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Per Petterson: Ist schon in Ordnung : Die subversive Energie des Rock

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Bild: Verlag

Bob Dylan lässt grüßen: Der Norweger Per Petterson schreibt so lakonisch wie heiter übers Erwachsenwerden

          Je prosaischer die Prosa im Allgemeinen wird, desto mehr fällt ein Autor ins Gewicht, der selbst einfachen, nüchternen Sätzen poetischen Auftrieb verleiht. Der 1952 geborene Norweger Per Petterson ist so ein Autor. Ihm und seiner Übersetzerin Ina Kronenberger verdankt man Lektüren, die die Saison überdauern, Bücher wie „Pferde stehlen“ und „Im Kielwasser“. Im Gefolge der Erfolge erscheinen nun auch frühere Werke in deutscher Fassung. „Ist schon in Ordnung“ aus dem Jahr 1992 ist ein Roman der Adoleszenz und bereits ein unverkennbarer Petterson, in der präzisen, an Hemingway geschulten Sprache sowie der Konzentration auf konflikt- und katastrophenträchtige Familienszenarien.

          Der Roman spielt zwischen 1965 und 1970 - Jahre des gesellschaftlichen und popkulturellen Umbruchs auch im Land des Granits, der Tannenwälder und der Fjorde. „Der Herbst kommt, und ich trage Zeitungen aus. Gerade ist Jimi Hendrix gestorben, im Radio läuft Hey Joe“, heißt es zu Beginn. Die Zeitungen schreiben über den Vietnamkrieg, die Schüler debattieren über Imperialismus und hissen zum Schrecken der Lehrerschaft die Fahne der „Nationalen Front für die Befreiung Südvietnams“ auf dem Schulhof. Der junge Audun Sletten, die Hauptfigur, ist das Kind seiner rebellischen Zeit, gewappnet mit Jeans und Sonnenbrille. Mit dem proletarischen Bewusstsein treibt er es allerdings nicht so weit wie sein Kumpel Arvid. Der wohnt mit seinen Eltern in einem Reihenhaus und hat Sorge, wegen des Balkons könnten sie schon zur Oberschicht gehören. Aber Audun beruhigt ihn: Ein Balkon von dreieinhalb Quadratmetern katapultiere einen noch nicht gleich in die Oberschicht, schon gar nicht, wenn der Vater in der Bürstenfabrik arbeitet. Dieser beste Freund Arvid Jansen, der hier die Nebenrolle hat, wird in den späteren Romanen Pettersons zum Alter Ego des Autors - und bürgt hier bereits für eine leichte Ironie beim Rückblick auf die Zeit der Klassenkämpfe.

          Erschwerte Bedingungen, die aber auch zum poetischen Mehrwert beitragen

          Gar nicht in Ordnung sind in Pettersons Romanen die Vatergestalten. Auduns Vater ist ein Säufer, Prügler und Herumstreicher, der die Angehörigen in Angst versetzt, wenn er - „schwarz und dünn wie eine Messerklinge“ - zwischenzeitlich mal wieder auftaucht, blaue Augen verteilt und mit der Pistole um sich schießt. Irgendwann einmal muss aber auch diese Schreckgestalt ein Charmeur gewesen sein, der die Mutter bezauberte, wenn er auf dem Akkordeon Tango spielte. Einmal kommt er nachts ins Kinderzimmer und steckt seinen Söhnen Geld zu - die Jungen sind begeistert, so ein lieber Papa, das kennen sie ja gar nicht. Worauf er nur schäbig lacht, ihnen das Geld wieder wegnimmt und rausgeht. So ist er, wenn er seinen menschenfreundlichen Tag hat. Trotz alledem ist auch dieser Vater in einigen Momenten eine Art verwilderte Sehnsuchtsgestalt, umweht von einem Geruch nach Wald, Harz und Tabak.

          Der Roman erzählt von einer Jugend unter erschwerten Bedingungen, die aber auch zum poetischen Mehrwert beitragen. Auduns Mutter schlägt sich durch mit Putzstellen und tröstet sich mit Alkohol und Opernarien. Wenn im Nebenzimmer Maria Callas, Jussi Björling oder Kirsten Flagstad in die Vollen gehen, hält Audun mit Bob Dylan und „Like a Rolling Stone“ dagegen: „An diesen Song reicht kein anderer heran. Er ist so voller Hass, dass ich Lust hätte, mich sofort auf die Bank zu legen und Gewichte zu stemmen.“ Kann man besser sagen, wie die rebellische Energie des Rock funktioniert?

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