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Paare, Paranoia

Ein Buch als Warnschuss: Der neue Roman von Ulrich Peltzer beschreibt den allgegenwärtigen Terror in unserer nächsten Nachbarschaft

In sein letztes Buch ist Ulrich Peltzer die Gegenwart hineingefahren wie ein Donnerschlag. Wie ein Blitz, der eine Sekunde lang so groß und mächtig erscheint, dass er die Welt verbrennt. Er war damals in New York für ein Jahr, schrieb ein Buch über New York, ein Gerüst stürzt ein, gleich zu Beginn des Buchs, Tonnen von Stahl brechen zusammen, alle Anwohner werden evakuiert, Alltagskatastrophen, Zusammenbrüche der Vergangenheit in einer Stadt der ewigen Zukunft. Peltzer schrieb und schrieb, und dann passierte: 9/11. Der Riss durch die Welt, der Einsturz der Türme wird ein Riss durch das Buch. "Bryant Park" war das erste Buch über den 11. September und ist bis heute eins der besten geblieben. "Ein erster Satz aus dem Nichts." So endet es, dann das Datum wie ein Beweisstempel der Gegenwärtigkeit: "Dezember 200o / November 2001".

Jetzt ist Ulrich Peltzer zurück, zurück in Deutschland, in Berlin-Kreuzberg, wo er seit vielen Jahren lebt. Und er ist zurück mit einem Buch, das wieder in Deutschland spielt, in Kreuzberg. Der Schriftsteller Peltzer, Jahrgang 1956, hatte sich Mitte der siebziger Jahre, wie ganze Heerscharen seiner Generation, auf den Weg nach West-Berlin gemacht, um dem Dienst in der Bundeswehr zu entgehen und das ganz andere Leben zu führen. Die Alternative. Er studierte ein wenig Psychologie, aber nicht zu viel, mehrere Semester lang studierte er eher sein Inneres, studierte Drogen, Freiheit, Musik und Protest. Kreuzberg als geistige Lebensform. Und er schrieb. 1987 erschien sein erstes Buch unter dem programmatischen Titel "Die Sünden der Faulheit", verkrachtes Leben, Suche nach Glück, Protest. Mit den Jahren und mit seinen nächsten Büchern ist Ulrich Peltzer so etwas wie der Kartograph des politischen Kreuzberg geworden, er schildert Leben und Lebensentwürfe seiner Generation, den unendlich langen Weg zum Erwachsenwerden, das Festhalten an alten Idealen, ohne lächerlich zu werden, die Fortschreibung des Kampfes mit anderen Mitteln, später das Sich-Einrichten-im-Leben, drohende Trägheit, die ewige Alternative als Sackgasse, Kreuzberg als Sumpf - wohin jetzt, so zwischen allen Zeiten, zwischen allen Generationen, wohin mit dem angebrochenen Leben? Einfach mitmachen, so wie alle? Mit den Träumen der Vergangenheit als ewige Erinnerung an eine Welt der Möglichkeiten, als Mahnung an ein Versagen in der Gegenwart im Kopf?

Jetzt ist der neue Peltzer da. Auf 450 Seiten hat er einen "Teil der Lösung" beschrieben, in einem Roman aus dem Kreuzberg, dem Berlin von heute. Es ist ein Buch, das von der Zeit vor dem Terror erzählt. Bericht aus einer Welt der erneuten Radikalisierung. Die Zwischenzeit ist vorbei. Das diffuse Unbehagen gegen eine als totalitär empfundene Gegenwart, die keinen grundsätzlichen Widerspruch duldet, weicht der Ahnung von einer neuen Widerstandskraft. Von einer neuen Militanz. Die neue Generation schlägt zu. Zunächst sind es noch zugesprühte Überwachungskameras, dann brennende Autos. Aber sie wollen mehr. Sie wollen Aktionen, die nicht mehr verschwiegen werden können. Terror und Sichtbarkeit.

