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Philip Roth: Die Demütigung Der Sturzflug der Möwe

Ein Schauspieler, der nicht mehr spielen kann, versucht, sich mit Hilfe einer jungen Frau zurück in das Leben zu hangeln, das er nur noch als tragische Existenz empfindet: Philip Roth erzählt im neuen Roman von existentialistischer „Demütigung“.

© Verlag Vergrößern

Und wenn ich noch zwanzig Jahre hier bliebe: Ich würde immer ein Fremdkörper sein auf dem Land; daran wird sich nichts ändern . . . Was bleibt mir übrig, als das auszuhalten. Ob es mir passt oder nicht . . . Ich bin eine tragische Existenz.“ Nein, so spricht nicht Simon Axler, der Protagonist aus Philip Roth’ neuem Roman „Die Demütigung“, sondern Sorins, der Gutsverwalter aus Tschechows „Möwe“. Es wäre eine Rolle wie auf den Leib geschrieben für Axler, den alternden Großschauspieler und Filmstar. Aber Axler hat ausgespielt, er kann sein Gut nicht mehr verwalten. Er steht auf den Brettern, die ihm die Welt bedeuten, aber die Welt bedeutet ihm nichts mehr, denn er hat einen Hänger, einen Hänger, der nicht enden will. Er will sich aufhängen, umbringen, steckt sich den Lauf seiner Repetierflinte in den Mund, aus dem die repetierten Worte nicht mehr kommen, wie sie sollen, sondern nur „dünne Luft“, erstickte Silben, verpasste Anschlüsse zurück ins Leben: „Ein Mann, der leben wollte, spielte einen Mann, der sterben wollte.“

Spielte er einst alle an die Wand, steht er jetzt mit dem Rücken zu ihr und findet den Abgang nicht, und nicht den nächsten Auftritt. Das Lichtzeichen gibt ihm kein Licht, die Scheinwerfer seines Bühnenhimmels implodieren, er fällt ins Dunkel, es ist kein Kurzschluss, kein finaler Knall, kein Herzversagen auf offener Bühne, nein, es ist ein Fade-out, ein sich an den Abgrund und in die Finsternis spielen. Axler macht nicht das Alter zu schaffen, sondern die tragische Vorstellung, keine Vorstellung mehr spielen zu können, weil er es verlernt hat: „Sein Talent war tot.“

Eine Ehefrau wie ein Gewehr

Bei einem Schriftsteller kennt man das als writer’s block, bei Axler blockiert das Spielbein, und so knickt auch sein Standbein ein, und er ist sich kein Mensch mehr, weil er nicht mehr spielen kann, weil er seinen Instinkt verlor und so seiner Sinne beraubt, nichts mehr Sinn macht für ihn, er nur noch kopflos über die Bühne irrte, wie danach durch sein Leben. Deshalb beschließt er: Er will seine Rolle aus dem Lebensbuch streichen. Von allen verlassen, begreift Axler „das Gewehr als Fortsetzung seiner Frau“, sitzt auf den Brettern seines Dachbodens und kann nicht abdrücken. Nicht einmal das. Was soll er tun, so zwischen Leben und Todessucht hängend? Er weist sich selbst in eine psychiatrische Klinik ein. Es wird besser, er schläft wieder, geht in eine Malgruppe. Malen hilft. Er trifft dort eine Frau, Sybel. Sie erzählt ihm ihre Geschichte – und die eigentliche Geschichte beginnt, an Erzählgewalt zu gewinnen.

Bis dahin wirkt Roth’ Porträt des Schauspielers, der aus der Rolle fällt, seltsam angelesen. Zitate und Referenzen sind so sorgfältig gewählt, dass es auffällt. Anders als bei anderen Berufen in Roth’ Romankosmos, anders als bei den Handschuhmachern und koscheren Metzgern, wirkt es wie aufgesagt, fehlbesetzt. Doch das spielt zum Glück schon bald keine Rolle mehr, wenn Roth die Berufsschilderung hinter sich lässt und mit gewohnter Unerbittlichkeit seine Figuren wie Schmetterlinge aufspießt, die in ihren Gedanken immer noch durch den Himmel flattern, während sie schon an ihr Schicksal genagelt sind und man hinter Glas die Zeichnungen ihrer Seele betrachtet, die Schönheit vor der Starre, die Erinnerung an die Möglichkeit eines Glücks, das nur kommt, um danach umso brutaler wieder zu verschwinden. Es ist mit diesen Figuren so wie mit manchen Todkranken, die, bevor sie sterben, noch einmal alle Kräfte in sich sammeln für einen Augenblick Leben.

Untote im Höllenkreis einer Klinik

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