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Orhan Pamuk: Der naive und der sentimentalische Romancier : So habe ich das immer gemacht!

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Bild: Hanser Verlag

Was können Romanschreiber von Friedrich Schiller lernen? Der türkische Nobelpreisträger Orhan Pamuk gibt so naive wie sentimentalische Einblicke in seine Poetologie.

          Man stelle sich einmal vor, ein Student der Literaturwissenschaft äußerte in einem Seminar zur Romantheorie Auffassungen wie diese: Er sei fest davon überzeugt, „dass der Zweck der Romankunst vor allem darin besteht, eine akkurate Abbildung des Lebens zu liefern“. Unruhe kommt auf: akkurate Abbildung des Lebens? Was haben Sie eigentlich für einen Realismusbegriff? Der Student aber fährt mutig fort: Die „Kerneigenschaft“ des Romans bestehe darin, „dass er Alltäglichkeiten hervorhebt und sie durch das Medium der Phantasie in neue Zusammenhänge bringt, so dass sie einen tieferen Sinn des Lebens offenbaren“. Ungläubiges Staunen: tieferer Sinn des Lebens? Wo sind wir denn hier - in der Kirche? Und was meinen Sie eigentlich mit Sinn? Doch der Student lässt sich nicht beirren: „Für den modernen aufgeklärten Menschen ist die Lektüre der großen Romane ein Mittel, zu einem tieferen Verständnis der Welt zu gelangen.“ Allgemeines Stühlescharren und Abbruch der Veranstaltung: Wir lassen uns doch die Narratologie nicht von Vulgärmetaphysikern plattmachen! Der Mann ist bestenfalls komplett naiv!

          Es sind dies aber Grundüberzeugungen eines der bedeutendsten Erzähler der Gegenwartsliteratur. Vorgetragen hat er sie 2009 an der Harvard University im Rahmen einer Reihe von sechs Vorlesungen über die Kunst des Romans, die er immerhin so gut beherrscht, dass sie ihm den Nobelpreis für Literatur eingetragen hat. Orhan Pamuk fasst in diesen Vorlesungen die Summe seiner lebenslangen Erfahrungen als Leser von Romanen und seiner immerhin 35 Jahre währenden Praxis als Autor von Romanen zusammen. Außerdem darf er für sich in Anspruch nehmen, „dem theoretischen Aspekt des Schreibens überdurchschnittlich großes Interesse“ entgegenzubringen: von Bachtin bis Eco, von Iser bis Schklowski, alles da.

          Wollte jemand Orhan Pamuk den Vorwurf der Naivität machen, so würde er diesem vermutlich mit größter Gelassenheit begegnen: Ja, naiv sei er schon - aber zugleich doch auch sentimentalisch. Denn: „Je mehr es dem Autor gelingt, zugleich naiv und sentimentalisch zu sein, umso besser werden seine Romane.“ Und deshalb rede er sich auch gern ein, „den naiven und den sentimentalischen Romanautor in mir in Einklang gebracht zu haben“. Dies sei für einen Verfasser von Romanen geradezu der „Idealzustand“.

          Naiv im Schillerschen Sinne

          Womit wir bei Friedrich Schiller sind. Orhan Pamuk eröffnet sein Buch, das wir gern eine Hymne an die Freude beim Lesen und Schreiben von Romanen nennen möchten, damit, dass er seiner Bewunderung für Schillers große Abhandlung „Über naive und sentimentalische Dichtung“ Ausdruck verleiht: ein Werk, das er seit seiner Jugend verehre und danach immer wieder gelesen habe, zuletzt aber - herrlich, herrlich: die mystische Hochzeit Friedrich Schillers mit Karl May, des Sentimentalischen mit dem Naiven - im fernen Rajasthan bei einer Fahrt durch die „goldfarbene Wüste“, wobei ihm in der Wüstenhitze wie eine Fata Morgana die Vision gekommen sei, dieses Buch zu schreiben. Einer Theorie des Romans, die so lebens- wie lektüregesättigt ist, wird man sich unbedingt anvertrauen dürfen.

          Pamuk wählt sich Schillers Abhandlung zum theoretischen Wegbegleiter durch die Welt des Romans. Er unterscheidet also den naiven Romancier, der spontan und theoretisch unbekümmert schreibt, von dem sentimentalischen Autor, der sich über jeden seiner Schritte theoretisch Rechenschaft ablegt und jede künstlerische Entscheidung dem kritischen Kalkül unterwirft, um dann freilich im Verlauf seiner Vorlesungen Zug um Zug diese Opposition aufzubrechen zugunsten einer künstlerischen Position, in der sich das Naive mit dem Sentimentalischen vereinigt. Was damit gemeint ist, wird jeder Leser von Pamuks Meisterwerk „Rot ist mein Name“ sofort ermessen können: Wer es schafft, einen Kriminal- und Künstlerroman aus 21 unterschiedlichen Figurenperspektiven zu erzählen, den darf man sentimentalisch nennen, und wem es gelingt, sich in jede dieser Figuren mühelos einzufühlen und dem Strom der Bilder, denen sie ausgesetzt sind, zu folgen und die Welt jeweils aus ihrer Perspektive wiederzugeben, der darf im Schillerschen Sinne naiv heißen.

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