Ulrich Peltzer führt in seinem Roman die Generationen zusammen. Sie sind alle da - die Arrivierten, die sich in ihren Grunewald-Villen eingerichtet haben, Handschriften sammeln, William Gaddis lesen, sich feinsinnig geben und ihre Vergangenheit lieben als abenteuerlichen Schatz. Dann die, die sich verlaufen haben, im Netz ihrer eigenen Vergangenheit, ihrer einstigen Militanz. Die damals flohen aus ihrem Leben, in ein anderes Land und die jetzt fürchten müssen, herausgerissen zu werden aus ihrer mühsam errungenen Ruhe und Durchschnittlichkeit. Die die Konsequenzen ihrer Taten fürchten müssen, ein Leben lang.

Dann die Zwischengeneration der Mittdreißiger, diffus empört, aber ohne den letzten Mut zur Tat, ohne einen Kompass des Terrors. Sie sind jetzt dabei und sind es seit Jahren, sich endlich zu orientieren. Sich einzurichten oder nicht. Stehen kurz vor einer Professur oder verlängern ihr Suchen in eine ungewisse Zukunft hinein, verweigern, sich festzulegen aus Angst, ein Mensch unter Menschen zu werden, die alten Ideale zu verraten, die Widerstandskraft zu verlieren. Und die Träume.

Christian Eich, der Protagonist in Peltzers Roman, ist so einer. Wanderer zwischen allen Möglichkeiten, Journalist mal hier, mal da, Romanautor ohne Roman, wohnt in den Wohnungen der arrivierten Freunde, so lange sie es dulden, und muss sich dafür die Predigten der glücklichen Angekommenen anhören. Über das Leben und wie es sein sollte und seine Verkommenheit: "Du brauchst eine Wohnung, und zwar dringend. Eine nette Freundin statt dieser ewigen Geschichten, dazu für eine gewisse Zeit mal einen regulären Job, der dir ein festes Einkommen beschert. - Wovon träumst du? Was soll in zehn Jahren sein, in fünfzehn, in zwanzig? Schreibst du dann Romane? Wenn du schon deinen ersten nicht fertigkriegst, weil du das, was du hast, jedes halbe Jahr in den Papierkorb wirfst. Kann man dauernd von vorne beginnen?"

Christian Eich kann - er will es sogar, die immer neuen Anfänge, und will sich auch von alten Freunden nicht einreden lassen, dass es ein Verbrechen sei, auch weiterhin provisorisch zu leben und von einem anderen Leben zu träumen. Nicht erwachsen zu werden, wie die anderen es nennen. Lebendig zu bleiben, sagt er. Immer auf der Suche: "Die Suche nach einer Sprache, die ausdrückt, was einen bewegt. Nicht die Sprache der Altvorderen, sondern eine Sprache des Eingriffs und der Bedürfnisse."

Irgendwann begibt sich Christian Eich auf eine Spur - und es ist eine der vielen Spuren, die in diesem Roman gelegt werden, durch die Zeiten, durch die politischen Bewegungen. Mitglieder der Roten Brigaden sind vor langer Zeit aus Italien nach Frankreich geflohen, wo ihnen, unter strengen Auflagen, Asyl gewährt worden war. Das Netz um sie zieht sich gerade zu. Sie hatten unter der perfekten Tarnung einer Mittelstandsexistenz gelebt, jetzt drohen Enttarnung und Haft. Christian Eich sucht Kontakt zu diesen Phantomen von einst. Er will ihre Geschichte schreiben: "Mit fünfzig oder sechzig die Radikalität der eigenen Jugend um die Ohren gehauen zu bekommen, wie es einem sonst im Leben nicht widerfährt, das müsste ein Thema sein, Gefrierschnitt durch die Biographie."

