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Olivier Philipponat und Patrick Lienhardt: Irène Némirovsky Die Farbe des Kunstwerks ist Blut aus einer alten Wunde

23.07.2010 ·  Die Romane und Erzählungen Irène Némirovskys haben auch in Deutschland großen Anklang gefunden. Olivier Philipponat und Patrick Lienhardt haben eine materialreiche Biographie der 1942 in Auschwitz gestorbenen Schriftstellerin geschrieben.

Von Lena Bopp
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Irène Némirovsky ist in Mode, und das ist keineswegs so despektierlich gemeint, wie es klingen mag. Es lässt sich nur nicht leugnen, dass es in den vergangenen Jahren in Frankreich keine andere Schriftstellerin gegeben hat, deren Werk so schnell aus einer jahrzehntelangen Versenkung gezogen wurde wie jenes von Irène Némirovsky. Als im Jahr 2004 ihr fragmentarischer Roman „Suite franaise“ erschien, der als handgeschriebenes Manuskript mehr als ein halbes Jahrhundert in einem Koffer vor sich hin gereift war, überschlug sich die französische Kritik mit Lobeshymnen.

Eine Autorin wird wiederentdeckt

„Der tragische Fall der Irène Némirovsky“, so prophezeite damals ein Rezensent von „Le Monde“, „wird das schlechte französische Gewissen lange Zeit beschäftigen.“ Er sollte recht behalten. Die „Suite franaise“ zeichnete ein messerscharfes und beschämendes Porträt des Landes während der deutschen Besatzung, mithin von einer Zeit, vor deren Aufarbeitung sich Frankreich lange erfolgreich gedrückt hatte.

Heute ist dieser Roman indes aus den gut sortierten Bibliotheken des Landes nicht mehr wegzudenken. Deswegen wurden auch in kurzen Abständen eine Reihe weiterer Werke aus der Feder der russisch-jüdischen Autorin wieder aufgelegt. Die meisten dieser Romane und Novellen hatte sie in den zwanziger und dreißiger Jahren geschrieben und veröffentlicht, alsbald aber waren sie in Vergessenheit geraten: „Le bal“ aus dem Jahr 1929, das die Geschichte einer völlig zerrütteten Mutter-Tochter-Beziehung erzählt; „Le matre des mes“ von 1939, in dem Némirovsky das Leben eines ausländischen Arztes schildert, dessen Karriere am Rassismus der französischen Gesellschaft scheitert; „Jézabel“ aus dem Jahr 1936, das vom vergeblichen Kampf einer Frau gegen das Älterwerden handelt. All diese Bücher – und noch weitere mehr – sind in den vergangenen Jahren auch in Deutschland publiziert worden und waren recht erfolgreich. Olivier Philipponat und Patrick Lienhardt haben 2007 eine umfangreiche Biographie vorgelegt, die nun in deutscher Übersetzung vorliegt.

Die Vorleben des Romans

Zum großen Teil stützen sich die beiden Autoren dabei auf erst jetzt wiederaufgetauchte Notizen, die Irène Némirovsky an die Ränder ihrer Manuskripte geschrieben hatte. Oft klingen sie wie ein Selbstgespräch. Immer wieder prüft sie ihren eigenen Stil, mahnt sich zur Ordnung, zur Kürze oder zur Zuspitzung: „Viel zu klar, zu explizit, zu eindeutig. Unnötig“, schreibt sie etwa an den Rand der Novelle „Le pion sur l’échiquier“. Zudem entwirft sie seitenweise Handlungsskizzen, kreist ihre Persönlichkeiten ein und arbeitet lange deren wesentliche Charakterzüge heraus, bis die eigentliche Arbeit am Manuskript schließlich beginnen kann.

Diese „Vorleben des Romans“, wie sie sie nennt, gewähren nicht nur einen detaillierten Einblick in die Arbeitsweise der Autorin. Sie zeigen auch deutlich, wie sehr sich das Werk von Irène Némirovsky an ihrem eigenen Leben orientiert. Es erschien ihr selbst schon im Alter von sechsundzwanzig Jahren so dicht und reichhaltig, dass sie ausreichend Romanstoff darin zu finden glaubte. „Nur das Blut einer alten Wunde“ schreibt sie, „kann einem Kunstwerk die richtige Farbe verleihen.“

Unglückliche Kindheit

Irène Némirovsky wurde am 11. Februar 1903 in Kiew als Tochter eines wohlhabenden jüdischen Bankiers geboren. Obwohl fern aller Sorgen um das tägliche Brot aufgewachsen, wird sie ihre Kindheit später als unglücklich bezeichnen – was sie aber nicht nur als einen Nachteil erachtet: „Auf eine glückliche Kindheit folgt ein harmonisches Leben. Auf eine unglückliche Kindheit folgt ein fruchtbares Leben.“ Es ist vor allem die hartherzige Mutter, die ihr das Leben schwermacht. Irène Némirovsky fühlt sich ungeliebt und wird das Drama, das sie mit der Mutter verbindet, später immer wieder in ihre Werke einfließen lassen. Dort erscheint die Mutter als eine nach Geld und Bewunderung gierende Frau, die ihre Tochter vor allem deswegen nicht ausstehen kann, weil sie von ihr daran erinnert wird, dass sie nicht mehr jung ist.

