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Patti Smith: Just Kids Für meine Sünden sterbe ich selber

17.03.2010 ·  Das Werden zweier Künstler: Die Rockmusikerin Patti Smith erzählt von ihrer Freundschaft mit dem Fotografen Robert Mapplethorpe.

Von Verena Lueken
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Sie hatten kein Geld, oft kein Bad, berühmt waren sie noch lange nicht, stilbewusst aber wohl. Bei ihrer ersten Begegnung mit Janis Joplin trägt Patti Smith ihr „Jenseits von Eden“-Outfit, ein langes blaues Kleid aus Kunstseide mit großen Punkten und einen Strohhut. Zum Kostümball des Modedesigners Fernando Sanchez geht sie im schwarzen Seidenhemd mit schwarzer Krawatte und schmaler schwarzer Satinhose unterm schwarzen Jackett und trägt dazu „jungfräulich weiße Tennisschuhe“, die später auch bei ihrem Catwalk-Debüt desselben Designers zum Einsatz kommen.

Robert Mapplethorpe kleidet sich mit ähnlicher Sorgfalt. Netzhemden, Hüte, dünne Krawatten, Schlangenlederschuhe, eine Schaffellweste, das sind so die Dinge, die er sich damals, im New York der frühen siebziger Jahre, umhängt. Für das Umschlagfoto ihres ersten Gedichtbands „Kodak“ kauft Patti Smith sich ein weißes hochgeknöpftes Hemd, und als sie auf Reisen geht, um die Gräber von Arthur Rimbaud und Jim Morrison, zwei ihrer großen Vorbilder, zu besuchen, füllt sie ihren Koffer mit Fundstücken aus einem Heilsarmee-Laden auf der Bowery: einen gelbgrünen Regenmantel aus gummierter Seide, eine Hahnentritt-Leinenbluse von Dior, eine braune Hose und eine grau-beige Strickjacke, alles zusammen erstanden für dreißig Dollar. Später trägt sie den grünen Regenmantel zur roten Caprihose aus Shantung-Seide mit schwarzen Ballettslippern und einem violetten Sonnenschirm, als sie zum ersten Treffen mit Tom Verlaine aufbricht. Derart beeindruckt, wird dieser nicht nur ihr Freund, sondern vorübergehend auch Gitarrist in ihrer Band.

Kleider als Kunst

All das erfahren wir in dem Buch, das Patti Smith über ihre Freundschaft mit Robert Mapplethorpe geschrieben hat. Dass wir an ihren Zeilen hängen wie später an ihren Lippen, wenn sie ihre Punkgedichte sang, hat natürlich auch damit zu tun, dass die beiden Stilikonen ihrer Zeit und darüber hinaus waren und Patti Smith von ihren Kleidern erzählt, als wären sie Teil ihrer Kunst. Sie und Mapplethorpe definierten, was bis heute als cool gelten kann, sie machten Mode, statt dieser zu folgen, sie waren frei.

Wir sehen das heute noch, wenn wir die Fotos betrachten, die Mappelthorpe von seiner Freundin machte. Vor allem eines, das Cover von Patti Smiths erstem Album „Horses“: In schwarzer schmaler Hose steht sie da, das dunkle Jackett über die Schulter geworfen, die dünne schwarze Krawatte ungebunden über dem weißem Herrenhemd hängend – alles ist da drin, Bob Dylan und die Stones (in der Frisur, die sie nach einem Foto von Keith Richards in ihr braves Joan-Baez-haftes Haar gemäht hatte), Frank Sinatra, dem sie die Haltung mit dem Jackett abschaute, und dann ihr Eigenes, der Blick geradewegs auf uns zu, die dünne Gestalt, die lässige Geste, aus der spricht, was sie bei einem Doors-Konzert im Filmore East empfunden hatte: Das kann ich auch.

