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Paolo Giordano: Die Einsamkeit der Primzahlen : Liebe unter dem Minuszeichen

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Bild: Verlag

Scheiternde Wahlverwandtschaften: Paolo Giordano, sechsundzwanzig Jahre alt und Doktorand der Physik, hat ein Romandebüt geschrieben, das in Italien prompt ein Überraschungserfolg wurde.

          Am Erfolg hängt, zum Erfolg drängt doch alles. Heißt dies nicht, literarisch gewendet: Gib dem Leser, was des Lesers ist. Was aber will er? Bestsellerlisten, Stückzahlen beantworten es mit einem ganz neuen Genre: dem Designerroman. Er ist ein Produkt der Medienkonkurrenz. Gewonnen hat den Kampf um die freie Zeit des Publikums zwar der Kino- und Fernsehfilm. Doch in seinem Rücken scheint der langsame, selbstlose Buchstabe der Literatur einen ganz neuen, alternativen Genuss zu bieten: eine Diät gegen die Fresslust schneller, gieriger Bilder.

          Anschauung kann ein eklatanter Fall aus Italien geben. Es ist der Debütroman von Paolo Giordano, sechundzwanzig, Doktorand der Physik. Er trägt den Titel „Die Einsamkeit der Primzahlen“, erreichte in weniger als einem Jahr eine Auflage von über einer Million, beherrschte Bestsellerlisten und Kritik und erhielt den „Premio Strega“, den angesehensten Literaturpreis Italiens.

          Erfolge haben Gründe

          Erfolge haben Gründe. Zwei erstaunliche spielen hier zusammen. Giordano ist nicht naiv. Er hat die „Scuola Holden“, die Schreibschule des Medienartisten Alessandro Barrico (F.A.Z. von 9. Mai 2008), besucht – und offensichtlich seine Lektion gelernt. Schreiben für Publikum heißt demnach, dessen Sehgewohnheiten entgegenzukommen. Der Text muss leichtgängig sein, braucht einen Erzähler, der alles in der Hand hat, ohne dass er es zeigt; kurze Kapitel, knappe Sätze; Stil ja, doch kaum Ballast; präzise Figuren, biographisch geordnet; Mattia und Alice, die Protagonisten, schicksalhaft füreinander bestimmt; und überm Horizont der Regenbogen einer Liebesgeschichte mit ausreichend emotionalem Niederschlag. Alles ist angerichtet für einen schönen Abend im Sprachkino.

          Und dann das: Giordano bedient zwar all diese Erwartungen, doch nur, um durch sie hindurch ein ebenso berührendes wie subtiles Drama von Einsamkeit und Entsagung aufzuführen. Es folgt einer klassischen, geradezu mathematisch strengen Linienführung: zwei unabhängige Adoleszenzgeschichten, die sich nahekommen, doch unvereinbar bleiben, wie Zwillingsprimzahlen, die der Titel meint. Ihre unerfüllte Liebe nimmt den Leser mit, um ihm zu eröffnen, warum sie unerfüllt bleiben musste.

          Zwei verfehlte Initiationen im Leben

          Erste Szene: Alice sollte, nach dem Willen des Vaters, es im Skifahren zu etwas bringen. Sie verunglückt; ihr Bein versteift. Mit dem Bewusstsein eines Krüppels tritt sie ins Leben ein; es ist zugleich der Anfang ihres Austritts. Parallel dazu die zweite Szene: Mattia, eingeladen zur Geburtstagsfeier eines Klassenkameraden, lässt, um dem Spott der anderen zu entgehen, seine behinderte Schwester im Park zurück. Man wird sie nie mehr finden; er geht sich darüber selbst verloren. Zwei verfehlte Initiationen ins Leben – und eine effektvolle Vorlage, um belletristisch für ausgleichende Gerechtigkeit zu sorgen.

          Doch Giordano ist unerbittlich. Von den Erniedrigungen der Schulzeit über die Nöte erwachender Sexualität, über versagte Freundschaften, verlorene Beziehungen zu den Eltern bis zu den Selbstüberlassenheiten in Ausbildung und Beruf legt er einen Stationenweg an, der mit jedem Schritt nur den verfehlten Anfang weiter entfaltet, streng wie ein analytisches Schicksalsdrama. Je länger sie am Leben teilnehmen, desto tiefer gräbt sich ihnen ein, dass sie nicht dazugehören. An einer Stelle lässt die Geschichte einen Durchblick auf ihre Beweggründe zu: „Er lehnte die Welt ab, sie fühlte sich von der Welt abgelehnt.“ Von Beginn an treten sie deshalb den Rückzug in sich selbst an und liefern sich ihren schadhaften Seelen aus. Folgt man Freud, kehrt das Verdrängte freilich entstellt wieder: Beide übertragen die Ablehnung ihrer selbst auf ihren Körper. Sie verfolgt ihn mit Bulimie; er verkrüppelt sich Hände und Haut.

          Unter falschen Vorzeichen

          Wie in einem (guten) Drama wird die Falllinie zur rechten Zeit jedoch von einem sensiblen retardierenden Moment unterbrochen. Es kommt, wie die Sympathie des Lesers es sich wünscht: Die beiden lernen sich kennen; die bisher parallelen Handlungen gehen ineinander auf. Es hätte die Peripetie ihres Lebens werden können. Doch auch sie war unter falschem Vorzeichen zustande gekommen. Die anderen, die Mitschüler, die Normalen, waren es, die meinten, die Unzugehörigen müssten doch zusammengehören. Eine raffinierte Pointe Giordanos. Er wendet die sentimentale Mathematik des Unterhaltungsgenres an: minus mal minus ergibt ein Plus des Lebensgefühls.

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