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Patti Smith: Just Kids : Für meine Sünden sterbe ich selber

Bild: Verlag

Das Werden zweier Künstler: Die Rockmusikerin Patti Smith erzählt von ihrer Freundschaft mit dem Fotografen Robert Mapplethorpe.

          Sie hatten kein Geld, oft kein Bad, berühmt waren sie noch lange nicht, stilbewusst aber wohl. Bei ihrer ersten Begegnung mit Janis Joplin trägt Patti Smith ihr „Jenseits von Eden“-Outfit, ein langes blaues Kleid aus Kunstseide mit großen Punkten und einen Strohhut. Zum Kostümball des Modedesigners Fernando Sanchez geht sie im schwarzen Seidenhemd mit schwarzer Krawatte und schmaler schwarzer Satinhose unterm schwarzen Jackett und trägt dazu „jungfräulich weiße Tennisschuhe“, die später auch bei ihrem Catwalk-Debüt desselben Designers zum Einsatz kommen.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Robert Mapplethorpe kleidet sich mit ähnlicher Sorgfalt. Netzhemden, Hüte, dünne Krawatten, Schlangenlederschuhe, eine Schaffellweste, das sind so die Dinge, die er sich damals, im New York der frühen siebziger Jahre, umhängt. Für das Umschlagfoto ihres ersten Gedichtbands „Kodak“ kauft Patti Smith sich ein weißes hochgeknöpftes Hemd, und als sie auf Reisen geht, um die Gräber von Arthur Rimbaud und Jim Morrison, zwei ihrer großen Vorbilder, zu besuchen, füllt sie ihren Koffer mit Fundstücken aus einem Heilsarmee-Laden auf der Bowery: einen gelbgrünen Regenmantel aus gummierter Seide, eine Hahnentritt-Leinenbluse von Dior, eine braune Hose und eine grau-beige Strickjacke, alles zusammen erstanden für dreißig Dollar. Später trägt sie den grünen Regenmantel zur roten Caprihose aus Shantung-Seide mit schwarzen Ballettslippern und einem violetten Sonnenschirm, als sie zum ersten Treffen mit Tom Verlaine aufbricht. Derart beeindruckt, wird dieser nicht nur ihr Freund, sondern vorübergehend auch Gitarrist in ihrer Band.

          Kleider als Kunst

          All das erfahren wir in dem Buch, das Patti Smith über ihre Freundschaft mit Robert Mapplethorpe geschrieben hat. Dass wir an ihren Zeilen hängen wie später an ihren Lippen, wenn sie ihre Punkgedichte sang, hat natürlich auch damit zu tun, dass die beiden Stilikonen ihrer Zeit und darüber hinaus waren und Patti Smith von ihren Kleidern erzählt, als wären sie Teil ihrer Kunst. Sie und Mapplethorpe definierten, was bis heute als cool gelten kann, sie machten Mode, statt dieser zu folgen, sie waren frei.

          Wir sehen das heute noch, wenn wir die Fotos betrachten, die Mappelthorpe von seiner Freundin machte. Vor allem eines, das Cover von Patti Smiths erstem Album „Horses“: In schwarzer schmaler Hose steht sie da, das dunkle Jackett über die Schulter geworfen, die dünne schwarze Krawatte ungebunden über dem weißem Herrenhemd hängend – alles ist da drin, Bob Dylan und die Stones (in der Frisur, die sie nach einem Foto von Keith Richards in ihr braves Joan-Baez-haftes Haar gemäht hatte), Frank Sinatra, dem sie die Haltung mit dem Jackett abschaute, und dann ihr Eigenes, der Blick geradewegs auf uns zu, die dünne Gestalt, die lässige Geste, aus der spricht, was sie bei einem Doors-Konzert im Filmore East empfunden hatte: Das kann ich auch.

          Sittenbild der Siebziger

          Mit „Horses“ endet dieses Buch. Es ist also nicht die Autobiographie eines Rockstars, sondern ein Buch über eine lebenslange Freundschaft, wie es der Untertitel verspricht und eine Bildungsgeschichte: Es erzählt, wie zwei junge Leute an ihrem Willen festhalten, Künstler zu werden, die eine radikal und kompromisslos, der andere immer wieder auch mit Blick auf die Leute, die er braucht, um als Künstler anerkannt zu werden. Und so ist das Buch auch ein Sittenbild der siebziger Jahre.

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