia, der Roth etwas viel Schicksal aufbürdet. Und doch zeigt sich gerade an Markies Verhältnis zu ihr die ganze Sehnsucht, die Jugend und damit die Tragik dieses vor Überzeugungen, Hoffnungen und Hormonen schier berstenden Helden, der sein Leben tatsächlich im Korea-Krieg lassen muss und uns die Geschichte seines letzten Jahres aus dem Totenreich erzählt. Vom College fliegt er nicht, weil er einmal mit Olivia erwischt wird, auch nicht wegen des albernen Höschenklaus, zu dem sich einige Studenten zusammenrotten, sondern weil er einen Stellvertreter anheuert, der für ihn den Gottesdienst absolviert – und auffliegt.

          „Empörung“ ist die Chronik eines sinnlosen Todes, ein Totentanz zwischen Schlachthaus und Schlachtfeld, die Geschichte eines verstoßenen Sohnes, das Porträt eines bis zur Heuchelei angepassten Amerikas und einer Gesellschaft, die an ihrer Selbstgerechtigkeit zu ersticken droht. Man kann in diesem subtil gewebten Meisterwerk eine Parabel auf die Ära von George W. Bush sehen, eine grandiose Reprise von „Portnoys Beschwerden“ oder einfach den großen Roman eines Meisters, der im Alter nicht vergessen hat, wie es sich anfühlt, jung zu sein.

          Philip Roth: „Empörung“. Roman. Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz. Hanser Verlag, München 2009. 201 S., geb., 17,90 €.

          Quelle: F.A.Z.

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