02.10.2009 · Telegrammstil der Seele: Peter Altenbergs Feuerwerk der Erzählkunst, von Karl Kraus zusammengestellt, liegt in einer neuen Ausgabe vor.
Von Alexander KoseninaNoch immer sitzt er in seinem einzigen Wohnzimmer, dem Café Central in Wien. Seinen Luchsaugen scheint nichts zu entgehen, auch wenn er sich hinter dem Walrossbart in Denkerpose verbirgt. Erst auf den zweiten Blick erkennt der Besucher, dass es sich um keinen lebendigen Menschen, sondern um eine Puppe handelt, um ein Bildnis Peter Altenbergs, der hier zu Hofmannsthals und Schnitzlers Zeiten zum täglichen Inventar gehörte. Nicht nur Thomas Mann erlag seinem Charme mit „Liebe auf den ersten Laut“: So ging es vielen, die ihm zuhörten, ihm begegneten, und vielen, die bis heute seine impressionistischen Prosaskizzen lesen. Diese „blitzschnellen und hauchdünnen Parabeln“, wie Claudio Magris sie einmal nannte, sind einzigartig.
Als „Extracte des Lebens“ im „Telegrammstil der Seele“ bezeichnet Altenberg seine Miniaturen selbst. Sie wirken wie ein Vergrößerungsglas über jenem Leben, das einer wie Hofmannsthal unaufhörlich als unendliches Geheimnis beschwört, aber niemals zu erreichen vorgibt. Bei Altenberg hingegen ist dieses Leben überall greifbar, plastisch, präsent - nie spektakulär in seiner Alltäglichkeit, sondern groß allein durch den scharfen Blick und den Fokus, für den sich sonst niemand Zeit nimmt im Vorübergehen. „Sich fortpflanzen?!?“ - fragt er sich einmal und antwortet: „Zeuge doch lieber den, der du selbst nicht hast werden können!“ Das ist Altenberg unbedingt gelungen. Wie kaum ein anderer entspricht er Elias Canettis Bestimmung des Dichters als „Hund seiner Zeit“, der in alles seine Schnauze steckt, der Kakanien und seine merkwürdigen Bewohner von unten aufs genaueste observiert. Vor allem tut er es aber mit Witz und Respektlosigkeit gegenüber sich selbst und der ganzen Welt. Wenn Hofmannsthal etwa 1892 in „Vorfrühling“ melancholisch den zarten Lebenshauch besingt, der alles durchweht, antwortet Altenberg ebenfalls unter dem Titel „Vorfrühling“: „Es riecht bereits nach Veilchen - - - / aber sie sind noch gar nicht da!“
Heimische Gedankenarmut
Solche „Splitter“ oder „Noch nicht einmal Splitter von Gedanken“ sind die kleinsten Einheiten in Altenbergs umfangreichem Werk. Kostprobe: „Aphorismen sind das, woraus, wenn es einem anderen einfällt, er einen langen Essay macht! Gott sei Dank fällt es ihm aber nicht ein!“ Viele solcher Gedankenblitze würden tatsächlich wunderbare Stoffe für Essays bieten, doch das hätte Altenbergs Ideal der Verknappung widersprochen. Zudem fehlten ihm dafür Zeit und Muße - der „Bizeps im Kopf“ war einfach zu rege, im nächsten Augenblick meldete sich schon eine neue närrische Idee. Gerade diese Offenheit und Unabgeschlossenheit machen den Reiz aus, wie bei einem pointillistischen Bild erkennt man das größere Panorama nicht aus einzelnen Farbtupfen, sondern nur aus angemessenem Abstand. Den garantiert jetzt eine fulminante neue Ausgabe, die gleichzeitig ein Fest der Buchkunst feiert. Neu ist sie dabei nur bedingt, denn geplant und konzipiert hat sie bereits Karl Kraus. 1928, zum zehnten Todes- und siebzigsten Geburtstag Altenbergs, betraute ihn der S. Fischer Verlag mit einer repräsentativen Auswahl aus den rund zweitausend Kurztexten seines Freundes. Die meisten waren zuvor in der Presse, dann in Einzelbänden mit so sprechenden Titeln wie „Märchen des Lebens“, „Wie ich es sehe“, „Neues Altes“ oder „Was der Tag mir zuträgt“ erschienen. Doch das Unternehmen scheiterte am Umfang. Kraus weigerte sich zu kürzen, der Verlag wollte weder drucken noch die Rechte freigeben. Nach zähem juristischen Ringen - jetzt minutiös nachgezeichnet von Rainer Gerlach in der Neuausgabe - durfte der Anton Schroll Verlag in Wien 1932 endlich die Hälfte der geplanten Edition veröffentlichen.
