http://www.faz.net/-gr3-70f19

Oksana Sabuschko: Planet Wermut : Der Name der bitteren Pflanze

  • -Aktualisiert am

Bild: Literaturverlag Droschl

Europas letztes Territorium: Oksana Sabuschko erklärt uns ihre ukrainische Heimat, den Unterschied zwischen Oligarchen- und Volks-Fußball und die Welt nach Tschernobyl.

          Die Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine stellt europäische Politiker vor eine Wahl zwischen Pest oder Cholera. Zu diesem Schluss kommt man nach der Lektüre eines Essays von Oksana Sabuschko, der bekanntesten und zugleich umstrittensten Autorin des Landes. Oksana Sabuschko erklärt uns darin, dass der Fußball in ihrer Heimat inzwischen in zwei Lager zerfällt: den Fußball der Oligarchen und den des Volkes. Oligarchen lieben Fußball und kaufen sich gern ganze Mannschaften mit teuren Spielern, so wie sich reiche Römer Laufsklaven und Gladiatoren hielten. Brot und Spiele nennt man diese Herrschaftsform. Als die Ukraine vor einigen Monaten gegen Österreich spielte, wurde kurz vor Schluss ein Spieler des Platzes verwiesen, beim Stand von unentschieden. Daraufhin erhoben sich Zehntausende im Stadion und sangen die ukrainische Nationalhymne. Wenige Minuten später fiel das entscheidende letzte Tor. So ein Spektakel, meint Oksana Sabuschko, bekomme nicht mal Hollywood hin.

          Als Nationalspieler sind die Sportler Volkshelden, als Oligarchen-Kicker werden sie von ebendiesem Volk als Prostituierte beschimpft. Fußball, das ahnt auch der Oligarch, ist in unserer emotionsarmen Postmoderne eines der letzten Refugien, in denen man große Gefühle in der Masse zeigen und erleben kann. Verdirbt man dem Volk nun wegen einer inhaftierten Oligarchin, die schließlich keine Dissidentin ist, wie einst Andrej Sacharow oder Solschenizyn es waren, die Spiele, oder fährt man hin und erfreut das Volk - und ein paar andere Oligarchen?

          Postkolonial, posttotalitär, postsowjetisch

          Oksana Sabuschko wurde wie Julija Timoschenko 1960 geboren, wie diese im Osten der Ukraine, und hält ansonsten, wie sie in einem Interview sagte, ihre einstige und nun inhaftierte Präsidentin für eine geniale „Medienmanipulatorin“, von der selbst Berlusconi noch etwas lernen könne.

          In ihrem neuen Buch, einer Sammlung von zum Teil nicht ganz so neuen Essays, versucht Oksana Sabuschko uns ihre Heimat und damit auch gleich eine ganze Epoche zu erklären. Wie in kaum einem anderen Land haben in diesem „letzten Territorium“ Europas historische Tragödien das Nationalgefühl geprägt. Das Volk und sein junger Staat sind durch allerlei „Posts“ traumatisiert: postkolonial, posttotalitär, postsowjetisch. Das parasitäre Präfix sitze auf dem Land „wie ein Floh auf dem Schwanz eines Hundes“. Für eine Frau des Wortes ist die Frage nach der Sprache eine entscheidende. Noch unter dem Zaren durch ein Dekret aus der Öffentlichkeit verbannt, gilt das Ukrainische zum Teil bis heute als eine Art unvollkommenes Russisch, von dem sich ukrainische Schriftsteller wie Nikolai Gogol emanzipierten, indem sie russisch schrieben. Eine ukrainische Schriftstellerin, so die bekennende Feministin, sei doppelt marginalisiert, als Frau und als Ukrainerin. Und die Ukrainerin sei auch stets ein doppeltes Symbol: als Heldin der Nation und als eine sich für die Kolonialmacht Prostituierende. Ein Schelm, wer hier auf Aktuelles schließt; der Text stammt aus dem Jahr 1999.

