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Veröffentlicht: 05.11.2010, 15:25 Uhr

Peter Handke: Immer noch Sturm Enkel Lear auf der Wunschtraumheide

Du kannst nicht alles bestimmen, Herr Sohn: Mit „Immer noch Sturm“ unternimmt Peter Handke eine Expedition in die eigene Familiengeschichte.

von
© Suhrkamp Peter Handke: Immer noch Sturm

Auch Lear war einmal Enkel. Aber darüber wissen wir nichts. Hatte Lear Eltern? Natürlich, aber sie haben Shakespeare nicht interessiert. Mit dem Lear hat Shakespeare die Figur geschaffen, die das Ende aller Kontinuitäten verkörpert. Was folgt aus diesem Ende? Äußerste Einsamkeit. Alle Bindungen brechen, alle Bande reißen.

Hubert Spiegel Folgen:

Bei Shakespeare ist der greise König der letzte Patriarch seiner Sippe. Nach ihm kommen nur Töchter, die den Alten, nachdem er sein Erbe zu Lebzeiten verteilt hat, gnadenlos abservieren. Verzweifelt und wahnsinnig vor Kummer und Wut irrt er im dritten Akt über die wetterumtoste Heide. „Still storm“, immer noch Sturm, lautet Shakespeares Bühnenanweisung für die Szene, in der Lear Blitz und Donner anfleht, sie mögen seine Kinder und mit ihnen die ganze Welt vernichten: „Schlag flach den runden Erdenball!“

Peter Handke greift Shakespeares Bühnenanweisung auf und stellt sie seinem neuem Buch als Titel voran. „Immer noch Sturm“ ist ein Theaterstück in Prosa, ein Roman in Dialogen und Regieanweisungen, kommentiert von einem Ich-Erzähler, der als Hauptfigur agiert und Shakespeares Stück auf den Kopf stellt. Ein poetisches Spiel und ein mal leichthändiges, mal schwerblütiges Alterswerk, in dem sich der Dichter als altes Kind seiner jung gebliebenen toten Vorfahren imaginiert: King Lear, der letzte seiner Sippe, als ewiger Sohn und Enkel. In diesem Traumspiel sind alle Bande unversehrt. Bei Shakespeare ist die Heide der Ort der größten Einsamkeit, verlassener als hier kann man nicht sein. Auf Handkes Heide wachsen Apfelbäumchen, und eine Bank steht bereit für das Familientreffen, das hier stattfinden soll. Lears Heide ist der Albtraumort, Handkes Heide ist der Wunschtraumort.

Familiengeschichte als Traumspiel

Wo der greise König sein Erbe - die Macht und ein ganzes Königreich - verteilt hat, sucht sich hier ein Nachgeborener seine Erbschaft zusammen. Sie besteht aus dem Reich der Erinnerungen und der Macht zu träumen. Wo Lear seine Nachkommen verstoßen hat, versammelt hier der jüngste Spross der Familie seine Vorfahren um sich: die Großeltern, die Mutter, deren Schwester Ursula und ihre drei Brüder, Gregor, Valentin und Benjamin. Handke erzählt sich selbst seine Familiengeschichte als Traumspiel: wie es war und nie gewesen ist.

In diesem Spiel ist der Jüngste zugleich auch der Älteste. „Wer sind Sie“, fragt der Erzähler die junge Frau, die mit offenem Haar und auf hohen Schuhen eben noch an einem Apfelbäumchen lehnte. „Und die Unbekannte antwortet: ,Einmal darfst du raten, Alterchen.' Und ich: ,Frau Mutter.' Darauf die Mutter: ,Woran hast du mich erkannt?' Und ich: ,An Eurer Stimme, Frau Mutter, ohne Akzent und ohne Dialekt.'“

Es ist bei weitem nicht das erste Mal, dass Peter Handke sich seiner Familiengeschichte bedient, sie literarisch verarbeitet oder sich ihrer poetisch zu vergewissern versucht. „Wunschloses Unglück“ von 1972, „Über die Dörfer“, neun Jahre später erschienen, oder zuletzt, 2008, „Die morawische Nacht“: Immer wieder hat Handke in seinen Büchern die Mutter, den früh verstorbenen Patenonkel Gregor oder den Vater, den er nicht hatte, zum Thema gemacht. „Deinen Vater los: der Freieste der Freien? Nicht doch, mein Lieber: keines-Vaters-Kind wird nie ein Erwachsener“, hieß in der „Morawischen Nacht“, als der Erzähler das Grab des ihm unbekannten Vaters besucht.

Biografische Bezüge gut möglich

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