08.12.2007 · Im hölzernen Pferd saßen keine Trojaner. Es waren Griechen, die auf den Rat des listigen Odysseus durch Betrug in die Stadt Troja eindrangen. Dante steckte ihn kurzerhand wegen seiner vielen Lügen in die Hölle, und dort enden vermutlich auch die Entsender elektronischer Spione, die in unsere Festplatten ...
Im hölzernen Pferd saßen keine Trojaner. Es waren Griechen, die auf den Rat des listigen Odysseus durch Betrug in die Stadt Troja eindrangen. Dante steckte ihn kurzerhand wegen seiner vielen Lügen in die Hölle, und dort enden vermutlich auch die Entsender elektronischer Spione, die in unsere Festplatten eindringen, zusammen mit denen, die den verkappten Eindringlingen den falschen Namen geben. Ihr Beispiel zeigt allerdings, dass Homers "Odyssee" immer noch in Resten gegenwärtig ist, dem Niedergang der gymnasialen Bildung zum Trotz. Fast jeder weiß, dass "Odyssee" ein anderes Wort für eine lange Irrfahrt ist. Fast jeder versteht es noch, wenn von einem Politiker mit Dreitagebart gesagt werden muss, er steure gefahrvoll hindurch zwischen Scylla und Charybdis.
Der Manesse Verlag Zürich gibt soeben mit einem eindrucksvoll gut gemachten Band die ideale Gelegenheit, die "Odyssee" zu lesen. Er veröffentlicht in derselben buchtechnischen Qualität, mit der er uns im letzten Jahr "Gullivers Reisen" präsentiert hat, die verlässliche Übersetzung des Schweizer Gräzisten Kurt Steinmann. Er riskiert damit, nicht nur mit den berühmten früheren Übersetzungen der "Odyssee", sondern auch mit der meisterhaften Übersetzung des Jonathan Swift durch Christa Schuenke verglichen zu werden.
Natürlich bestehen gewaltige Differenzen: Die "Odyssee" steht uns ferner als der Reisebericht Gullivers; sie stammt aus dem achten vorchristlichen Jahrhundert, Swift gehört ins achtzehnte der christlichen Zeitrechnung. Der Leser Homers braucht mehr Hilfe; auf gut fünfzig Seiten Anmerkungen informiert ihn Kurt Steinmann unaufdringlich über Personen und Sachen. Das alte Epos lässt sich lesen fast wie ein Roman, auch mit grellen Effekten: die Gefahren der Seefahrt, die immer wieder verzögerte Heimkehr, die Lebensgefahr in der Höhle des menschenfressenden Riesen Polyphem, dessen Blendung, die zarte Begegnung mit Nausikaa am Strand, der Hund, der den alten Heimkehrer als Erster wiedererkennt, die Tötung der Freier, die vorsichtig-tastende Wiederbegegnung mit der Ehefrau Penelope. Am Schluss der Friedensvertrag nach so vielen grausamen Morden.
Die Erzählung behält ihren vielerprobten stofflichen Reiz und ihre bunten Effekte, aber sie lädt auch ein zum Nachdenken; sie ist nach der "Ilias" das wichtigste Dokument der Theologie der Hellenen. Sie versteht sich als den Gesang der Muse, der Tochter des Zeus. Sie erzählt die Irrfahrten als Götterkonflikt: Neptun rächt an Odysseus die Blendung seines Sohns Polyphem. Am Ende siegt Odysseus mit Hilfe der Athene. Religiöses, Mythologisches in fast allen Szenen, besonders auch beim Besuch des Odysseus im Hades. Dieses Epos ist eine wichtige Quelle für die frühgriechische Ethik: Odysseus flunkert ständig, aber das geht fast unkritisiert durch. Die Erzählung handelt insgesamt von der Ehe und von der Rolle der Frau. Sie beweist übrigens auch, dass die frühe Ethik den Bettler, den Armen und den unansehnlichen Alten unter den besonderen Schutz des Zeus stellte. Die Ausweitung ethischer Verbindlichkeiten über den Kreis der Familie und des Clans hinaus brachte nicht erst das Christentum.
