04.12.2009 · Dem unruhigen Dichter bis zuletzt die Treue gehalten: Der eindringliche Briefwechsel zwischen Paul Celan und dem Ehepaar Klaus und Nani Demus, sorgsam kommentiert und mit einem aufschlussreichen Nachwort.
Von Beate TrögerWenn Du mich lieb gehabt hast in so vielen Jahren, wie ichs ja weiß, wenn Du meine Liebe gespürt hast: dann gib diesem Brief, dem schwersten meines Lebens, soviel Gehör als Du kannst. Ich habe Dir das Äußerste, das Allerletzte zu sagen. Alles hängt davon ab, daß Du mir glaubst. Was ich zu sagen habe, kannst Du mir wohl nicht glauben - es geschähe denn ein Wunder: weil diese winzigste Chance besteht, die letzte und äußerste, die meiner Freundschaft zu Dir aufgegeben ist, habe ich es zu sagen. Paul, ich habe den entsetzlichen ganz gewissen Verdacht, daß Du an Paranoia erkrankt bist.“
Diese Worte richtet Klaus Demus im Juni 1962 an seinen Freund Paul Celan. Wer den Briefwechsel zwischen den beiden bis zu dieser Passage liest, wird die Domensionen seiner Tragik noch einmal deutlicher ermessen. Sie markiert das Zerbrechen einer über Jahre gewachsenen Verbindung, die mit Worten von Matthias Claudius beschreibbar ist: „Es gibt einige Freundschaften, die im Himmel beschlossen sind und auf Erden vollzogen werden.“
Geblieben war nur die Sprache
Als der gerade siebenundzwanzigjährige Dichter Paul Celan im Dezember 1947 über Rumänien und Ungarn in Wien eintraf, hatte er als staatenloser Jude alles verloren. Geblieben war ihm die Sprache, Muttersprache, Sprache von Hölderlin, Jean Paul und Rilke, und Sprache der Mörder an den Juden zugleich. In ihr wollte er dichten und publizieren. Alfred Margul-Sperber hatte von Bukarest aus Celan an Otto Basil in Wien empfohlen. Dieser veröffentlichte siebzehn Gedichte Celans unter dem Titel „Der Sand aus den Urnen“ im Februar 1948 in der Zeitschrift „Der Plan“.
Der sieben Jahre jüngere Klaus Demus, zu dieser Zeit Student der Kunstgeschichte und der Klassischen Archäologie in Wien, war auf die Verse aufmerksam geworden und wollte Celan kennenlernen. Auf Vermittlung von Ingeborg Bachmann trafen sich die beiden zum ersten Mal. Demus schickte nach der zweiten Begegnung im Sommer 1948 Celan eines seiner Gedichte: „Und wieder steigt der Rauch aus der Schale des neuen Jahres“, in dem die Natur die Einsamkeit des sprechenden Ichs spiegelt und die Rede ist von „dunklen Vögeln, die sich selten klarsingen“. Celan reagierte freundlich, und doch, so will es rückblickend scheinen, deutet sich in seinem Antwortbrief schon an, was sich später auch in diesem Verhältnis niederschlagen wird: „Meine Vögel sind nicht weniger dunkel als die ihren, aber vom Klarsingen wollen sie scheinbar nichts wissen. Im Gegenteil: das schwärzeste Schwarz schwebt ihnen vor.“
Einziger Sachwalter des deutschen Gedichts
So beginnt ein Austausch zwischen zweien, der von Beginn an auch auf das Ringen um die eigene Dichtung gründete, in dem Solidarität und Anteilnahme bestimmend waren und, anders als etwa in Celans Verhältnis zu Ingeborg Bachmann, das literarische Fortkommen im Spiegel der Öffentlichkeit in Demus' Fall keine zentrale Rolle spielte. Er wird Kustos am Belvedere in Wien werden, seine dichterischen Bestrebungen hält er vom Brotberuf getrennt und wird „entschlossen in zwei Welten leben“, wie er in einem Brief schreibt. Der Jüngere, der sich in der Bildenden Kunst früh für die Moderne begeisterte, im Dichterischen weit mehr der Tradition zugetan blieb, tut Celan von Beginn an seine Bewunderung kund, und dies nicht nur im brieflichen Nachdenken über Dichtung, auch in seinem literarischen Schreiben, wie seine frühen, im vorliegenden Band abgedruckten Gedichte zeigen. Demus sah Celan als „einzigen Sachwalter des deutschen Gedichts, der deutschen Sprache“.
Er wird auch nach dem langen, durch den eingangs zitierten Brief ausgelösten Schweigen seitens Celans, nach dessen wiederholten Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken, nach seiner Trennung von Gisèle Lestrange, 1968 die Korrespondenz wiederaufnehmen, in verändertem Ton zwar, doch mit der gleichen Ehrfurcht: „Einer ganzen Generation hast Du das Wertvollste gegeben. Auch mir, Paul - seit ich die ersten Stücke im ,Plan' las, mit dem untrüglichen Gefühl, hier ist das Höchste, das wir suchen und brauchen, hier ist es da, für unsere ganze Zeit. Und so möchte ich Dir sagen, wie sie den Kinderkönig gebeten haben: ,Sprich zu uns.'“ Noch im Postskriptum zum Briefwechsel aus dem Jahr 2008 nennt Demus, der mit seiner Frau Nani in Wien lebt, Celan den „miglior fabbro“, anspielend auf T. S. Eliots berühmte Widmung für Ezra Pound in „The Waste Land“.