          Die Menschheit in einem Zug

          Die Idee einer unabhängigen Ukraine begrub Stalin 1933 im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Holodomor, jener durch seine Politik der Kollektivierung und der damit verbundenen Ausrottung der freien Bauern ausgelösten Hungerkatastrophe, die sieben bis zehn Millionen Menschenleben kostete. Die Geburtsstunde der postsowjetischen Ukraine markiert wiederum eine Katastrophe - Tschernobyl, ukrainisch Tschornobyl, bedeutet Wermut. Der Name der bitteren Pflanze steht nicht nur für den atomaren Super-GAU, sondern auch für den Anfang vom Ende der Sowjetunion und des ganzen Ostblocks. Gespenstisch lesen sich Oksana Sabuschkos Beschreibungen jener Apriltage im Frühjahr 86, als ein wundersames Licht Kiew erhellte und trockener Schnee auf das frische Grün fiel und die Menschen, nachdem sie langsam begriffen, was geschehen war, mit fragwürdigen Hausmitteln von Alkohol bis Aktivkohle versuchten, die Radioaktivität zu bekämpfen.

          Zu Recht bemerkt Oksana Sabuschko, dass ihre Schriftstellergeneration, die auch als Generation Tschernobyl bezeichnet wird, die Katastrophe bisher literarisch kaum verarbeitet hat, wie überhaupt das 20. Jahrhundert für sie noch unverdaut ist. Die Art, wie sie sich diesem Jahrhundert nähert, erfordert vom Leser einige geistige Flickflacks über die vielen Zonen des Schweigens, über Filme von Lars von Trier, Andrej Tarkowskij und dem ukrainischen Regisseur Alexander Dowschenko, bis man, auch dank der kongenialen Übersetzung von Alexander Kratochvil, wieder einigermaßen sicher auf der Matte landet.

          Metaphorisch sieht Oksana Sabuschko die Menschheit in einem Zug sitzen, von dem wir blind an beiden Enden Wagen abkoppeln, die Vergangenheit von der Zukunft und die Zukunft von der Vergangenheit. Die atomare Katastrophe fungiert dabei als Endpunkt und Anfang zugleich, an dem man sich fragen muss, was man noch liebt, an was man noch glaubt und wofür man lebt. Oksana Sabuschkos Post-Tschernobyl-Weltanschauung ist simpler als die meisten Postideologien: Wer auf diese Fragen ohne langes Nachdenken antworten kann, ist noch nicht „bitter“.

          Oksana Sabuschko: „Planet Wermut“. Essays. Aus dem Ukrainischen von Alexander Kratochvil. Literaturverlag Droschl Graz, Wien 2012. 165 S., geb., 19,- €.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Wein statt Weed im Libanon Video-Seite öffnen

          Neue Anbaumethoden : Wein statt Weed im Libanon

          Der Cannabis-Anbau im Libanon ist illegal, aber lukrativ, deswegen findet man die Pflanze auf zahlreichen Feldern. Eine kleine Kooperative im Bekaa-Tal versucht die Bauern zu überzeugen, etwas anderes anzubauen. Bei mehr als 200 hat ihr Bemühen bereits gefruchtet.

          Topmeldungen

          Enttäuschung und Protest: Siemensarbeiter nach Bekanntgabe der Werksschließung in Görlitz am Donnerstagabend

          Stellenabbau bei Siemens : Machtlos in Görlitz

          Siemens will fast 7000 Menschen entlassen. Die Einwohner von Görlitz trifft das besonders hart – die Arbeitslosigkeit könnte sich verdoppeln. Stärkt das jetzt die radikalen Kräfte?

          Kommentar : Wofür steht Jamaika?

          Obergrenze oder offene Grenzen für alle? Recht und Ordnung oder legale Joints? Marktwirtschaft oder Planwirtschaft? Nach den Schwierigkeiten bei den Jamaika-Gesprächen muss die Frage erlaubt sein: Passt das alles wirklich zusammen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.