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Peter Rühmkorf: In meinen Kopf passen viele Widersprüche : Dieser unsympathische Thomas Bernhard

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Bild: Verlag

Peter Rühmkorfs Buch vereint Kollegenschelte und Kollegenpreis in alphabetischer Reihenfolge von Adorno bis Zuckmayer. Scharfzüngig, polemisch und temperamentvoll.

          „Walther von der Vogelweide, Klopstock und ich“ - dieser Titel eines seiner Bücher gibt zu erkennen, welchen Autoren sich Peter Rühmkorf kollegial zuordnete, wobei nicht leicht zu entscheiden ist, wo die milde Selbstironie endet und das stolze, arrogante Selbstbewusstsein beginnt.

          Jedenfalls waren ihm die lieben Dichter-Kollegen stets Steine des Anstoßes und willkommene Objekte seiner produktiven Auseinandersetzung. Rühmkorfs eigene Widersprüchlichkeit und sein Widerspruchsgeist sind die Urheber seines literarischen wie seines kritischen Werkes. Sie sind bei kaum einem Dichter so eng verflochten wie bei ihm. „Das möchte ich fast als ein literarisches Glaubensbekenntnis bezeichnen: in Widersprüchen leben, sie ausleben und in diesem Widerspruchsfeld bestehen“, hat er im Gespräch einmal gesagt. In diesem Sinne ist der Titel des Buches (natürlich ein Rühmkorf-Zitat), das Kollegenschelte und Kollegenpreis in alphabetischer Abfolge (von Adorno bis zu Zuckmayer) vereint, glücklich gewählt.

          Schöne Frechheiten

          Als Poet, als Kritiker und Essayist nahm er lebenslang kein Blatt vor den Mund. Die armen zu Rühmkorfs „Lyrik-Schlachthof“ (einer Kolumne im legendären „Studentenkurier“, später „konkret“) geführten Opfer hatten seinerzeit - in den fünfziger und sechziger Jahren - weiß Gott nichts zu lachen. Scharfzüngig, polemisch, temperamentvoll und mit messerscharfer Analyse brachte er die Naturlyriker (etwa Wilhelm Lehmann und Oda Schäfer) ebenso wie die von ihm so genannten „Abstrakten“ (etwa Claus Bremer) zur Strecke.

          Relikte eines solchen Schlacht-Festes finden sich noch in dem Kollegenalphabet, das Susanne Fischer und Stephan Opitz aus Essays und Gedichten, Rezensionen und Vorträgen, Tagebuchnotizen und Interpretationen, Interviews und Briefen Rühmkorfs zusammengestellt haben. Einige Kernsätze dieser üblen Nachreden seien hier zum Beispiel zitiert: „ich schätze ihn hoch, aber ich kann ihn nicht leiden“, heißt es über Rilke; und über Thomas Bernhard: „Eigentlich ist mir B. noch übers Grab hinaus unsympathisch. Eine Art von spezifisch österreichischem Allürentheater und zum Fußaufstampfen ständig bereites Drohverhalten.“ Aber solche schönen Frechheiten sind, wie gesagt, Relikte einer jugendlichen Unbedingtheit und eines Nonkonformismus, den Rühmkorf zum Glück nie ganz abgelegt hat.

          Problematische Seriösität

          Doch davon wollen die Herausgeber nicht viel wissen. Sie datieren Rühmkorfs Eintritt in die Literatur erst in das Jahr 1959, als sein zweiter Gedichtband „Irdisches Vergnügen in g“ erschien. Und sie favorisieren eindeutig die späteren, gewissermaßen endgültigen Urteile Rühmkorfs seit den späten siebziger Jahren über seine Kollegen, die sich vor allem in den Dankesreden für erhaltene Literaturpreise und in Jubiläumsartikeln zu Gedenktagen manifestieren.

          Diese Entscheidung für Rühmkorfs Äußerungen „letzter Hand“ gibt dem Buch eine etwas problematische Seriosität. Es kommt zu Revisionen früherer harscher Urteile und zur vorsichtigen Distanzierung oder gar Ironisierung einstiger Idole, wie im Falle Benns und Arno Schmidts. Um solche nivellierenden Konversionen gebührend würdigen zu können, müsste man Rühmkorfs juvenile Arbeiten mit ihren Ecken und Kanten nachlesen. Aber sie fehlen hier.

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