Im letzten Buch fordern die Götter den Friedensschluss, aber diese "humanistische" Botschaft wirkt blass und angehängt. Sie hat - zusammen mit den einleitenden Gesängen über die Suche des Telemachos nach seinem Vater Odysseus - immer wieder die Frage nahegelegt, ob wir es bei der Odyssee mit dem Werk eines einzigen Dichters zu tun haben oder mit der mehrstufigen Redaktion heterogener alter Lieder. Das gelehrte Nachwort des großen Altertumskenners Walter Burkert gibt dazu die nötigen Auskünfte, aber das Buch ist so leserfreundlich angelegt, dass man es auch unbelastet von dieser Sorge der Philologen lesen kann. Es behält Spannung und zeigt Lebenswahrheit.
Voß und die Folgen.
Die "Odyssee" ist ein eminent europäisches Buch. Aeneas, der Gründer Roms, kam, Vergil zufolge, aus Troja, und in dieser Verbindung wurde die Geschichte durch die Jahrhunderte weitererzählt, mit Hadesbesuch und Höllenfahrt, auch wenn Homers Text im lateinischen Mittelalter nicht bekannt war. Die Odyssee wurde - im europäischen Maßstab - spät ins Deutsche übersetzt, nämlich im sechzehnten Jahrhundert. Die klassische deutsche Übersetzung schuf Johann Heinrich Voß im Jahr 1781. Sie wurde von ihm ständig verbessert und von späteren Bearbeitern modernisiert und stellte in dieser Version bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein den deutschen Normaltext dar. In den Jahren rund um den Ersten Weltkrieg setzte sich das Gerücht fest, Voß übersetze banalisierend, glättend, idyllisch. Man brachte ihn mehr mit dem Pietismus als mit der großen Philologie der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts in Verbindung. Neueste Stimmen über Johann Heinrich Voß sprechen anders, aber das Ansehen seiner Übersetzungen blieb ramponiert. Manche Leser wollten eine genauere Übersetzung, die dem Fortschritt der philologischen Forschung entspräche; andere Kritiker suchten einen tragischeren, einen archaischeren und einen weniger glatten Homer.
In beide Richtungen gab es mehrere Versuche. Seit 1911 beherrschte Rudolf Alexander Schröder weithin das Feld, naturalistische Effekte verabscheuend, in verleugneter Nähe zu Stefan George, von Hofmannsthal bejubelt; nur seinem Freund Rudolf Borchardt fiel zu dieser halbherzigen Übersetzungskunst nichts ein. Wenn Polyphem abends in seine Höhle eintritt und sein Abendessen vorbereitet, klingt das bei Schröder so: "Also saß er und molk die meckernden Geißen und Schafe, / Alles nach Brauch, und stellte die Lämmlein unter die Mütter. / Flugs aber ließ er die Hälfte des eben Gemolknen gerinnen, / Tat das Geronnene dann nach Schichten auf weidene Darren, / Aber die übrige Hälfte der Milch in Schalen und Näpfe, / Dass er's behalt und trinke die Milch zum Mahl für den Abend."
Die Szene hat den Charakter einer idyllischen Einlage (IX 244 bis 249). Sobald der Kyklop sein Abendessen bereitet hat, zündet er ein Feuer an, erblickt die Griechen, und das traurige Drama beginnt. Schröder hat diese prekäre Idylle nicht erfunden; er hat sie in zierliche Verse gegossen. Die deutschen Wörter musste er, um das Versmaß einzuhalten, teils kürzen, teils umständlich verlängern; so wird das "Nachtmahl" zum "Mahl für den Abend". In der letzten Zeile fehlen bei der Wendung "dass er's behalt" zwei e. Außerdem gerät der Anschluss an den vorangehenden Vers grammatisch falsch, denn was Polyphem behalten will, ist die andere Hälfte. Auffallend ist die gesucht archaisierende Wortwahl: Wo Voß von "geflochtenen Körben" gesprochen hatte, stehen bei Schröder "weidene Darren". Aus "zwei" Gefährten, die Polyphem auffrisst, macht Schröder bald darauf "zween zugleich", und so geht es weiter.
Die Frage der philologischen Genauigkeit zurückstellend, darf man folgern: Mit dieser Art der Übersetzung konnten weder Freunde der Dichtung noch Gräzisten zufrieden sein. Der Hexameter und die altertümelnde Manier erwiesen sich als Joch. Es dauerte fast ein halbes Jahrhundert, bis Wolfgang Schadewaldt (1900 bis 1974) den nächsten großen Schritt tat: Er verzichtete auf das Versmaß, und seine Prosaübersetzung blieb genauer am Original. Sie bestimmte auf Jahrzehnte die Homerlektüre der Nicht-Spezialisten, wirkte aber auch auf die Forschung zurück. Sie behält ihren Wert; lange Zeit mochte es scheinen, als werde es keine Hexameterübersetzungen mehr geben.
