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: Ohrringe im Abflußbecken

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Nell Freudenberger ist ein "lucky girl" des amerikanischen Literaturbetriebs. Gleich mit ihrer ersten Erzählung - der Titelgeschichte des vorliegenden Bandes - kam sie groß im "New Yorker" heraus. Ein sechsstelliger Vorschuß ließ nicht lange auf sich warten. Als wäre das noch nicht Glück genug, gab ...

          Nell Freudenberger ist ein "lucky girl" des amerikanischen Literaturbetriebs. Gleich mit ihrer ersten Erzählung - der Titelgeschichte des vorliegenden Bandes - kam sie groß im "New Yorker" heraus. Ein sechsstelliger Vorschuß ließ nicht lange auf sich warten. Als wäre das noch nicht Glück genug, gab es dann noch hymnische Kritiken, als "Lucky Girls" erschien: "Jede Geschichte offenbart die Entdeckung einer in Wahrheit wunderbaren Begabung", jubelte niemand Geringeres als Richard Ford. In den Rezensionen wimmelte es von Worten wie "ergreifend", "elegant" und "bemerkenswert ausbalanciert".

          Die Leser allerdings waren weniger begeistert, zumindest jene, die sich zu Wort meldeten. Bei den Internetbuchhändlern hat Freudenbergers Erstling eine Flut gereizter Kommentare provoziert. Mehr als auf ihre schriftstellerischen Qualitäten scheint das Publikum dabei auf die glückliche Autorin selbst und ihre Themen idiosynkratisch zu reagieren: das Drama des bevorzugten Kindes, die Sorgen der Weltläufigkeit. Die "lucky girls" der Erzählungen sind attraktiv und viel geliebt, wohlhabend und weit gereist. Ein gewisser multikultureller Schick bestimmt den Alltag - sie sind die Arglosen im Ausland, leben in New York, Paris, Bombay, San Francisco, Delhi oder Dallas. "Sie sind wie diese Diplomatenkinder", heißt es einmal, - "mit zwanzig schon die ganze Welt gesehen." Der interkontinentale Lebensstil ist jedoch nicht ohne menschliche Einbußen zu haben. Hintergrund der Geschichten ist oft ein komfortabel zerrüttetes Familienleben. Im Herzen des Partygirls wohnt die Trübsal.

          So bieten die fünf Erzählungen durchaus keine in den bloßen Oberflächenschick verliebte Prada-Prosa. Wie ihre Heldinnen, die sich tapfer dem Anblick von verkrüppelten Bettlern in den Slums dieser Welt aussetzen, möchte auch Freudenberger zum wahren Leben durchstoßen. In "Das Waisenkind" hat Mandy ihr amerikanisches Elternhaus verlassen, um eine Weile in Bangkok in einem Heim für elternlose Aids-Babys zu arbeiten. Anmutig bewegt sie sich zwischen Elendskulissen und leidet selbst an einer Krankheit, deren Name zwar weniger fatal klingt, die aber ebenfalls ihre Schüttelfröste kennt: Heimweh. Wobei dieses Heim längst Illusion ist. Als die Eltern Mandy über Weihnachten in Bangkok besuchen, geht es vor allem um eines: der Tochter schonend die Scheidung mitzuteilen.

          Wie ist es, wenn sich im Leben etwas nicht rückgängig machen läßt? Es ist "wie wenn einem ein Ohrring ins Waschbecken fällt und hüpfend und klimpernd im Abfluß verschwindet, ehe man ihn zu fassen bekommt". Um solche Ohrringe des Irreversiblen geht es Freudenberger. Hauptfigur der Titelgeschichte ist eine junge Malerin, die - der Liebe zuliebe - seit fünf Jahren in Delhi lebt. Nun ist ihr Liebhaber, ein verheirateter Inder, gestorben. Aber die Konflikte, die diese Beziehung mit sich brachte, leben fort. Einmal lauern der Künstlerin die Kinder des Mannes an der Straßenecke auf, um sie anzuspucken und als "Hure"" zu beschimpfen. Von dieser Situation abgesehen, bleibt jedoch alles ein wenig im Ungefähren, was kein Schaden ist, denn in den besten Passagen werden die Erzählungen getragen von Stimmung und Atmosphäre, von einem gewissen Exotismus mit postkolonialen Momenten: "Diese Leute wirkten auf mich wie Figuren in einem Film, dem ich vorwerfen würde, Indien zu romantisieren. Frauen in knallbunten Saris trugen so etwas wie Papierkörbe auf dem Kopf. Kleine Jungen mit Schuhputzköfferchen hängten sich sofort an unsere Fersen, um uns mit ,Madam, yes please, Madam' anzuflehen, bis sie von einem Mann in einem roten Rajasthani-Turban vertrieben wurden, der dicht an meiner rechten Seite klebte und ,Haschisch, Haschisch' säuselte. Die Luft roch giftig nach verbranntem Plastik, und ich konnte den Staub zwischen den Zähnen schmecken."

          In "Der Privatlehrer" lebt die sechzehnjährige Julia allein mit ihrem Vater in Bombay. Sie geht auf Parties, verbringt Nächte am Strand, raucht heimlich und sorgt sich um ihre anstehende Entjungferung. Eher aus Laune denn aus Liebe beschließt sie, die Aufgabe ihrem Privatlehrer anzuvertrauen, dem sie bereits tausend Dollar für das Schreiben eines lästigen Bewerbungsaufsatzes für das College in Berkeley geboten hat. Doch gerade diese meistgelobte Geschichte des Bandes wirkt fade. Die Charaktere bleiben kaum im Gedächtnis. Solange Nell Freudenberger mit Andeutungen und Leerstellen arbeitet, kann sie über solche Schwächen hinwegtäuschen; um so mehr fallen sie auf, wenn eine Geschichte - wie in diesem Fall - ausbuchstabiert wird.

          Zu den angedeuteten Motiven gehört das Unverständnis der Geschlechter: "Ihm war bisher nicht klar gewesen, daß man einen Menschen so sehr lieben kann und gleichzeitig nicht das geringste mit ihm anzufangen weiß." In solchen Sätzen stecken wirklich gute Geschichten. Nur daß die Autorin sie hier noch nicht erzählt.

          Nell Freudenberger: "Lucky Girls". Erzählungen. Aus dem Englischen übersetzt von Monika Schmalz. Berlin Verlag, Berlin 2004. 297 S.. geb., 19,90 [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.05.2004, Nr. 113 / Seite 50

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