Der Altenberg im Krausschen Gewand ist nun wirklich ein „Buch der Bücher“, es liest sich wie eine Bibel des Jungen Wien. Wilhelm Genazino nennt ihn im Einleitungsessay einen „Schwärmer, keinen Denker“, der sich bestens auf die „Dschungeldramaturgie des erotischen Lebens“ versteht. Auf viele seiner Liebesdialoge „De Amore“ mag das zutreffen, doch meistens bleibt Altenberg selbst in der Rolle des Schwärmers eher nüchtern, scharfsichtig und sprachkritisch. Gegen Erotik, „ein Extrakt der Stupidität der Männer“, setzt er „Diätetik“ als sehr reale Balance der Lebenskräfte, zu der eine „freche und unverschämte Eva“ ebenso beitragen kann wie die süßen Mädel à la Schnitzler. Ein Denker im theoretischen Sinne ist er sicher nicht - wie übrigens keiner seiner Wiener Freunde in der Generation vor Broch und Musil -, wohl aber ein Autor von funkelndem Esprit. Von einem bloßen Schwärmer hebt ihn das deutlich ab. Besonders die Aphorismen, die jetzt in der Krausschen Edition gegenüber allen möglichen älteren Auswahlausgaben vor allem zu entdecken sind, schneiden oft scharf wie ein Rasiermesser. „Dezidierte präzise Urteile“, heißt es da einmal, „dürfen nur Genies haben und Beschränkte, d.h. die dürfen nicht, aber sie haben!“ Kein Zweifel, welcher der beiden Gruppen Altenberg selbst angehört.
Flankiert wird die Textedition von einer sorgfältig zusammengefügten Sammlung aus Briefen und Dokumenten der ersten Jahre. Der Band illustriert nicht nur die Verwandlung des Kaffeehausflaneurs Richard Engländer - so sein Geburtsname - in den Erzählprotokollanten Peter Altenberg, sondern auch seine Vernetzung innerhalb der Dichtergemeinde im „Central“ und „Griensteidl“: Enthalten sind Rezensionen und Streiflichter, etwa von Bahr, Hofmannsthal, Kraus und Schnitzler. Unter den Briefen aus den Jahren 1892 bis 1896, ragt einer besonders hervor. Es ist die bekannte Antwort an Arthur Schnitzler, der den „Selbstsucher“ Altenberg zum eigenen Schreiben befragt hatte: „Wie schreibe ich denn?! Ganz frei, ganz ohne Bedenken. Nie weiß ich mein Thema vorher, nie denke ich nach. Ich nehme Papier und schreibe. Sogar den Titel schreibe ich so hin und hoffe, es wird sich schon etwas machen, was mit dem Titel in Zusammenhang steht.“ Dass solche Selbststilisierungen einflussloser Spontaneität, wie man sie auch von Hofmannsthal kennt, für Altenberg nicht immer zutreffend sind, zeigen andere seiner Briefe. Da ist auch von Verbesserungen, Streichungen, Titeländerungen und Bedenklichkeiten in Reaktion auf Kritik die Rede, ebenso wie von bislang unbekannten Lektüren der europäischen Décadence. Die neuen Briefe und Dokumente versprechen vor allem Aufschlüsse über Altenbergs erste Sammlung „Wie ich es sehe“. In der allerersten Kurzrezension, die von Karl Kraus stammen könnte, werden diese Skizzen eines „Sehers“ spöttisch über die Wiener Nervenkunst gestellt, da sie „einen künstlerischen Hochflug nehmen über die seichten Niederungen, wo heimische Gedankenarmuth in Stimmungen schwelgt“.