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Orhan Pamuk: Die Unschuld der Dinge. : Die alles überwölbende Melancholie des Liebenden

Bild: Hanser Verlag

Orhan Pamuk hat in Istanbul ein eigenes Museum zu seinem Roman „Das Museum der Unschuld“ erbaut. Jetzt erzählt er, wie Buch und Sammlung zustande kamen.

          Orhan Pamuks Roman „Das Museum der Unschuld“ ist wohl der einzige Roman, dem ein eigenes Museum gewidmet ist, nämlich ebenjenes Istanbuler Museum der Unschuld, dessen Entstehungsgeschichte im Buch ausführlich beschrieben wird. Im Roman ist das Museum das Monument der Liebe Kemals zu Füsun. In der Realität ist das Haus, das selbst in der an Attraktionen nicht gerade armen Metropole Istanbul eine Besonderheit darstellt, weit mehr: das Denkmal, das sich ein Dichter selbst errichtet hat, das kuriose Dokument einer ausufernden Sammelleidenschaft und das erste und einzige Museum für die Alltagskultur der westlich orientierten Türkei in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Wer die verschlungene, über drei Jahrzehnte währende Entstehungsgeschichte dieses einzigartigen Projekts der Weltliteratur nachvollziehen möchte, erhält jetzt eine unbedingt zu empfehlende Hilfestellung: „Die Unschuld der Dinge“ ist ein wunderschön gestalteter Bildband, eine Art Museumskatalog und der reichillustrierte Bericht über die Genese dieses Projekts, mit dem sich der Schriftsteller dreißig Jahre seines Lebens beschäftigt hat. Erst mit Hilfe dieses Bandes lässt sich ganz erfassen, was Orhan Pamuk eigentlich mit seinem ungewöhnlichen Projekt bezweckt und auf welch verschlungenen Wegen der Ehrgeiz eines Schriftstellers, die Obsession eines Sammlers, die Leidenschaft eines Ethnologen, der Stolz eines bekennenden Istanbulers und die alles überwölbende Melancholie eines Liebenden dabei ineinandergreifen. Es gibt nur einen Haken bei der Sache: Wer „Die Unschuld der Dinge“ gelesen hat, der will das Museum der Unschuld und dessen Sammlung unbedingt mit eigenen Augen sehen.

          Ein Mensch als Museumsführer und Ausstellungsstück

          Das größte, teuerste und wichtigste Stück der Sammlung ist das Haus selbst: Es steht in der Cukurcuma-Straße in Istanbul. Erbaut wurde das Gebäude 1897, drei Jahre nach dem großen Erdbeben, gekauft hat es Orhan Pamuk ein halbes Jahr nach dem großen Erdbeben vom Sommer 1999. Dann dauerte es noch einmal gut zwölf Jahre, bevor hier im Frühjahr des Jahres 2012 das lange angekündigte Museum der Unschuld eröffnet werden konnte. Jahrelang ist Pamuk an diesem Haus vorbeigelaufen, wenn er seine Tochter zur Schule brachte. Wer heute bei einem der Trödler und Antiquitätenhändler in der Cukurcuma-Straße nach dem Museum fragt, bekommt möglicherweise folgende Antwort: „Das Haus von Füsun meinen Sie? Gleich da unten links“! Damit ist der Traum eines Schriftstellers wahr geworden: Das fiktive Wohnhaus der Romanheldin Füsun und das fiktive Museum, das die Romanfigur Kemal im Buch dem Andenken seiner großen Liebe errichtet - beides ist Wirklichkeit geworden. Triumphiert hier also die Literatur endlich einmal über die Realität?

          So einfach ist es nicht. Man kann das Museum besuchen, ohne den Roman vorher gelesen zu haben, und umgekehrt den Roman verschlingen, ohne sich um das reale Museum zu scheren. Dass beides auch unabhängig voneinander existieren kann, gehörte früh zu Pamuks Plan, dessen Anfänge bis ins Jahr 1982 zurückreicht. Damals lernte Pamuk einen Osmanenprinzen kennen, einen Urenkel von Sultan Murat V. Der arme Prinz hatte lange im Exil gelebt und in Alexandria zuerst jahrelang als Kartenabreißer und schließlich als Leiter des Museums Vila Antoniadis gelebt. Nun wollte er zurück in die alte Heimat, wusste aber nicht, womit er seinen Lebensunterhalt verdienen könne. Aus der Idee, der Prinz könne gleichsam als lebendes Inventar in jenem inzwischen zum Museum umgebauten Ihlamur-Pavillon arbeiten, den er in seiner Kindheit selbst bewohnt hatte, wurde zwar nichts, aber Pamuk hatte nun die Keimzelle für seinen Roman: Das Museum der Unschuld sollte von einem Menschen handeln, der in einem Museum Führer und Ausstellungsstück zugleich war.

          Der Schamanismus der Dinge

          Viele Jahre lang hat Pamuk für sein Museum gesammelt und auf Flohmärkten und bei Trödlern Gegenstände gekauft, die in seinem Roman vorkommen sollten. Aber damals war die Kultur des Sammelns in der Türkei noch nicht verbreitet, und weil er nicht wie ein schrulliger Horter alten Plunders wirken wollte, verschwieg er die Gründe, aus denen er alte Fotografien, Werbeplakate, Lippenstifte, Zuckerdosen, Damenschuhe, Ohrringe und unzählige andere Objekte mehr kaufte, wann immer sich die Gelegenheit ergab. Aber Pamuk stattete damit nicht nur sein Museum aus, sondern er trug auch das Inventar zusammen, mit dem sich die westlich orientierten Kreise der Istanbuler Jeunesse dorée der siebziger Jahre umgeben haben. So entstand ein ebenso poetisches wie genaues Abbild türkischer Alltagskultur jener Jahre, das Pamuk sogar ideologisch unterfüttert.

          Die Philosophie des Museums, die Kemal im Roman entwickelt, hat ebenso Eingang in das Haus gefunden wie die mit Lippenstift verzierten Zigarettenkippen, die Füsun geraucht und Kemal aufbewahrt hat, wie er alles aufbewahrt, womit die schöne Füsun in Berührung gekommen war: ihren Führerschein, ein Teeglas, eine Süßigkeit, die sie am Bosporus bei einem Straßenhändler gekauft hat. Sogar die Lebensmittel, die im Roman vorkommen werden und typisch für jene Zeit waren, hat Pamuk aus Kunststoff nachbilden lassen und in seine Vitrinen gestellt.

          Manche davon gleichen Stillleben, andere erinnern an die Objets trouvés der Surrealisten bis hin zu den Collagen von Joseph Cornell. Die Vorstellung, dass den Dingen die Macht innewohnt, Erinnerungen zu bewahren und immer wieder von neuem heraufzubeschwören, hat durchaus etwas Schamanistisches an sich. Wer dieses Buch in Händen hält, fällt ihr anheim.

          Orhan Pamuk: „Die Unschuld der Dinge. Das Museum der Unschuld in Istanbul“. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Hanser Verlag, München 2012. 264 S., geb., Abb., 34,- Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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