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Péter Esterházy: Ein Produktionsroman : Flanke Eckermann, Kopfball Esterházy

Bild: Verlag

Was, bitte, ist ein Produktionsroman? Eine Zumutung der sozialistischen Literatur. Und eine raffinierte postmoderne Posse von Péter Esterházy.

          Dieses Buch kann einen die kindliche Tugend lehren, sich an schönen Dingen auch dann zu erfreuen, wenn man sie nicht so ganz versteht. Das beginnt schon mit dem Titel: „Ein Produktionsroman (Zwei Produktionsromane)“. Was, bitte schön, ist eigentlich ein „Produktionsroman“? Und warum erscheint das Buch diesen Titels, das der große europäische Autor Péter Esterházy bereits 1979 in seiner ungarischen Heimat veröffentlichte, erst jetzt in einer deutschen Übersetzung? Weil es unübersetzbar, hiesigen Lesern unverständlich oder vergleichsweise unwichtig für Esterházys Gesamtwerk wäre?

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Der deutsche Verlag zählt den Roman, es ist Esterházys zweiter, zusammen mit „Einführung in die schöne Literatur“ (1986; deutsch 2006) und „Harmonia Caelestis“ (2000; deutsch 2001) zu den „Grundpfeilern“ von Esterházys Werk, und Kindlers Literatur Lexikon sieht darin einen „ganzen sozialen Kosmos und ein differenziertes Bild Ungarns in den siebziger Jahren“ gespiegelt. Unwichtig kann das Buch also nicht sein. Unübersetzbar? Terézia Moras Übertragung liest sich fabelhaft, ein Sprachkunstwerk eigenen Rechts, und nur wer des Ungarischen mächtig wäre, könnte das Ausmaß der Kongenialität genauer bestimmen. Bleibt noch die Verständlichkeit.

          Im Nachschlagewerk findet sich zwar der Priesterroman und der Professorenroman, aber kein Produktionsroman. Man muss schon in die Vergangenheit und hinter den Eisernen Vorhang blicken, wenn man wissen will, dass der Produktionsroman als Gattung ein Sprössling des Sozialistischen Realismus war, der die positive Darstellung des Aufbaus neuer Industrieanlagen zum Zweck hatte. Der technische Fortschritt im Sozialismus, aber auch der Wiederaufbau der durch Kriegsschäden oder anschließende Demontage ruinierten Industriebetriebe sollten in den Romanen gleichermaßen dargestellt und glorifiziert werden.

          In die morsch gewordenen Knochen

          Der Produktionsroman war ein von Staat und Partei verordnetes literarisches Genre und wie die sozialistische Kulturpolitik überhaupt ein Mittel zur Durchsetzung ideologischer Ziele. Walter Ulbricht erklärte auf der zweiten Bitterfelder Konferenz 1964 recht unverblümt: „Leiten und Anleiten sind eine große Kunst. Man muss sie beherrschen. Von ihrer Qualität hängt die Wirkung der praktischen Kulturpolitik ab.“ Dass mit „Leiten und Anleiten“ recht eigentlich Vorschreiben und Zensieren gemeint waren, zeigte die kulturpolitische Praxis.

          Was die Schriftsteller davon hielten, hatte Brecht bereits elf Jahre zuvor beschrieben, als er beklagte, dass Parteifunktionäre den Künstlern ihr „großes Gedankengut“ aufdrängen würden wie „sauer Bier“: „Es mag für administrative Zwecke und mit Rücksicht auf die Beamten, die für Administration zur Verfügung stehen, einfacher sein, ganz bestimmte Schemata für Kunstwerke aufzustellen. Dann haben die Künstler ,lediglich‘ ihre Gedanken (oder die der Administration?) in die gegebene Form zu bringen, damit alles ,in Ordnung‘ ist. Aber der Schrei nach Lebendigem ist dann ein Schrei nach Lebendigem für Särge. Die Kunst hat ihre eigenen Ordnungen.“

          Solche Sätze konnte sich damals, 1953, allenfalls ein Brecht leisten, und erst Ende der siebziger Jahre wurden Stimmen laut, die auszusprechen wagten, dass „unerwartete künstlerische Entdeckungen“, wie ein bulgarischer Literaturkritiker es vorsichtig formulierte, die Theorie des Sozialistischen Realismus vor die Notwendigkeit stellen könnte, „einige ihrer Positionen kritisch neu zu bewerten“.

          Das war die literarische Tradition, in die Esterházy 1979 mit seinem Roman hineingrätschte wie ein wildgewordener Mittelstürmer. Seine höhnische, mit allen Wassern der literarischen Postmoderne gewaschene Parodie auf den Produktionsroman holzte dem alten Genre in die morsch gewordenen Knochen, dass es nur so krachte. Es war dieses Krachen, das Esterházy berühmt machte. Seitdem gilt er als Erneuerer der ungarischen Literatur.

          Unmöglich, allen Anspielungen zu folgen

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