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Paul Auster: Winterjournal : Gibt es eine Veranlagung zum Glück?

Bild: Rowohlt

In diesen Sätzen kann man sich zu Hause fühlen: Der amerikanische Romancier Paul Auster betreibt in seinem „Winterjournal“ exzessive Beobachtungen der eigenen Anfälligkeit. Dabei offenbart er einen gewissen Hang zur Hypochondrie – und eine entwaffnende Ehrlichkeit.

          Einer wird sechzig, dann einundsechzig, zweiundsechzig, dreiundsechzig – und dann hat er Lust, weil er schon mehr als ein Dutzend Romane geschrieben hat, das eigene Leben zum Thema zu nehmen, aber ohne die Verkleidungskünste der Fiktion.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          So ungefähr können wir uns den erfolgreichen amerikanischen Schriftsteller Paul Auster, Jahrgang 1947, um das Jahr 2011 vorstellen. Sein Leben, davon hat er oft gesprochen, diente ihm bisher als Inspiration und Ersatzteillager für seine Bücher, doch diesmal soll es etwas anderes werden: eine halb erzählerische, halb essayistische Wanderung durch prägende Momente, zufällige Umstände und Leitmotive seiner Existenz. In dem soeben erschienenen „Winterjournal“ zerlegt Auster seine gelebten Jahre, wie es einem fröhlichen französischen Strukturalisten einfallen könnte.

          Alles ist nah, fast kumpelhaft, ohne Erhabenheit und Abstraktion

          Zunächst reist er um seinen eigenen Körper, erzählt, was ihm in mehr als einem halben Jahrhundert so alles widerfahren ist. Frühkindliche Empfindungen von Kälte und Wärme, „ein Katalog von Sinnesdaten“. Die Narben, die er sich beim Spielen zugezogen hat. Dann, was ihm Freude und Euphorie bereitet: „In erster Linie sexuelle Lust“, schreibt Auster, „aber auch die Lust am Essen und Trinken, der Genuss, nackt in einem warmen Bad zu liegen, sich das juckende Fell zu kratzen, zu niesen und zu furzen, eine weitere Stunde im Bett zu verbringen, an einem lauen Nachmittag im Spätfrühling oder Frühsommer dein Gesicht in die Sonne zu halten und die Wärme auf deiner Haut zu spüren.“

          Die Du-Anrede, in der das ganze „Winterjournal“ geschrieben ist, knirscht hörbar, weil es die Mehrdeutigkeit des englischen „you“, das sowohl „du“ wie auch „man“ heißen kann, im Deutschen nun einmal nicht gibt. Davon abgesehen, braucht Auster keine fünf Absätze, um den Leser dicht an seine Seite zu holen. Alles ist nah, fast kumpelhaft, ohne Erhabenheit und Abstraktion. Der erste richtige Kuss.

          Die Unfähigkeit, sich im Raum zu orientieren und Wege im Kopf zu behalten. Die Angst vor dem Schmerz. Beständig ist vor allem der frühe Entschluss, die Welt schreibend zu erleben und sich der amerikanischen Obsession durch das Materielle zu verweigern. Auster macht daraus keine Maxime, er tut es einfach. Im „Winterjournal“ soll es nicht um Schriftstellerposen gehen, sondern einen normalen Menschen, und das Einnehmende an diesem Buch ist, dass dieses Unterfangen tatsächlich gelingt. In dem Maß, in dem Paul Auster die eigene Prominenz verkleinert und beiseitelässt, wächst das Buch: Es findet alle Originalität im Gewöhnlichen.

          Augenblicke von Sprachlosigkeit, Verlust und Tod

          Das Thema der sexuellen Lust wird später vertieft, furchtlos, unprüde, bis zu der Erwähnung, der junge Auster habe sich in seinen Pariser Jahren, als er keine Freundin hatte, auch Trost bei Prostituierten verschafft, immer auf der Suche nach dem Gesicht einer Frau, „deren Augen noch nicht erloschen waren“. Doch der Fünfundzwanzigjährige ist kein romantischer Dummkopf, sondern ein Mann zwischen Erregung und Einsamkeit, den der Autor verständlich macht. Männer sind so, sagt die beeindruckende Schilderung der nächtlichen Gassen in seinem billigen Viertel, und manche Frauen verdienen damit ihr Geld.

          Dies hätte ein hedonistisches Buch werden können, wenn der ruhelose Auster dafür gemacht wäre, aber das ist er nicht. Ein Hauch von Hypochondrie liegt über den Seiten, ein exzessives Beobachten der eigenen Anfälligkeit, dessen Ehrlichkeit entwaffnend ist. Dazu gehören auch die Schilderungen der vereinsamten Mutter (Auster erfährt erst im Alter von fünfundfünfzig Jahren, dass sie seinem Vater untreu war), der Augenblicke von Sprachlosigkeit, Verlust und Tod. Das Gegengewicht dazu bildet Austers lässiger Humor, ein fast staunendes Konstatieren von Pech und Widrigkeiten. Der schwere Autounfall, den der Schriftsteller in späteren Jahren aus Unachtsamkeit provoziert, bringt ihn dazu, sich nie wieder hinters Steuer zu setzen. Gefährlich an seinem Leben sind jetzt vor allem die Zigarillos, von denen er nicht lassen kann.

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