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Veröffentlicht: 15.04.2017, 20:53 Uhr

„Die Welpen“ von Pawel Salzman Glücklich, wer keine Frau und kein Haus hat

Vertierung des Menschen und der Erzählperspektive: Der großartige Kriegsroman „Die Welpen“, an dem Pawel Salzman über fünfzig Jahre schrieb, findet eine völlig neue Sprache von fast schmerzhafter Tiefenschärfe.

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© Staatliches Russisches Museum St. Petersburg „Die nichts zu verlieren haben“: Ölgemälde des Lehrers von Pawel Salzman als Maler, Pawel Filonow, aus den Jahren 1911/12

Eine Generation nach seinem Tod revolutionierte dieser Künstler, der zuvor nur als Maler bekannt war, die russische Literatur. Pawel Salzman (1912 bis 1985), der Sohn eines Russlanddeutschen und einer russischen Jüdin, kam vergleichsweise glimpflich durch eine horrende Epoche. Nach einer Kriegskindheit in Bessarabien und der Südukraine gelangte er in den zwanziger Jahren nach Leningrad, wo er Schüler des Avantgardemalers Pawel Filonow wurde und in Kontakt zu den absurdistischen Schriftstellern des Oberiu-Kreises trat. Salzman überlebte die Großen Säuberungen und ein Jahr der Leningrader Blockade, er wurde nach Kasachstan evakuiert, überstand die antikosmopolitische Kampagne. Sein Leben lang arbeitete er als Filmausstatter und Illustrator, schrieb aber nebenher, was nur wenige Vertraute wussten, Prosa und Gedichte.

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Als Salzmans Texte, an denen er bis zuletzt feilte, ohne sie je veröffentlichen zu wollen, vor fünf Jahren von einem Moskauer Verlag publiziert wurden, verursachten sie eine kleine Sensation. Hier war ein Autor, der die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts als Naturkatastrophe schilderte, unter Ausblendung aller Ideologie, aus der Sicht von Tieren, was die Vertierung des Menschen umso greller hervortreten lässt. Insbesondere das monumentale Romanfragment „Die Welpen“, an dem er über fünfzig Jahre schrieb, findet eine völlig neue, filmisch übergenaue, dabei perspektivisch zersplitterte Sprache von fast schmerzhafter Tiefenschärfe. Dass es sich bei dem Buch, das gerade in seiner offenen Form so unmittelbar wirkt, um ein Meisterwerk handelt, davon kann sich jetzt auch der deutsche Leser anhand der kongenialen, hochpoetischen Übersetzung von Christiane Körner überzeugen.

Der Patriarch stirbt auf dem Abort

Salzman findet für Filonows „analytische“ Maltechnik ein sprachliches Äquivalent. Wie dieser baut er seine Texte aus gleichsam vergrößerten Zellen organischen Lebens und mixt Mensch und Tier zu einer Gesamtnatur. Er versetzt seine Helden, die zwei Welpen, von denen der eine eher abenteuerlustig und der andere eher verträumt ist, an eine ostsibirische Eisenbahnstation, wo Bauern und hungrige Flüchtlinge die Vorräte gestrandeter Passagiere plündern, und nach Moldawien, wo eine patriarchalische Wirtschaft zerschlagen wird. Es dürfte sich um die Bürgerkriegszeit nach 1917 handeln, obwohl das nirgends gesagt wird. Wie alle anderen suchen die Jungtiere, die allerdings eine besonders fragile und zugleich menschenbezogene Facette des Ökosystems darstellen, nach Nahrung und Zuneigung. Und einer findet bei der Enkelin des Patriarchen, die ihn füttert, ein kurzes Glück. Überall herrscht Gewalt. Der Kater quält die Maus zu Tode, Kinder ertränken aus Spaß eine Katze. Doch erwachsene Menschen geraten in regelrechte Tötungsraserei. Den wilden Kampf am Bahndamm, das Massaker im moldauischen Gehöft vergegenwärtigt Salzman mit physiologischer Detailgenauigkeit, Schlag für Schlag, Wunde für Wunde, als fixiere er sie mit der Handkamera. Doch auf magische Weise wird die Zahl der Hungerleider auch nach Dauerbeschuss durch Soldaten niemals kleiner.

45880278 © Matthes & Seitz Berlin Vergrößern Pawel Salzman: „Die Welpen“. Aus dem Russischen von Christiane Körner, Nachworte von Oleg Jurjew und Christiane Körner. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2016. 456 S., geb. 30,– €.

Bezeichnenderweise ist die poetischste Figur ein Fluchttier, ein Hase, der, von Liebe zur schwangeren Häsin beflügelt, aus Feldern und Gärten Kohlköpfe für sie stiehlt. Welch ein Kontrast zu den Soldaten und Hungrigen, die an sich reißen, was sie nicht brauchen, und Frauen nur vergewaltigen und quälen. Zwei Kamele, die philosophieren wie im Märchen, sind richtig froh, dass sie weder Haus noch Gattin haben, die angezündet oder geschändet werden können. Dass die Menschen aus dem Naturkosmos herausgetreten sind, erscheint jedoch auch als Voraussetzung der Katastrophe. In den Roman ist das Drama einer Familie eingeblendet, die sich zugrunde richtet, weil jeder nur denjenigen begehrt, der das nicht erwidert. Und der moldauische Patriarch stirbt höchst symbolisch auf dem Abort, weil er sich so vollstopft, dass er nichts mehr von sich geben kann.

Die Entfremdungsschraube hat sich weitergedreht

Salzmans Welpen halten die biologische Zeit an. Diese Helden altern nicht, sondern bewahren ihre Hundejünglingsoptik, auch als die Romanhandlung einen Zeitsprung macht ins Leningrad der zwanziger Jahre. Bei Salzman gibt es die damals allgegenwärtigen Kommissare und bolschewistischen Losungen nicht, die Epoche der „Neuen Ökonomischen Politik“ besteht aus dem Kontrast aus Massenelend und groteskem Kommerz. Wundersam transferierte Figuren aus Sibirien und Moldawien kehren wieder, jetzt entwurzelt und desillusioniert; auch der kugelfeste, nur an Rost leidende Eisenjunge, eine Sammelfigur für die vielen Revolutionswaisen, der von Kleindiebstählen lebt.

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Hier ändert sich auch die Sprache. Der Erzählfluss wird schlanker. Sarkasmus blitzt auf, etwa bei den zeremoniellen Anredeformen oder den dadaistischen Wortwitzen der Gauner. Der Sohn des Neureichen spielt, als er die erotischen Geheimnisse seiner Mutter entdeckt, sein Entsetzen darüber wie eine Theaterrolle. Die Entfremdungsschraube hat sich weitergedreht. Über allem schwebt wie die vergrößerte Inkarnation der dunklen Menschennatur der mächtige, nachtaktive Eulenmann, ein Alter Ego des Voland aus Michail Bulgakows „Meister und Margarita“, der sich gern mit fremden Frauen amüsiert. Es dürfte kaum eine Umbruchsepoche geben, die in diesem Buch nicht ihr Spiegelbild erkennen könnte.

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