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: Per Schalter durch die Galaxis

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Die Epidemie der Dekonstruktion scheint abgeflaut, ganz ausgestanden noch nicht: Immer noch bröselt den Infizierten die Realität unter den Händen weg wie ein altes Brötchen. Auf der anderen Seite der "différance" indes blitzen nicht selten metarhetorische Wahrheiten auf. Die junge britische Autorin ...

          Die Epidemie der Dekonstruktion scheint abgeflaut, ganz ausgestanden noch nicht: Immer noch bröselt den Infizierten die Realität unter den Händen weg wie ein altes Brötchen. Auf der anderen Seite der "différance" indes blitzen nicht selten metarhetorische Wahrheiten auf. Die junge britische Autorin Scarlett Thomas hat nun den Versuch unternommen, die Geschichte des Poststrukturalismus als negative Theologie zu schreiben, und das in fiktiver Form. Bei aller populärwissenschaftlichen Verspieltheit ihres von Jochen Stremmel vorzüglich übersetzten Buches "Troposphere" (das Original erschien 2006) handelt es sich keineswegs (nur) um Konzeptfiktion, sondern um einen spannenden, lustigen und intelligenten Science-Fiction-Postpop-Roman. Gäbe es den Begriff der Humanities-Fiction, wäre der auch nicht unangemessen.

          Cyberpunk und Quantenmechanik.

          Dass nicht nur Heidegger, Derrida, Baudrillard und weitere Erkenntnisextremisten als Statisten durch das Buch geistern, sondern auch fleißig aus esoterischen und freilich überstrapazierten naturwissenschaftlichen Konzepten wie Quantenmechanik oder Quarks-Theorie zitiert wird, scheint auf den ersten Blick gar nicht notwendig. Es reicht schließlich schon ein Quentchen Cyberpunkphantasie, um sich - am Beispiel des jüngsten Virtual-Reality-Schnickschnacks - vorzustellen, unser gemeinhin für authentisch gehaltenes Leben könnte bereits ein "Second Life" sein, dem eine komplexere Ebene vorgelagert ist.

          Der Roman basiert auf dieser Vermutung, aber doch mit der Pointe, dass die zunächst an einen Drogentrip, eine fortschreitende Psychose oder auch an philosophische und theologische Einheits-Spekulationen gemahnende Reise in die Troposphäre - der Begriff für das noch ungeschiedene, absolute Bewusstsein -, dem computergestützten Eintauchen in digitale Welten zum Verwechseln ähnelt. Sogar eine bildschirmartige Konsole lässt sich in Gedanken aufrufen, die verschiedene Funktionen wie den Sprung von einem Bewusstsein zum nächsten offeriert. "Surf the Troposphere!" prangt folgerichtig auf dem silbrig glänzenden Cover. Und ja, auch als großer Internetroman lässt sich dieses voluminöse Buch lesen: Soviel zur Überdeterminiertheit.

          Aber doch sind alle Theorie-Ingredienzien nicht einfach prätentiöses Beiwerk, sondern bilden ein klug in- und gegeneinander verschachteltes Ideengerüst. Vorhalten lässt sich Thomas, die creative writing an der Universität von Kent unterrichtet, allenfalls eine ins Kraut schießende Kreativität, die sich nicht zuletzt in einer Beschreibungsmanie manifestiert. Dass sich das Geschehen an der Oberfläche deutlich an Filme wie "Matrix" anlehnt, ist dagegen ein freundliches Zugeständnis an den Leser, der schließlich kein Proseminar gebucht hat.

          Der Handlungsrahmen ist geradezu klassisch. Die oberschlaue, doch arg sympathische Studentin Ariel Manto, geniebedingt einsam und ebenso geniebedingt bettelarm, schreibt ihre Dissertation über einen vergessenen Spiritisten des neunzehnten Jahrhunderts namens T. E. Lumas. Dieser wiederum hat ein autobiographisches Büchlein hinterlassen, das - leicht dämlich - "The End of Mister Y" heißt, mit einem Fluch behaftet sein soll und natürlich kaum noch auffindbar ist. Ariel stößt jedoch in einem Antiquariat auf ein Exemplar, und wir bekommen größere Auszüge präsentiert: Lumas berichtet darin von einem Drogenexperiment der höheren, steppenwölfischen Art. Auf einem Jahrmarkt ist er nach Genuss eines Zaubertranks in die Bewusstseins-Matrix geflutscht und von diesem Moment an damit beschäftigt, den Magier wiederzufinden, um an das Rezept zu gelangen. Schließlich präsentiert er es: Der Hauptbestandteil ist Weihwasser, der Rest Homöopathie.

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