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Veröffentlicht: 01.10.2013, 14:30 Uhr

Peter Handkes „Versuch über den Pilznarren“ Versenk das trunkne Auge ins tröstende Gelbbraun

Peter Handke ist der Waldgänger der Gegenwartsliteratur, ein beharrlicher Wanderer seiner Geschichte. Sein „Versuch über den Pilznarren“ ist viel mehr als das: eine Erzählung der Suche nach dem Märchenhaften.

von Friedmar Apel
© Suhrkamp

Die problematischen bürgerlichen Helden der deutschen Literatur begeben sich gern in Waldeinsamkeit. Was sie dort suchen, ist das Andere der Gesellschaft und der Zeit, an der sie kranken. Dort rauschen die Bäume, aber was sie dem Subjekt sagen wollen, bleibt uneindeutig. Das Heil finden sie jedenfalls selten.

Peter Handke ist der Waldgänger der Gegenwartsliteratur, ein beharrlicher Wanderer seiner Geschichte. Die Missverständnisse und Querelen um ihn und seine Stellungnahmen zu Jugoslawien gehen nicht zuletzt darauf zurück, dass es ihm zuerst um das Land, die Landschaft und die Leute geht und nicht um Politik und Staat. Politik ist ihm die Sphäre des Irrtums und des Unrechts am Einzelnen, doch ist auch in der Landschaft nicht die Wahrheit zu finden, sondern nur Erfahrung und Aufmerksamkeit fürs Erscheinende. „Wie hat das Verirrtgehen, das Rutschen, das Stürzen, nein, das Faststürzen mir doch den Blick geschärft“, heißt es in „Spuren des Verirrten“ (2006). Im Glücksfall aber kommt es beim Gehen in der Landschaft zur wahren Empfindung, zur Begegnung und zur Freundschaft.

Verdächtig gut mit den Augen des Freundes gesehen

Der Erzähler von Handkes neuem, seinem fünftem Versuch, einer „Geschichte für sich“, gibt sich alsbald als der Autor von „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ (1994) zu erkennen. Darin reflektierte sich der Protagonist als einer, der die Politik zu ignorieren versucht hatte, dennoch aber gelegentlich „in eine todfalsche Mitte gezielt, ob als Redner vor Gericht oder als Artikelschreiber, der sich einbildete, wie einst Emile Zola Geschichte machen zu können“. Auch im neuen Versuch geht es um die Literatur als Widerstand und Einspruch gegen die Wirklichkeit, um die Frage, ob der Dichter sich anmaßen kann, im Namen der Dinge zu sprechen.

Die Geschichte beginnt in der Gegend, in der Handke geboren wurde, in einem Kärntner Dorf an der Grenze zu Slowenien, seiner „Geh-Heimat“, und sie endet in der Landschaft nahe Chaville bei Paris, wo der Dichter heute wohnt. Erzählt wird das Schicksal eines Freundes von Kindesbeinen an, den der Erzähler offenbar so gut kennt, dass er beinahe verdächtig gut mit dessen Augen sehen kann. Dieser Freund ging schon als Jugendlicher in die Pilze und ließ sich dabei mit den Slowenen ein, die nach dem Krieg den Pilzhandel betrieben. Vom Erlös kaufte er sich Bücher. Von sich selbst in der Zukunft wollte er nichts wissen.

Ein Anstoß zum Handeln

Es wurde aber doch etwas aus ihm, nämlich ein erfolgreicher, vor internationalen Gerichtshöfen tätiger Anwalt, der sich auch mit Bürgerkriegen befasst. Diese Karriere betrachtet er aber als rein äußerlich: „In meinem Innern ist es mit mir nicht weitergegangen als bis an die Waldränder, wo ich als Siebenjähriger hingelaufen bin zum Wind-in-den-Baumkronen-Hören.“ Wie unwillkürlich gründet er seine Familie mit einer, die aus dem Nachbardorf stammt. „Die Frau, sie hat mich heimliche Wege geführt, wie’s bei Deinem Wolfram von Eschenbach heißt.“ Er aber erscheint als Gawan und Parzival zugleich. Mit leichter Hand geht er mit den Missständen der Weltgeschichte um, und doch gerät er als reiner Tor und Narr in Konflikte, die ihn zum Außenseiter und Auserwählten zu bestimmen scheinen.

Als er eines Tages bei einem Waldspaziergang zufällig einen Steinpilz erblickt, widerfährt ihm ein Erlebnis der Plötzlichkeit und Präsenz, das die Kontinuitäten seines Lebens aufsprengt. Dem Erzähler dagegen fallen bei der Gelegenheit alle Namen für den König der Pilze ein, die in jenem vielsprachigen Grenzgebiet einst kursierten, wie er sich überhaupt als vorzüglicher Pilzkundler erweist. Den Freund aber führt das Erlebnis zurück zu seiner jugendlichen Leidenschaft. Das gerät ihm im Kontrast zum Unheil und Unrecht, mit dem er in seinem Beruf konfrontiert ist, „im Gewahrwerden, im Ausfindigmachen und Aufspüren der Pilze, auch der noch so versteckten und von noch und noch Buschwerk überschatteten, zum Vorteil und, wie er mit zunehmender Leidenschaft, erst einmal nur für sich allein, zu predigen versucht war, fast zum Heil“. Schon als Kind aber war für ihn der Waldgang kein reiner Selbstzweck, im Rauschen der Bäume vernahm er einen „Anstoß zum Handeln“, ohne freilich zu wissen, mit welchem Ziel.

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