Genau diese Überraschung bietet nun Kurt Steinmann. Er kann für seine Rückkehr zur strengen Form geltend machen, wie wichtig die Metrik für die reimlose antike Dichtung überhaupt war; er kann gegen Schadewaldt bemerken, dass dieser zwar konsequent war beim Verzicht auf das Versmaß, aber nicht ebenso kohärent bei der Vermeidung von Archaismen. Jetzt klingt die Heimkunft des Polyphem anders. Er wälzt den riesigen Felsblock vor den Eingang: "Sitzend molk er alsdann die Schafe und meckernden Ziegen, / alles ganz richtig, und legte den Müttern unter ihr Junges. / Gleich ließ er von der weißen Milch die Hälfte gerinnen, / ballte sie dann und füllte sie in weidene Körbe, / und die andere Hälfte schüttete er in Gefäße, / dass er sie nehme und trinke und sie ihm diene zum Nachtmahl."
Die Last des Versmaßes.
Der Zwang des Hexameters bleibt fühlbar, vor allem in der zweiten Zeile. Aber im Ganzen ist bei aller Strenge des Rhythmus ein gut lesbarer Text entstanden, frisch und durchweg glatt. Dank gelehrter Vorarbeit ist er viel genauer als bei Schröder. Man möchte in Begeisterung ausbrechen, die Dichtung und die schönen Bilder von Anton Christian still genießen. Aber liest man das Ganze, fällt die Belastung durch das Versmaß ins Auge: Wörter werden verlängert durch Hinzufügungen; sie werden aber auch verkürzt durch Weglassen von Buchstaben. Vor allem der Buchstabe "e" trägt den Schaden davon: Gleich in der ersten Zeile heißt der Dativ von "der Mann" altertümelnd: "Muse, erzähl mir vom Manne. . ."
Zuweilen kommt es zu Verrenkungen der deutschen Syntax. Merkwürdiger noch: Die Stilebene wird nicht eingehalten. Wer Polyphem beim Bereiten des Abendessens zugeschaut hat, damit er die Milch "nehme und trinke und sie ihm diene zum Nachtmahl", hört nicht mehr die nostalgisch-künstliche Rückschau, sondern befindet sich eher im besseren Salon als in der Erdhöhle des Vormenschen. Die Tonart bleibt edel. Aber es kommt zu unmotivierten Ausrutschern. Da wird jemand der "Schädel verbleut", ein Krieg wird "abgewickelt". Wo Schadewaldt noch schrieb: "fasse Mut!", erklingt jetzt ein militärisches "Kopf hoch!". Schadewaldt übersetzte: "Unselige!", unser Schweizer Dolmetsch liefert dafür ein volkstümliches: "Seid ihr verrückt?" Als wären wir in einer Operette von Jacques Offenbach, piepst Nausikaa den mühselig gebastelten Vers: "Lieber Papa, könntest du nicht den Wagen mir rüsten?" Von einem ehrwürdigen Altgriechen heißt es einmal, es werde ihm "mulmig zu Mute". Und mehrmals soll einer dem Schlächter übergeben werden, "dass er dir Nase und Ohren abschneide mit grausamem Erze / und dir die Scham ausreiße zum Rohfleischverzehr für die Hunde."
Das sind wenige Beispiele in einem riesigen Verswerk, kleine Ausreißer in einem einheitlich moderat gehaltenen neuen Homer. Sie beweisen nur, dass es keinen definitiv besten deutschen Homer gibt. Sie mindern nicht den Respekt vor einer mutigen Leistung. Der wunderbar ausgestattete Geschenkband lädt ein, Homer zu lesen - unabhängig von Schulzwang und beruflichen Leseverpflichtungen.
- Homer: "Odyssee". Aus dem Griechischen übersetzt und kommentiert von Kurt Steinmann. Nachwort von Walter Burkert. Mit 16 Illustrationen von Anton Christian. Manesse Verlag, Zürich 2007. 445 S., geb., 69,90 [Euro].