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: Otto Babendiek

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Fast sein gesamtes Leben lang war ihm Chaos unheimlich, erst im Alter warf er sich vor, seine animalische Natur immer allzu ängstlich unterdrückt zu haben. Da blickte er schon auf eine ganze Reihe von gründlich mißlungenen Büchern zurück, die im günstigsten Fall nur trivial, im ungünstigsten völkisch schwer verwirrt sind.

          Fast sein gesamtes Leben lang war ihm Chaos unheimlich, erst im Alter warf er sich vor, seine animalische Natur immer allzu ängstlich unterdrückt zu haben. Da blickte er schon auf eine ganze Reihe von gründlich mißlungenen Büchern zurück, die im günstigsten Fall nur trivial, im ungünstigsten völkisch schwer verwirrt sind. Von den Nationalsozialisten ließ sich der Bestsellerautor denn auch feiern, pries munter Blut, Boden und alles Germanische, und wer wollte, konnte derlei leicht schon im ersten Erfolgsbuch des Autors entdecken, im "Jörn Uhl" von 1901. Da war Gustav Frenssen schon fast vierzig und ließ, nachdem er wenig später sein Amt als Pfarrer niedergelegt hatte, fortan Buch auf Buch erscheinen, das meiste davon in so ungesund hoher Auflage verbreitet, daß Antiquare die Bände allenfalls in der Wühlkiste dulden.

          Einen Roman aber wird man lange suchen müssen: "Otto Babendiek", 1926 erschienen, ist Frenssens einziges gutes Buch und gleich so außergewöhnlich gelungen, daß man den Autor so vieler trivialer Romane gar nicht wiedererkennt - ein dickleibiger Entwicklungsroman, deutlich nach dem Muster des "David Copperfield" gearbeitet, aber erheblich realistischer und düsterer, ein Buch, das den Leidensweg eines frühverwaisten dithmarscher Handwerkersohns durch Schulen und Elendsquartiere beschreibt, bis er sich schließlich als Schriftsteller etablieren kann.

          All dies entfaltet sich vor der sparsam und ohne allen Überschwang geschilderten norddeutschen Landschaft, vor der Kulisse von kleinen Städtchen und dem großen Hamburg, und es gelingt Frenssen hier endlich, seiner intimen Kenntnis der Region etwas anderes abzugewinnen als das hintergründige Raunen von Volksstamm und Sippe. Und auch der väterliche Freund des Jungen, der verwachsene Schmiedegeselle Engel Tiedje, paßt in dieser Rolle so gar nicht in die später vom Autor vertretene Ideologie. Schon Arno Schmidt erinnerte 1962 zum hundertsten Geburtstag Frenssens mit einem Funkessay an den Autor, um erklärtermaßen "Otto Babendiek" aus der Versenkung zu holen. Das Buch macht aus Gustav Frenssen keinen besseren Menschen. Und Frenssen aus "Otto Babendiek" kein schlechteres Buch.

          Tilman Spreckelsen.

          Gustav Frenssen: "Otto Babendiek". Roman. Manuscriptum 1996. 980 Seiten. 30 [Euro].

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