Verbunden im Außenseitertum
Warum aus den frühen Briefen eine so starke Verbindung erwächst, lässt sich lesend aus vielerlei Perspektiven nachvollziehen. Demus' anteilnehmende und in Bezug auf Dichtung, Philosophie und Kunst so feinsinnige Briefe werden Celan nach dem Weggang aus Wien nach Paris bald veranlassen, den Jüngeren mit „Bruder“ anzureden, eine Anrede, die lange Zeit von beiden beibehalten wird und in Celans gesamter Korrespondenz singulär sein dürfte. Das Einbeziehen von Demus' Frau Nani und kurz darauf von Gisèle Celan-Lestrange, wechselseitige Besuche der Paare, Anteilnahme an privaten Ereignissen, Buchgeschenke, Lektüreanregungen und die gelegentliche kritische Revision von Texten, aber auch Vermittlungsversuche im schwierigen Verhältnis zwischen Celan und Ingeborg Bachmann seitens des Ehepaares Demus festigen ein Vertrauen, wie es Celan in kaum einem anderen Verhältnis erfahren und geschenkt haben dürfte. Zugleich verbindet die Briefpartner ihr Außenseitertum. Wo es jedoch, wie Joachim Seng, der die Korrespondenz mit fast vierhundert Briefen herausgegeben, sorgsam kommentiert und mit einem aufschlussreichen Nachwort versehen hat, anmerkt, von Demus frei gewählt war, muss Celans Außenseitertum als ein erzwungenes verstanden werden. Die Erfahrung der Schoa unterschied und trennte ihn von der Erfahrungswelt des Freundes.
Dies mag mitbestimmt haben, was die Goll-Affäre in ihrer zerstörerischen Kraft beförderte. Claire Goll, Witwe Ivan Golls, versuchte von Mitte der fünfziger Jahre an zunächst im Privaten, dann bei Redaktionen und Personen des deutschen und französischen Kulturlebens und im Jahr 1960 mit einer Veröffentlichung in der Zeitschrift „Baubudenpoet“, Celan des Plagiats zu bezichtigen. Der Bremer Literaturpreis und der Büchnerpreis im Jahr 1960 konnten nichts daran ändern, dass Celan sich durch die ungeheure Kränkung und Kreise ziehende Verleumdung zunehmend verfolgt und bedroht fühlte und dies auch auf die Freundschaft zu Demus übertrug: „Das Bodenlose ist . . . das Bodenlose: es kommt jetzt täglich schlimmer: Ich bitte Dich herzlich, das alles sehr ernst zu nehmen. Was damit bezweckt wird, Klaus, ist deutlich: man will, für den Fall, daß ich eines Tages zur Feder greife, alles von mir Geschriebene, auch meine Gedichte, im voraus entmündigen. Klaus, lieber Klaus, ich übertreibe mit keinem Wort. Du mußt entschuldigen, daß ich mit der Maschine schreibe: ich muß, angesichts aller dieser Machenschaften, eine Durchschrift behalten“, heißt es am 10. Juli 1961.
Wachsendes Misstrauen
Nicht nur die Kränkung durch den duplizierten Brief ging Demus hart an. Celans wachsendes Misstrauen hatte schon vorher für Missverständnisse gesorgt. Demus ringt um den Freund, setzt sich im Zusammenhang mit der Goll-Affäre in beispielloser Loyalität gegenüber Dritten für Celan ein, kann dennoch sein wachsendes Unverständnis gegen den aggressiveren Ton in dessen Gedichten nur schwer verbergen. Schließlich fällt auseinander, was über ein Jahrzehnt lang unverbrüchlich schien. Demus' Versuch einer Wiederaufnahme der Freundschaft zwei Jahre vor Celans Tod wirkt nur noch wie ein Echo auf Früheres, wenn Celan im Dezember 1968 mitteilt: „Im März werden wir hoffentlich miteinander sprechen können, nicht von diesen Dingen, aber auch nicht so, als wären sie nicht gewesen. Leben läßt sich nicht ausklammern.“ Celans Distanz ist groß, nicht nur gegenüber dem Freund.
Ein Vierteljahr vor seinem Tod in Paris schreibt er an Demus: „Mir kommt die Sprache mehr und mehr abhanden - bald werde ich nur noch mit den Knochen denken können.“ Am 16. April 1970 versucht Nani Demus noch einmal eine Ermutigung: „Dass Du es tust, was so schwer ist, daß Du es kannst! Durch alle Unmöglichkeit hindurch in ein Wahres hineinzureichen! Ausgesetzt in Dir selber, am nackten Fels Deines Schicksals - daseiend für uns alle.“ Diese Anspielung auf Rilkes „Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. Ach, der zu wissen begann, / und schweigt nun, ausgesetzt auf den Bergen des Herzens“ liest sich zugleich wie ein Abschiedsbrief. Am Ende der Korrespondenz begreift man noch einmal, dass das Ehepaar Demus dem Dichter mit dem unruhigen Herzen bis zuletzt die Treue in einer Weise zu halten versuchte, wie sie nur aus tiefstem Zugetansein, nur aus Liebe möglich ist.