Sittenbild der Siebziger

Mit „Horses“ endet dieses Buch. Es ist also nicht die Autobiographie eines Rockstars, sondern ein Buch über eine lebenslange Freundschaft, wie es der Untertitel verspricht und eine Bildungsgeschichte: Es erzählt, wie zwei junge Leute an ihrem Willen festhalten, Künstler zu werden, die eine radikal und kompromisslos, der andere immer wieder auch mit Blick auf die Leute, die er braucht, um als Künstler anerkannt zu werden. Und so ist das Buch auch ein Sittenbild der siebziger Jahre.

Es beginnt allerdings mit der Kindheit in Smith’ streng religiösem Elternhaus. Sie war häufig krank, las viel, beobachtete mit ihrem Vater die Ufo-Aktivitäten am Himmel und führte ansonsten ihre Truppen, zu denen sie die Geschwister zusammenrief, in den Krieg zwischen Sümpfen und Pfirsichplantagen. Irgendwann, da war sie elf, wies ihre Mutter sie an, ein Hemdchen überzuziehen, weil sie „beinah schon eine junge Dame“ sei. Das war der Moment, in dem Patti Smith beschloss, mit ihrem Leben etwas anzufangen, damit diese grässliche Aussicht niemals Wirklichkeit würde. Schon wenn man den ersten Satz des ersten Songs auf ihrem ersten Album hört – „Jesus died for somebody’s sins but not mine“ –, wird unschwer klar, dass ihr das gelungen ist.

Künstlerin statt junger Dame

Sie lernt Mapplethorpe im Sommer 1967 kennen, als sie nach New York kommt, um etwas anderes als eine junge Dame zu werden. Vorzugsweise eine Künstlerin, obwohl sie noch nicht weiß, in welche Richtung das gehen soll. Sie verehrt Rimbaud, ist überhaupt einigermaßen belesen, sie zeichnet, und zwar ziemlich gut, sie schreibt Gedichte. Geld verdient sie in einer Buchhandlung, in deren Waschraum sie auch übernachtet, und immer wieder findet sie, wie früher schon, bei Antiquaren seltene Buchausgaben, die sie gewinnbringend verkauft.

Als sie sich treffen, sind sie beide zwanzig, fremd in New York und wollen zur Boheme finden. Sie verlieben sich ineinander, sie leben miteinander, sie arbeiten miteinander. Und hier zieht Patti Smith die Aufmerksamkeit von sich ab und verlagert sie auf Robert Mapplethorpe, den Freund, der sich als „Bob“ vorstellt und dem sie sagt: „Irgendwie kommst du mir nicht wie ein Bob vor. Ist es dir recht, wenn ich Robert sage?“ Dabei blieb es.

Böses Mädchen, braver Junge

Zwischen ihnen gibt es eine Übereinkunft: Sie sei ein böses Mädchen, das versucht, gut zu sein, während er sich als braven Jungen sieht, der gern böse gewesen wäre. So einfach war es natürlich nicht. Die Rollen wechselten. Robert entdeckte seine Homosexualität und blieb bei den Drogen, während sie sich bei der Vorbereitung auf eine Theaterrolle sagen lassen musste: „Du drückst nicht und bist nicht lesbisch, was bist du überhaupt?“

Sie ist eine Poetin von ungeheurer Wucht, mit und ohne den wundervollen Krach, den ihre Band dazu macht, immer unsentimental, nie eitel, und so hat sie auch dieses Buch geschrieben. Dass sie früher berühmt wurde als Mapplethorpe, war nicht geplant, dass sie ihn wie so viele andere Weggenossen überlebte, ist Schicksal. Am Anfang, als es noch ganz um sie geht, schreibt sie über ihre Zeit in der Sonntagsschule, in die ihre Mutter sie schickte, um ihre Neugierde auf Fragen etwa nach der Farbe der Seele zu stillen: „Es machte mir Vergnügen, mir eine höhere Macht über uns vorzustellen, die in ständiger Bewegung war, wie flüssige Sterne.“ Unter diesen flüssigen Sternen lebt sie bis heute im Gedenken an all ihre Toten. Eigentlich ist das die Geschichte, die sie uns erzählt.

Patti Smith: „Just Kids“. Die Geschichte einer Freundschaft. Aus dem Englischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010. 304 S., geb., 19,95 €.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1955, stellvertretende Leiterin des Feuilleton.

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