Der Versuch, ein Treffen mit einem dieser Terrorveteranen zu arrangieren, ist die Reise in ein Geisterreich, die Suche nach einem Phantom. Vage Ankündigungen über Handy, Mails in Mail-Accounts, die nur für eine einzige Nachricht eröffnet werden, neuer Account, neue Mail, die auch wieder nur auf eine neue Anweisung verweist. Die Welt, in der Eichs Suche stattfindet, ist eine Welt der totalen Paranoia und Überwachung. Peltzer schneidet immer wieder Beobachtungen und Kommentare von Beamten des Bundeskriminalamtes und des Nachrichtendienstes ein. Kameras in jedem öffentlichen Raum. Online-Durchsuchungen sind längst internationaler Standard, nationale Regelungen ein müder Witz.

Peltzer beobachtet kühl. Er schwenkt mit seiner Erzählkamera hin und her, harte Schnitte, immer wieder ist man verwirrt. Aber die Präzision der Beobachtungen, die genaue Stimmigkeit der Anschlüsse, die exakte Kenntnis des Autors über sein Personal führen den Leser immer wieder in die Spur zurück. Peltzer scheint zu jedem Zeitpunkt des Romans den genauen Kontostand seiner Figuren zu kennen, Mietkosten, Stromkosten. Peltzer weiß alles. Aber er drängt sein Wissen nicht auf. Man hat nur das Gefühl, er weiß es, man könnte ihn jederzeit fragen.

Es ist also selbst eine Gefrierschnitttechnik, mit der der Autor operiert. Hinein in dieses Leben, dann in das andere. Die beste Überwachungskamera in dieser überwachten Welt bin ich.

Und während wir also Eich folgen bei seiner Reise ins dunkle Herz des Terrors, beginnt er wie nebenbei eine Liebesgeschichte mit der wesentlich jüngeren Nele. Sie ist politisch, empört, kämpferisch. Christian Eich ist verliebt, und er ist blind für die Konsequenzen, die sie aus ihrer Empörung zieht. Immer wieder verschwindet sie für einige Tage. Der Leser ahnt schnell, dass sie eine der Kämpfenden ist, die immer wieder mit ihren Aktionen in die Geschichte eintreten. Christian Eich ahnt es nicht. Der blinde Mittelsmann sucht das Phantom aus früheren Zeiten und sieht nicht, dass er mit dem Terror im Bett liegt.

Die Ermittler sind da schon früh viel weiter, wenn sie über die sich neu formierenden Gruppen sagen: "Dass es die letzten Jahre ruhiger war, hat meines Erachtens etwas mit dem Umbruch in den Generationen zu tun, einer Neudefinition der globalen Lage, von Angriffszielen und Hemmschwellen, die sie mental überwinden müssen. Bis die Einsicht, militant zu werden, nicht mehr abzuweisen ist." So reden die Ermittler und sind klammheimlich froh, dass es endlich wieder etwas zu ermitteln gibt, Möglichkeiten, sich auszuzeichnen, sie versuchen sogar, die Militanz mit V-Männern ein wenig zu befördern, um beim einen großen Schlag dabei zu sein. Es schon gewusst zu haben.

"Teil der Lösung" ist auf fast schon beunruhigende Weise ein Roman aus unserer Gegenwart. Die "militante gruppe", die Autos in Brand setzt und Menschen mit dem Tod bedroht, diese rätselhafte Gruppe, über die in der Öffentlichkeit beinahe nichts bekannt ist - Peltzer scheint sie genau zu kennen. Er kennt die Mechanismen, die zur immer weiter gesteigerten Militanz führen, er kennt ihre Sprache, er kennt ihren Protest.

Und in einer Zeit, in der die Angst vor dem Unbekannten, die Angst vor dem Terror so allgegenwärtig und gleichzeitig so diffus geworden ist, dass man Wissenschaftler schon allein wegen verdächtiger Wortwahl in ihren Texten in Untersuchungshaft nimmt, ist dieser Roman fast ein Fall für die Bundesanwaltschaft. Gibt es eigentlich auch ein Zeugenschutzprogramm für Romanautoren?

VOLKER WEIDERMANN

Ulrich Peltzer: "Teil der Lösung". Ammann-Verlag. 455 Seiten, 19,90 Euro

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.09.2007, Nr. 36 / Seite 26

 
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Veröffentlicht: 09.09.2007, 12:00 Uhr