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Orhan Pamuk: Das stille Haus : Nur die Mauern hören zu

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Bild: Verlag

„Das stille Haus“ ist Orhan Pamuks zweiter, im Original 1983 erschienener Roman. Jetzt erscheint er erstmals in deutscher Übersetzung - und macht staunen über die frühe Meisterschaft des türkischen Autors.

          Es ist „an diesem Haus etwas Fürchterliches“ – ein alter, efeuumrankter Kasten direkt am Marmarameer, mit verrotteten Fenstern und Holzwänden, von denen die Farbe geblättert ist. Sehr rüstig ist dagegen die neunzigjährige Fatma, die allein darin wohnt, mit ihrem Diener, dem Zwerg Recep. Die Geschichte beginnt, als im Sommer 1980 die drei Enkelkinder zu Besuch kommen: die zartbeinige Nilgün mit ihren sozialistischen Sympathien, der Abiturient Metin und der Historiker Faruk.

          Ein armer Verwandter ist auch mit von der Partie: Hasan, „Sohn des Losverkäufers“. In der Lotterie des Lebens bleibt ihm nur die Niete. Damit will er sich nicht abfinden und terrorisiert die Umgebung als randständiges Mitglied einer rechten Jugendbande. Er sorgt dafür, dass der Roman eine unselige Handlung bekommt. Politische Motive sind dabei nur vordergründig. In Wahrheit ist es ein Totschlag aus hoffnungsloser Liebe.

          Ein großes Konzert der Stimmen

          Orhan Pamuk hat seinen zweiten Roman, 1983 erschienen und ein wichtiger Schritt in der erstaunlichen Karriere des renommiertesten türkischen Gegenwartsautors, als großes Konzert der Stimmen angelegt. Der monadologische Monolog ist die Form des Buches. Von Kapitel zu Kapitel wechselt das erzählende Ich – lauter eingekapselte Seelen und gerade deshalb überfließend vor Mitteilungsdrang. Jede der genannten Figuren darf ihr unerlöstes Innenleben nach außen stülpen, außer der unnahbar-faszinierenden Nilgün, der die Rolle des Opfers bleibt.

          Ein Autor, der ein Jahrhundert in den Griff bekommen will, erzählt am besten von Großeltern und Enkeln; die Zwischengeneration kann knapp abgehandelt werden. Genauso geschieht es hier. Die Darstellung der krisenhaften Gegenwart – der Militärputsch des 12. September 1980 steht nahe bevor – wird verbunden mit Rückblicken auf die Epoche der jungtürkischen Reformbewegung nach 1900 und den kemalistischen Aufbruch zu Beginn der zwanziger Jahre. Der politische Hintergrund wird allerdings nur knapp skizziert; an die Stelle der Zeitschilderung tritt die Allegorie: Die Tragikomödie des Modernisierungsdefizits wird verkörpert von Großvater Selahattin Darvinoglu, der etwas von einem türkischen Settembrini hat – Thomas Manns komisch beflissenem Aufklärer aus dem „Zauberberg“, Verfechter des Fortschritts und der großen Gesundheit, den das unberechenbare Leben unter die Lungenkranken verschlagen hat. Settembrini laboriert an seiner prinzipiell unvollendbaren „Enzyklopädie der Leiden“; Selahattin will mit Hilfe eines gleichermaßen uferlosen enzyklopädischen Projekts den rückständigen Orient in die Moderne katapultieren.

          Ein Wiedergänger Settembrinis

          Wie „Das Uhrenstellinstitut“ von Ahmed Hamdi Tanpinar, einem weiteren Vorbild Pamuks, ist „Das stille Haus“ auf der Selahattin-Linie eine satirische Darstellung des Fortschrittsprojekts der Türkei. Als Arzt scheitert Selahattin. Über den Unverstand der Menge gerät er in Rage, beschimpft seine Patienten, die nach altem Herkommen Wunden mit Tabak oder Kuhmist behandeln, und brüskiert ihr duldendes Gottvertrauen mit atheistischer Polemik. Bald bleibt die Praxis leer, und er kann sich ganz aufs Gelehrtendasein zurückziehen. Die Brillanten aus Fatmas Aussteuer müssen zu Geld gemacht werden, um die Familie zu ernähren. Auch sonst bleibt – wie bei Settembrini – vieles in Selahattins Existenz widersprüchlich: Von der moralinsauren Gattin aus dem Ehebett vertrieben, quartiert er im Gartenhaus eine Zweitfrau ein und zeugt mit ihr mehrere Kinder. Eines wutentbrannten Tages geht die fürchterliche Fatma hinüber und schlägt die kleinen „Bastarde“ zu Krüppeln. Einer von ihnen ist Recep, ihr späterer, ganz ergebener Diener.

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