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Petra Morsbachs „Justizpalast“ : Atemlos durch die dritte Macht

Welche Wege und Umwege das Recht nehmen muss: Treppenhaus des neobarocken Justizgebäudes in München Bild: Your_Photo_Today

Nie war die Schriftstellerin mit solcher Genugtuung Richterin: Petra Morsbachs großartiger Roman „Justizpalast“ erzählt von der Liebe zwischen einer Frau und der Rechtspflege.

          Am kommenden Sonntag erhält Petra Morsbach für diesen Roman mit dem Wilhelm-Raabe-Preis eine der bedeutendsten literarischen Auszeichnungen in Deutschland, nur zwei Tage danach ist sie mit ihm dann gleich für die nächste nominiert: als einem von drei Finalisten für den Bayerischen Buchpreis. Schon vorher ist „Justizpalast“ in die zweite Auflage gegangen, und das will etwas heißen für ein solch herausforderndes Buch. Es steht gut um die deutsche Literatur, wenn es derartige Aufmerksamkeit bei Publikum und Kritik findet. Vor allem aber, weil es überhaupt geschrieben wurde.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das ist nicht selbstverständlich. Petra Morsbach hat rund zehn Jahre daran gearbeitet, seitdem sie auf Einladung eines Richters das Verwaltungsgericht von Münster besucht hatte. Die Ernsthaftigkeit der Justiz, das Selbstverständnis ihrer Angehörigen und vor allem natürlich die juristische Sprache faszinierten die 1956 geborene Schriftstellerin, die bereits 1998 mit „Opernroman“ aus teilnehmender Beobachtung eine Berufskultur zum Gegenstand gewählt – bis heute ihr größter Erfolg – und dieses Verfahren dann 2004 mit ihrem Priesterroman „Gottesdiener“ wiederholt hatte. Der Präsident des Verwaltungsgerichts willigte nach Lektüre des letzteren Buchs ein, dass Frau Morsbach zwei Wochen lang in Münster die Arbeit der Justiz aus der Innensicht beobachten durfte – gegen Unterzeichnung einer Verschwiegenheitserklärung. Aber sie recherchierte ja für einen Roman. Zurückgekehrt ins heimatliche Starnberg, bat sie zur weiteren Vertiefung des Stoffs das Münchner Verwaltungsgericht um ähnliche Kooperationsbereitschaft, bekam hier jedoch eine Absage. Aber das Landgericht München stimmte zu, und mit ihm kam zugleich der Justizpalast ins Spiel, jenes eindrucksvolle neobarocke Gebäude, in dem auch das bayrische Justizministerium residiert. Der Titel des Romans ist auch eine kleine Danksagung für juristische Hilfestellung. Und „Landgericht“hieß ja schon ein erfolgreicher Roman von Ursula Krechel.

          Der Name ist keineswegs ein Omen

          Der hatte 2012 den Deutschen Buchpreis gewonnen, doch trotz dem Thema einen ganz anderen Schwerpunkt als Morsbachs Roman, nämlich die mangelhafte Wiedereingliederung der im Nationalsozialismus entlassenen und in die Emigration entkommenen jüdischen Justizangehörigen. Beide Bücher eint aber auch ein zentrales Motiv: das Streben seiner jeweiligen Protagonisten nach Gerechtigkeit. Beide müssen die desillusionierende Erfahrung machen, dass politische Interessen auf die deutsche Rechtsprechung einzuwirken versuchen.

          Im Mittelpunkt von „Justizpalast“ steht Thirza Zorniger, deren Nachname keineswegs ein Omen ist, die aber auch durch ihren ungewöhnlichen hebräischen Vornamen – der für „Anmut“ steht – nicht charakterisiert wird. Vielmehr beschreibt gerade der innere Zwiespalt des gesamten Namens ihre grundlegende Gespaltenheit: Als ganz auf ihren Beruf fixierte Gerechtigkeitsfanatikerin ist sie sich doch auch ihrer traurigen privaten Situation bewusst (die nur einmal in fast sechzig erzählten Lebensjahren in eine wirkliche Liebe mündet, die dann ein ebenso trauriges wie literarisch virtuos erzähltes Ende findet), als rechtsphilosophisch gebildete Richterin mit Gustav Radbruch als Vorbild muss sie doch zugleich Praktikerin und auch Pragmatikerin sein, und als Verfechterin und Nutznießerin der gesetzlich garantierten richterlichen Unabhängigkeit weiß sie doch auch, dass es private wie gesellschaftliche Prägungen und Bindungen gibt, die man nicht abstreift, wenn man die Richterrobe überwirft. Aus diesen Dilemmata entsteht die Romanhandlung. Einmal wird es ausgesprochen, mit den beiden einzigen Worten in Versalien: „Und jetzt haben wir: DIE JUSTIZ, ein schwindelerregendes Konstrukt aus Anspruch und Verblendung, Abstraktion und Herrschaftssicherung, Moral und Missbrauch, Redlichkeit und Routine, Zwanghaftigkeit und Zynismus. Nicht zu durchdringen.“

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