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Peter Stamm: Nacht ist der Tag : Es ist alles noch da, nur ich bin weg

  • -Aktualisiert am

Bild: S. Fischer

Der Schweizer Peter Stamm hat sich mit seinen Büchern über Menschen in Lebenskrisen ein riesiges Publikum erschrieben. Sein neuer Roman „Nacht ist der Tag“ erzählt von einer Frau, die ihr Gesicht verlieren muss, um sich wiederfinden zu können.

          Wenn es um die Romane und Erzählungen Peter Stamms geht, ist gern die Rede von dem „Sog“, den seine Werke auf den Leser ausüben. Gemeint ist, dass Stamm es versteht, mit seinen Schilderungen gewöhnlicher Menschen in der ganzen und jedem vertrauten Unerfülltheit ihres Seins eine Spannung zu erzeugen, der man sich kaum entziehen kann. Obwohl die Begebenheiten und Charaktere nicht spektakulär sind, lassen einem seine Bücher keine Ruhe, bis man sie ausgelesen hat.

          Das ist auch bei Stamms neuem Roman „Nacht ist der Tag“ der Fall, der in der kommenden Woche erscheint. Diesmal steht die Wende am Anfang. Gillian, eine Frau Ende dreißig, erwacht im Krankenhaus. Ihr Mann ist bei dem Autounfall nach einer Silvesterparty, vor der sie sich gestritten hatten, gestorben. Sie selbst ist zwar mit dem Leben davongekommen, aber in ihrem hübschen Gesicht klafft da, wo früher die Nase war, ein Loch. Die Ärzte beruhigen sie mit Hinweisen auf die Fortschritte der plastischen Chirurgie, doch was Gillian empfindet, ist ohnehin keine Panik, sondern eher in Watte und Sedative gepackte Erleichterung, fast so, als sei ein Bluff endlich aufgeflogen. „Gillian hatte immer gewusst, dass sie in Gefahr war, dass sie irgendwann bezahlen musste für alles. Jetzt hatte sie bezahlt. Ihr Job, ihre Eltern, Matthias gehörten zu einem anderen Leben. Es ist alles noch da, sagte sie, nur ich bin weg.“

          Am Anfang steht die Wende

          Aus diesem Eindruck des Wegseins, dem sogar etwas Entlastendes, Tröstliches innewohnt, speist sich der Roman, der nach der Eingangsszene zunächst in Rückblenden von Gillians Leben vor dem Unfall erzählt. Mit ihrem Mann Matthias, „Kulturredakteur einer Illustrierten, in der kaum über Kultur berichtet wurde“, hat sie ein perfektes Leben geführt, mit schicken Klamotten, teuren Restaurants, wohlsituiertem Freundeskreis und Kurzaufenthalten in Wellness-Hotels. Mit dem beruflichen Erfolg mehren sich aber auch die Kompromisse. Die glatte Oberfläche bekommt Risse. Nachdem Gillian als Fernsehmoderatorin bekannt wird, verschieben sich die Gewichte der Beziehung, und sie merkt, dass ihr Mann zwar jeden kennt, „aber niemand ihn wirklich ernst nahm“. Doch wie auch andere Unterschiede in Temperament und Temperatur zwischen dem Paar wird seine Eifersucht nie angesprochen.

          Immer wieder denkt Gillian in den Wochen und Monaten ihrer Genesung, dass ihr Leben vor dem Unfall „eine einzige Inszenierung“ gewesen ist: „Es musste falsch gewesen sein, wenn es so leicht zu zerstören war, durch eine Unachtsamkeit, eine falsche Bewegung.“ Dass wohl jedes Leben auf ähnlich leise und lakonische Art aus dem Lot zu bringen wäre, macht sie sich nicht klar.

          Gillian ist - nachdem Stamms Protagonisten zuletzt meist männlich waren - trotz des Unfalls und ihres Wegs in ein Leben, das ihr mehr entspricht als das vorherige, keine Frau, die man als Kämpferin bezeichnen würde. Sie ist introvertiert bis zur Egozentrik und hat, wie der Unfall tragisch offenbart, im Grunde keine engen Freunde. Selbst ihre Eltern tun sich schwer, der Tochter Geborgenheit und Fürsorge zu geben; die Mutter traut sich gar nicht ins Krankenhaus, die Besuche des Vaters lehnt sie mitunter sogar ab. Der Unfall hat einen Bruch, der sich seit langem ankündigte, als Riss offenbart.

          Schlank und puristisch

          Denn vielleicht weil sie durch ihren Fernsehjob so oft angeschaut wird, hat Gillian den Eindruck, zu verblassen, buchstäblich unsichtbar geworden zu sein hinter der gekonnt geschminkten Maske von Erfolg, Glück und Attraktivität. Darum sucht sie Kontakt zu Hubert Amrhein, einem Künstler, den sie einmal für ihre Sendung interviewt hat und für den sie eine Art Obsession entwickelt. Er spricht Frauen auf der Straße an, und wenn sie einwilligen, fotografiert er sie nackt bei alltäglichen Verrichtungen. Er malt sie dann oft erst nach Monaten, wenn er ihre Namen bereits wieder vergessen hat.

