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Olga Martynova: Mörikes Schlüsselbein : Ihr Herz ist kein Wacholderharz

Bild: Droschl Verlag

Tiefgründig, kurzweilig und lustvoll verspielt: Olga Martynovas Roman „Mörikes Schlüsselbein“ knüpft gekonnt an moderne Traditionen an und holt diese in die Gegenwart.

          Auf der Rückseite dieses Buches steht ein guter Witz: „Ein Roman von Familie und Freundschaft: liebevoll, weiblich, scharfsichtig und humorvoll erzählt Olga Martynova von Russen und Deutschen, von Dichtern, Schamanen und Spionen, vom Eheleben und vom Erwachsenwerden.“

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Mit dieser Parodie von Klappentexten, wie sie heute gern verfasst werden, hat der tatsächliche Inhalt zum Glück kaum etwas zu tun. Denn Familienroman hin, liebevoll her - nach den ersten Seiten bereits weiß der Leser, dass mit solchen Beschreibungen diesem Werk nicht beizukommen ist. Sondern er steht erst mal im Regen.

          Der Roman wieder rätselhaft

          Warum? Weil Olga Martynova etwas tut, was einmal selbstverständlich war, bei vielen Verlagen heute aber gar nicht mehr vorgesehen ist: Sie präsentiert einen literarischen Text, der seine Bedeutung nicht sofort offenbart. Sie erobert der deutschsprachigen Erzählprosa eine Rätselhaftigkeit zurück, wie es sie bei Alfred Döblin und Arno Schmidt einmal gab und die heute allenfalls noch bei einigen sich treu gebliebenen Formjongleuren wie Friederike Mayröcker zu finden ist: Rätselhaftigkeit also von der Makroebene des Romans bis zur Mikroebene des einzelnen Satzes und bis in die Kapitelüberschriften, die zum Beispiel lauten: „Mein Herz ist kein Wacholderharz“ oder „Zeppeline über Paris/ Franziska (fast) ohne Adjektive/Ausflug in die Hölle/Verliebte Augen“.

          Wer nun Angst vor diesem Text bekommt, kann beruhigt werden: Es handelt sich nicht um ein hermetisches Langgedicht, das man verständnislos bestaunt und am Ende frustriert weglegt. Doch es handelt sich um einen Roman, der selbst von der Literatur handelt und in ihr lebt, der deshalb voraussetzungsreich ist und sich manchmal erst über Umwege erschließt.

          Literatur in der Literatur

          Nicht zufällig beginnt er mit einer Szene des Lesens: Ein älterer deutscher Professor liegt im Krankenhaus und liest ein Buch. Kaum hat er damit begonnen, trägt ihn Phantasie davon. Die Geburt der Literatur aus der Literatur: Diese Form der Metaerzählung, spätestens seit dem „Don Quijote“ eine abendländische Grunderfahrung, bringt auch Martynovas Metafiktion auf den Weg.

          Einen Auszug daraus kannte man bereits seit dem vergangenem Sommer: Die in Leningrad aufgewachsene Autorin, die auf Russisch und auf Deutsch schreibt, hatte damit den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. Nun zeigt sich, dass die Figur des Tübinger Studenten Moritz, dessen Erleben und dichterische Erstversuche darin geschildert wurden, Teil eines weitverzweigten Familien- und Freundeskreises ist, in dem alle auf die eine oder andere Weise mit Literatur zu tun haben: Moritz ist der Sohn des erkrankten Russischprofessors Andreas; dieser wiederum lebt heute nicht mehr mit der Mutter seiner Kinder, sondern mit einer Russin namens Marina zusammen. Marina und Andreas stehen in Kontakt mit Autoren und Kritikern in Amerika und Russland, die ihrerseits auf den Spuren von Literaten wandeln.

          Netz aus Beziehungen

          Die Pfade dieser Figuren werden schnell sehr verschlungen: Vom Tübinger Hölderlinturm geht es nach Chicago und New York, über Frankfurt und Berlin nach St. Petersburg und in die Taiga, wo ein Schamane Jack Kerouac zitiert. Orte und Zeitebenen purzeln durcheinander in einem Reigen von Episoden, von denen wohl manche auch wieder der Phantasie der Figuren entspringen.

          Die Weltwahrnehmung dieser Figuren ist bisweilen traumhaft-grotesk (sie können zum Beispiel die sechseckige Form von Schneeflocken erkennen), vor allem aber ist sie symbolistisch: Ein Krankenhausbett kann da schon mal als mit Schnee bedeckte Rosenhecke erscheinen. Mit fortschreitender Lektüre wird allerdings deutlich, dass die scheinbar zusammenhanglosen Episoden über ein Motiv- und Assoziationsnetz verknüpft sind - dabei könnte man sich sowohl an Döblins Resonanztheorie wie auch an Andrej Belyis symbolistisch durchwirktes Epos „Petersburg“ erinnern. Direkt bezieht sich Martynova auf Nikolai Leskow und Fjodor Dostojewski, in deren Biographien und Werken sich die Romanfiguren spiegeln, doch es schlummern noch viele weitere Resonanzen im Text.

          Modernistisches Erbe in der Gegenwart

          Neben ägyptische Jenseitsvorstellungen und abgewandelte Schöpfungsgeschichten mit platonischen Kugelwesen treten zahlreiche Symbole literarischer Produktivität wie auch solche des Rezeptionsvorgangs: Da gibt es zum Beispiel im russischen Nirgendwo ein Dorf, in dem ein Telefon steht - „aber die Kinder haben den Hörer abgerissen und in den Froschteich geworfen“. Kann man sich ein schöneres Bild für das literarische Kunstwerk vorstellen?

          Und was zum Beispiel mag es auf sich haben mit dem auf verschiedenen Erzählebenen immer wieder erwähnten Stutenmilchschnaps - repräsentiert er eine Art dichterisches Potenzmittel? Fließt er aus einer mythischen Quelle oder hat die heute in Frankfurt lebende Autorin ihn am Ende aus einer hiesigen Eckkneipe unweit der Redaktion dieser Zeitung namens „Die gute Stute“, in der ein Pferd auf dem Flur steht und es neben Bier tatsächlich Stutenmilchlikör zu trinken gibt? Solcher Art sind die Rätsel der Schamanin Olga Martynova, die es mit diesem Buch geschafft hat, das modernistische Erbe elegant in die deutsche Gegenwartsliteratur einzuholen - ein toller Streich gegen deren oft langweilige Linearität wie auch eine bleibende Herausforderung, denn in diesem Labyrinth der Sätze wird man sich immer wieder verirren.

          Doch es gibt Hoffnung: An einer Stelle des Romans beschreibt der junge Dichter Moritz die Erfahrung, dass man, wenn man als junger Mensch Gedichte lese, noch gar keine Grundlage für ihre Einordnung habe: „Erst später sagt man sich: Ach, das war das!“ Genauso, schließt Moritz, verhalte es sich mit anderen Lebenseindrücken, die „früher kommen als das Verständnis für sie“. Genauso wird es wohl auch manchem Leser von „Mörikes Schlüsselbein“ gehen, wenn sich ihm noch lange nach der Lektüre dieses Romans mal hier, mal da dessen Geheimnisse erschließen.

          Olga Martynova: „Mörikes Schlüsselbein“. Roman. Literaturverlag Droschl, Wien 2013. 320 S., geb., 22,- €.

          Quelle: F.A.Z.

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