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: Oskar allein in New York

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Wäre nicht vor zwei Jahren sein Debütroman "Alles ist erleuchtet" erschienen, man würde kaum zögern, Jonathan Safran Foers neuen Roman "Extrem laut und unglaublich nah" einen Geniestreich zu nennen. Ein Achtundzwanzigjähriger beschließt, einen Roman zu schreiben, der das größte amerikanische Trauma nach dem Vietnamkrieg, den Terrorangriff auf das World Trade Center am 11.

          Wäre nicht vor zwei Jahren sein Debütroman "Alles ist erleuchtet" erschienen, man würde kaum zögern, Jonathan Safran Foers neuen Roman "Extrem laut und unglaublich nah" einen Geniestreich zu nennen. Ein Achtundzwanzigjähriger beschließt, einen Roman zu schreiben, der das größte amerikanische Trauma nach dem Vietnamkrieg, den Terrorangriff auf das World Trade Center am 11. September 2001, aus der Sicht eines achtjährigen Jungen beschreibt, dessen Vater beim Einsturz der Zwillingstürme ums Leben kommt - das ist ein gewagtes Unternehmen, und wer dabei nicht vollständig baden geht, kann sich glücklich schätzen.

          Foer aber wollte noch mehr: Er bedient sowohl den uramerikanischen Topos der Vater-Sohn-Geschichte als auch das europäische Genre des Schelmenromans, denn sein tamburinschwingender Ich-Erzähler Oskar Schell ist ein später Nachfahre des blechtrommelnden Oskar Matzerath. Außerdem wird das Drama von New York mit zwei anderen apokalyptischen Feuerstürmen verschränkt, nämlich der Bombardierung von Dresden und dem Abwurf der Atombombe über Hiroshima. Foer setzt also zwei der umstrittensten und symbolträchtigsten Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts in Beziehung zu jenem terroristischen Verbrechen, von dem wir befürchten müssen, daß es nicht weniger symbolhaft am Anfang des 21. Jahrhunderts steht.

          Das sind große, kühne Konstruktionsbögen, und die literarischen Methoden, mit denen Foer seine Entwürfe umsetzen möchte, sind nicht weniger kühn. Um es kurz zu sagen: Foer arbeitet mit Haken, Ösen und nahezu sämtlichen Mitteln, die das postmoderne Arsenal bereithält. Das offenbart sich schon dem ersten Blick: Der Roman enthält leere Seiten wie Lawrence Sternes "Tristram Shandy", zahlreiche Fotos und ein Satzbild, das mit Kursivierungen, Fettungen und Hervorhebungen aller Art arbeitet. Foer verwendet wie faksimiliert wirkende bunt beschriebene Seiten eines Schreibblocks, wie sie Schreibwarenläden für die Kunden zum Ausprobieren der Stifte und Federhalter bereitlegen, er montiert Briefe, Theaterdialoge, Tagebucheintragungen und eine Interviewmitschrift in seinen Roman und errichtet an dessen Ende ein klassisches Daumenkino, in dem das Trauma des kleinen Oskar Schell rückgängig gemacht wird: Die Bilder zeigen einen Mann, der den Turm, von dem er gesprungen ist, wieder hinauffliegt. Zeit und Schwerkraft werden aufgehoben.

          In seinem Debüt hat Foer den Magischen Realismus eines Gabriel García Márquez in einem ukrainischen Schtetl mit einem jüdisch-kabbalistischen Surrealismus gekreuzt. Jetzt verpflanzt er beides an die Ostküste, rüstet sein Instrumentarium zeitgemäß auf, installiert Anrufbeantworter, E-Mail und Internet und zelebriert den Roman als Medium der unbegrenzten Möglichkeiten. Foer hat seinen zweiten Roman wehrtechnisch modernisiert, als habe er von George W. Bush den Regierungsauftrag erhalten, den Vergeltungsschlag gegen die Terroristen mit literarischen Mitteln zu führen. Der einfache deutsche Leser mag sich da zuweilen fühlen wie der Käferfahrer der fünfziger Jahre angesichts eines Cadillac. Man staunt und fragt sich, wozu eigentlich das ganze Chrom taugen soll.

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