Auch der Vater von Irène Némirovsky taucht in den Werken der Tochter auf, meist aber ist er in weicherem Licht gezeichnet, nämlich als ein Mann, der sich aus ärmsten Verhältnissen hochgearbeitet hat und nun nichts so sehr fürchtet wie den Rückfall in alte Zeiten. Früh waren die drei Familienmitglieder indes durch eine tiefe Sehnsucht nach Frankreich verbunden. Die Némirovskys gehörte zu jenem Kreis von Menschen, die es sich leisten konnten, die Sommerfrische an der Cte d’Azur und in Biarritz zu genießen. Für die Tochter wurde eigens eine französische Amme engagiert, die sich allerdings in den Wirren der heraufziehenden bolschewistischen Revolution das Leben nahm.

Eine moderne Frau

Die Familie von Irène Némirovsky versuchte zunächst, diese schwierigen Zeiten in Sankt Petersburg zu überstehen, floh nach Angaben der Biographen aber spätestens im Januar 1918 über Finnland und Schweden nach Paris. Obwohl sich die junge Frau in Russland stets als Französin im Geiste gefühlt hatte, wird sie sich in der französischen Hauptstadt zunächst vor allem mit russisch-jüdischen Freunden umgeben. Einen von ihnen, Michel Epstein, ebenfalls russisch-jüdischer Abstammung, heiratet sie im Sommer 1926. Aus der Ehe gehen die Töchter Dénise und Elisabeth hervor.

Fortan wird Irène Némirovsky das Leben einer im Grunde höchst modernen Frau führen. Die Kinder verbringen die Tage in der Obhut eines Kindermädchens, während sich ihre Mutter zunehmend dem widmet, was zur hauptsächlichen Einnahmequelle der Familie werden soll: dem Schreiben. Mit ihrem ersten, gefeierten Roman „David Golder“, der zuweilen bitterbösen Studie eines jüdischen Bankiers, die sie im Alter von nur sechsundzwanzig Jahren abschloss, wird sie sich zwar den absurden Vorwurf des Antisemitismus einhandeln. Er wird ihr aber auch sogleich jene Berühmtheit verschaffen, die es brauchte, um in den zahlreichen Zeitschriften des Landes publizieren zu können. Irène Némirovsky schrieb ihre Novellen und Romane für „Gringoire“, „Candide“, „Les Nouvelles littéraires“, „Marianne“ und sogar für die angesehene „Revue des deux mondes“. Sie war, glaubt man Philipponat und Lienhardt, von Beginn ihrer schriftstellerischen Karriere an ein geschätzter Gast in den intellektuellen Kreisen der Stadt, zu denen sie beste Verbindungen unterhielt.

Grausame Klarheit

Keiner dieser Kontakte war ihr indes von Nutzen, nachdem das nationalsozialistische Deutschland Frankreich besetzt hatte. Irène Némirovsky spürte das Unheil wohl heraufziehen, sah sich aber außerstande, eine weiteres Mal vor ihm die Flucht zu ergreifen. Mit ihrer Familie versuchte sie sich im burgundischen Dorf Issy-l’vêque in Sicherheit zu bringen. Vergebens. Am 13. Juli 1942 klopften zwei französische Polizisten an die Tür ihrer Unterkunft und nahmen Irène Némirovsky fest. Nur wenige Wochen später, am 19. August, starb sie an einer Typhusinfektion im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Ihr Mann Michel wird wenige Monate später an gleicher Stelle in den Gaskammern sterben, während ihre Kinder den Krieg in Bordeaux überleben.

Vor allem die Beschreibung der letzten Lebensjahre von Irène Némirovsky, in denen der Ton ihrer Bittbriefe immer verzweifelter und hoffnungsloser wird, lesen sich deswegen wie das verstörende Leben einer Frau, deren Schicksal von vornherein allein dadurch besiegelt schien, dass sie Jüdin war. Dies in aller Klarheit und Grausamkeit nachgezeichnet zu haben ist das Verdienst der Biographie von Olivier Philipponat und Patrick Lienhardt, die in Eva Moldenhauer zudem eine vorzügliche Übersetzerin gefunden hat. Für die immer zahlreicher werdenden Liebhaber der Literatur von Irène Némirovsky ist das mit vielen Abbildungen ausgestattete Buch eine reiche, unverzichtbare Fundgrube.

Olivier Philipponat, Patrick Lienhardt: „Irène Némirovsky“. Biographie. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Knaus Verlag, München 2010. 575 S., geb., 29,95 €.

Quelle: F.A.Z.
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