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Peter Stamm: Sieben Jahre : Iwona, die Biergartenprinzessin

Bild: Verlag

Kleine Menschen in weiten Räumen: In Peter Stamms neuem Roman „Sieben Jahre“ sucht ein Mann zwischen zwei Frauen das richtige Leben im falschen. Dabei kommt der Autor den Zweifeln, Ängsten und Lebenslügen der Figuren beklemmend nah.

          Für Le Corbusier ist Architektur das kunstvolle, genaue und großartige Spiel der unter dem Licht versammelten Baukörper: Lichter und Schatten enthüllen die Formen. Diesem Gedanken folgend, hat Peter Stamm seinen neuen Roman konstruiert und erweist sich dabei als großartiger literarischer Baumeister. Denn was er seinen Protagonisten Alex über das Bauen von Häusern sagen lässt, gilt auch für seine eigene Kunst des Erzählen, bei der sich seit den Anfängen hinter der unauffälligen Fassade stets eine raffinierte Statik verbirgt: „Er war mir, als hätte ich die Lösung im Kopf und müsste sie nur freilegen, müsste den ganzen Schutt meiner Ausbildung wegräumen und die eine Bewegung finden, die eine Linie, die aus mir selbst kam.“

          Sandra  Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          In Stamms nunmehr viertem Roman „Sieben Jahre“, der mit dreihundert Seiten deutlich länger geworden ist als frühere Werke wie „Agnes“ oder „An einem Tag wie diesem“ beherrscht der 1963 geborene Schweizer das subtile Spiel von Licht und Schatten mit altmeisterlicher Fertigkeit. Was recht harmlos als schlichte Dreiecksgeschichte beginnt – ein verheirateter Mann hat eine Geliebte, von der er nicht loskommt –, gerät durch den intimen Blick des Autors in die Innenwelten zur fesselnden Durchdringung nicht nur dreier miteinander verschnürter Biographien, sondern des Ringens um Liebe und Glück überhaupt. Dabei kommt Stamm den Zweifeln, Ängsten und Lebenslügen seiner Figuren so beklemmend nah, dass es beim Lesen schmerzt.

          Eine Liebe, wie am Reißbrett geplant

          Wie so oft erzählt Peter Stamm auch hier von einem Mann im mittleren Alter, dem eine Frau zur Obsession wird, ohne dass er jedoch genau wüsste, was er bei ihr zu finden hofft. In „Sieben Jahre“ ist es der mediokre Architekt Alex, der einer Bekannten, die er nach fast zwanzig Jahren wiedertrifft, erzählt, was sich seit ihrer ersten Begegnung ereignet hat. Damals war Alex nach dem Examen mit Sonja, einer Münchner Kommilitonin, nach Marseille gereist, um Le Corbusiers Cité Radieuse zu besichtigen. Im Süden Frankreichs wird aus den Uni-Freunden ein Paar. Wenngleich ihre spätere Ehe von außen so vorbildlich erscheint, als sei sie ebenfalls auf dem Reißbrett entworfen, bleibt ihre Liebe freundschaftlich distanziert. Mit der Heirat öffnen sich für den Sohn einfacher Leute, der als Student einen Bungalow im Olympiadorf bewohnte, die Tore in die Münchner Gesellschaft.

          Dafür ist Sonja, die im mondänen Starnberg aufwuchs, die perfekte Frau an seiner Seite. Klug, charmant und attraktiv, bewegt sie sich mit einer natürlichen Sicherheit durchs Leben: „Sonja stand in der Mitte des hellerleuchteten Raumes, im Zentrum wie immer.“ Das aufstrebende Paar lässt sich in Tutzing nieder, gründet ein Architekturbüro, die Autos werden größer. Man raucht nicht mehr Zigaretten, sondern Zigarillos und trifft sich mit Freunden zu Skiausflügen in den Bergen und Gesellschaften am See.

          Faszinazion für ein Schattenwesen

          Jahre später noch, als Alex’ Lebensentwurf längst gescheitert ist, erinnert er sich staunend an seine einstigen Pläne für die Zukunft mit Sonja. Darin sah es aus wie in einem französischen Film aus den sechziger Jahren, mit zwei Kindern und einem hellen Atelier, in dem das Paar an sozialen Wohnprojekten arbeitete: „Ein Film aus lauter Totalen, weite Räume im Mittagslicht, durch die kleine Menschen sich bewegten, alles sehr ästhetisch, sehr kühl, sehr intellektuell.“ Dass Alex selbst es ist, der diese Träume sehenden Auges und scheinbar grundlos platzen lässt wie Kinder Seifenblasen, liegt nicht so sehr an seiner schlichten, kleinbürgerlichen Vorstellung vom Leben. Zum Verhängnis wird ihm seine Faszination für ein Schattenwesen, die umso obsessiver wird, je heller der Stern der makellosen Sonja strahlt.

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