          Aus Gründen, über die sie lieber nicht nachdenkt, mailt Gillian Hubert unter einem falschen Namen an, in der Hoffnung, dass er sie bittet, ihm ebenfalls Modell zu stehen. Aber er zögert, und als er sie schließlich doch fotografiert, weiß Gillian, dass sie sich ihm aufgedrängt hat, ist verkrampft und künstlich. Die Begegnung endet mit einem verunglückten Annäherungsversuch Gillians - bis Gillians Mann den Film in der Schublade ihres Schreibtischs entdeckt, ihn entwickeln lässt, sie mit den Aufnahmen konfrontiert, keine Antwort bekommt und sich an Silvester betrinkt, bevor er sich ans Steuer setzt und ein Reh ihren Weg kreuzt. Und doch ist es nicht in erster Linie das Schuldgefühl, das Gillian davon abhält, ganz mit ihrem früheren Leben abzuschließen, sondern eher die diffuse Überzeugung einer schicksalhaft beglaubigten Verbindung.

          Eine Liebesgeschichte ist es nicht, die „Nacht ist der Tag“ erzählt, eher die Geschichte einer Rettungsphantasie oder Projektion, wie sie so oft mit Liebe verwechselt wird. Denn Gillian ist fasziniert von Hubert - oder jedenfalls von der Hoffnung, dass hier endlich jemand sein könnte, der sie nicht bloß anschaut, sondern tatsächlich sieht. Wie sich herausstellt, ist dieser Wunsch nach dem Unfall nicht weniger dringend als davor, denn als nach einigen Jahren aus Gillian Jill geworden ist und aus der Moderatorin die Chef-Entertainerin eines Wellness-Hotels in den Bergen, sorgt sie dafür, dass sich ihre und Huberts Wege abermals kreuzen. Auch der hat einiges wegzustecken gehabt. Seitdem er an der Kunsthochschule lehrt und die Trennung von seiner Frau hinnehmen musste, hat er seine eigenen Arbeiten vernachlässigt, und so nimmt er die Einladung zu einer Ausstellung in den Bergen an in der Hoffnung, dass mit dem Produktionszwang ein Kreativitätsschub kommt.

          Es gehe ihm um das Kunstwerk, sagt Hubert einmal zu Gillian. „Und das hat weder mit dem Modell noch mit dem Künstler zu tun.“ Dieser Satz lässt sich durchaus auch als Selbstauskunft Stamms verstehen, der immer wieder betont, dass er zwar ein starkes psychologisches Interesse an seinen Figuren hat, aber gar nicht erst versucht, diese zu analysieren, weil es ihm vor allem um die Darstellung und die Form geht. Diese ist bei Stamm stets schlank und puristisch; er lässt weder seine Charaktere noch Ereignisse ausschweifen, sondern erzeugt Intensität gerade über die völlige Konzentration auf seine Protagonisten und deren Perspektive. In diesem Fall ist das zunächst jene von Gillian, im zweiten Teil die von Hubert.

          Leise und unaufgeregte

          Beide teilen die Grundstimmung aller Stammschen Protagonisten, nämlich den Eindruck, im eigenen Leben herumzuirren, auf der Suche nach etwas, dem man eher aus Hilflosigkeit denn Überzeugung die Namen anderer gibt. Dass einem die Figuren auch in diesem Roman nah kommen, ohne sonderlich sympathisch zu sein, hat mit jenen Fragen zu tun, die sich jeder irgendwann einmal stellt und die den eigentlichen Antrieb von Stamms Literatur bilden. Diesmal ist es die, wie viel Neuanfang überhaupt möglich ist. Und es schwingt auch jene mit, die bereits in „Sieben Jahre“ (2009) zentral war, nämlich welche Macht derjenige über uns hat, der uns liebt oder zumindest begehrt.

          Nicht erst seit seiner Nominierung für den Man Booker International im Frühjahr gehört Peter Stamm zu den auch im Ausland erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren. Dass gerade ein so leiser, unaufgeregter Schriftsteller global verstanden wird, hat nicht nur mit der Qualität und Intensität seiner kammerspielhaften Prosa zu tun, sondern ebenso mit dem, was über die Literatur hinausreicht. In unserer durchleuchteten Zeit drohen die Wünsche, Träume und Ziele zu banalen Datensätzen zu werden. Indem er die Gewöhnlichkeit unserer inneren Ausnahmezustände nicht leugnet, sondern genau und ohne Überheblichkeit beschreibt, gibt Peter Stamm seinen Figuren und mit ihnen seinen Lesern ihr Geheimnis zurück.

          Peter Stamm: „Nacht ist der Tag“. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013. 252 S., geb., 19,99 €.

          Quelle: F.A.Z.

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