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: Operation Cicero

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Da steht er schon und guckt vorwurfsvoll, ein steinerner Gast in der Ecke des Arbeitszimmers. Marcus Tullius Cicero, eine Büste mitten in England. Der Schriftsteller hat am Dorfbahnhof in der Grafschaft Berkshire gewartet, wir sind auf dem alten Treidelpfad an einem Kanal entlanggegangen, über eine ...

          Da steht er schon und guckt vorwurfsvoll, ein steinerner Gast in der Ecke des Arbeitszimmers. Marcus Tullius Cicero, eine Büste mitten in England. Der Schriftsteller hat am Dorfbahnhof in der Grafschaft Berkshire gewartet, wir sind auf dem alten Treidelpfad an einem Kanal entlanggegangen, über eine alte Steinbrücke, sehr idyllisch, hinein in das große ehemalige Pfarrhaus, die Putzfrau saugt, im Garten sind die Spuren der Kinder nicht zu übersehen, und Robert Harris' Frau Jill, die Schwester von Nick Hornby, will gerade mit dem Hund raus. "Wer will schon in London wohnen?" sagt Harris, der sich vor 13 Jahren, nach dem Erfolg von "Vaterland", dieses Haus gekauft und London den Rücken gekehrt hat.

          Drei Weltbestseller später gefällt es dem 49jährigen hier noch immer. Harris hat sich in "Vaterland" vorgestellt, wie Hitler den Krieg gewann, er hat einen Thriller über eine britische Abhörstelle im Zweiten Weltkrieg geschrieben ("Enigma") und einen Skandal um Stalin ausgeheckt ("Aurora"). Und dann hat er Pompeji noch einmal untergehen lassen. "Ich hätte mich kaputtgelacht, wenn mir jemand gesagt hätte, ich würde einen Roman über die Antike schreiben", sagt er. Nun sind's schon zwei. Aber warum bloß Cicero? Man zuckt ja noch immer zusammen. Die Reden gegen Verres - die reinste Folter. Und Catilina - wie lange will dieser Cicero denn noch unsere Geduld mißbrauchen? Der Schrecken des Lateinunterrichts als Romanheld in "Imperium"?

          Ihn habe geärgert, wie der berühmte Theodor Mommsen "Caesar zum Supermann gemacht und Cicero mit den Worten abgetan hat, er sei ein Journalist der übelsten Sorte. Da wußte ich: Das ist mein Held", sagt Robert Harris und lacht. Aber im Grunde ist Amerika schuld an der verlängerten Zeitreise. Schon "Pompeji" war die Folge eines Scheiterns. Harris hatte sich mit einem Buch über die Vereinigten Staaten gequält, es funktionierte einfach nicht, nicht mal als politische Allegorie. Als er dann, noch vor 9/11, einen Artikel über neue Ausgrabungen in Pompeji las, paßte plötzlich alles zusammen. Ein Weltreich, von einer Naturkatastrophe erschüttert, "da läßt sich einiges sichtbar machen im Paralleluniversum der Alten Welt". Und die Parallelen gehen ihm nicht aus. Für die "Daily Mail" hat er kürzlich etwas geschrieben über die Attacke der Seeräuber auf die konsularische Flotte im Jahr 67 vor Christus. "Das war Roms 9/11", sagt der Kolumnist, der gerne eine Analogie auf die Spitze treibt.

          "Imperium" steht derzeit in den Londoner Buchläden direkt neben den Autobiographien von Wayne Rooney und Frank Lampard, was Harris amüsiert, der die Fußballmanie seines Schwagers nicht teilt - "deshalb hat mich meine Frau geheiratet". "Imperium", das ist nicht das Römische Reich, sondern die politische Macht, die auf einen einzelnen übertragen wird. Und es ist die Politik, die das Denken von Robert Harris bewegt, der erst bei der BBC, dann beim "Observer" als Journalist arbeitete. Ciceros Leben, "das ist Politik in Aktion". Und bevor man noch fragen kann, warum sich "Imperium" auf die Jahre 79 bis 64 vor Christus beschränkt, obwohl Cicero erst 21 Jahre später ermordet wurde, spricht Harris schon von einer Trilogie: 1200 Seiten, Ciceros Leben als historischer Roman und als Panoramabild von Roms großer Krise.

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