23.06.2007 · Eine Küste mit Segelboot am Horizont auf dem Umschlag, aber dahinter verbirgt sich kein leichter Sommerroman. Ein Architekt, die Schweiz, die uneheliche Tochter eines Technokraten und zahlreiche Rückblenden, aber ob es sich um eine Revision von Max Frischs "Homo faber" handelt, soll hier unentschieden bleiben.
Eine Küste mit Segelboot am Horizont auf dem Umschlag, aber dahinter verbirgt sich kein leichter Sommerroman. Ein Architekt, die Schweiz, die uneheliche Tochter eines Technokraten und zahlreiche Rückblenden, aber ob es sich um eine Revision von Max Frischs "Homo faber" handelt, soll hier unentschieden bleiben. Was der 1968 in Schwerin geborene Gregor Sander vorlegt, ist ein schmaler Roman aus der Ecke der Verstörungsliteratur.
Erzählt wird aus Sicht des Sohnes Christoph die Geschichte der Familie Radtke. Der seit eh und je wortkarge, emotional vereiste Vater Radtke, einst Professor für Bauwesen an der Technischen Hochschule Wismar, liegt nach einem zweiten Schlaganfall zum endgültigen Schweigen verdammt im Wachkoma. Die Mutter, die zu DDR-Zeiten die inzwischen erwachsenen, dem elterlichen Nest entflogenen Kinder Gerd, Astrid und Christoph aufgezogen hat, will verreisen. Sie bittet Christoph ins Elternhaus in der Kleinstadt. Für die Pflege hat sie die junge Bulgarin Kristina engagiert, der Sohn soll einfach nur anwesend sein. Ein Roman über Krankheit und Altern also? Allzu sehr vertieft der Roman diesen Aspekt letztlich nicht.
Widerwillig erklärt sich Christoph zum Besuch bereit, bleibt aber innerlich auf Abstand. Mit der Ankunft in Schwerin setzt die Erinnerung ein - im Sommer 2003 am Swimmingpool im Familiengarten. Vom Vater eigenhändig ausgehoben, war der Pool Anziehungspunkt für die eigenen und die Nachbarskinder, erlesene Krönung eines ostdeutschen Eigenheimfamilienglücks. Jetzt sieht er "etwas heruntergekommen aus, die hellblauen Fliesen haben Risse bekommen", ein Sinnbild des Elends der Familie. Risse ziehen sich auch durch Träume und Lebensentwürfe ihrer Mitglieder. Die Mutter hat ihr Leben bis in die Anzahl der täglich gerauchten Zigaretten hinein ritualisiert. Dass sie Christoph gleich zu Beginn des Romans des Wunsches verdächtigt, den Vater zu ermorden, mutet fast wie eine Projektion an. Astrid hat die disziplinierte, fassadenhafte Haltung der Mutter übernommen. Gerd lebt in sich verkapselt als Alkoholiker von Sozialhilfe im Plattenbau am Stadtrand. Christoph schließlich hat die Flucht nach Berlin angetreten, ist ein unambitionierter Architekt geworden. Seine Beziehung ist gescheitert, seinen Job hat er verloren, und er hat wenig Lust auf einen neuen. Ödipuskomplexe wohin man schaut, die Neurosen blühen prächtig.
Die Rückblenden reichen immer weiter zurück, bis noch ein weiterer Riss sichtbar wird. Ein Brief aus der Schweiz erreicht den Vater. Christoph erfährt daraus von der Existenz einer unehelichen Schwester. Er macht sich auf die Suche, die ihn nach Zürich führt und in ihrer Schrecklichkeit jedenfalls für Frisch-Leser keinen ganz unerwarteten Verlauf nimmt.
Mit Freud und Frisch.
Schicht für Schicht legt "Abwesend" die Psychopathologien der Figuren frei, mal analytisch, dann wieder metaphorisch und anekdotisch. Andeutungen, Verknappungen und Zeitsprünge halten die Lektüre spannend. Am Ende bleibt aber so vieles offen, dass der Anspielungsreichtum von Freud bis Frisch im luftleeren Raum hängenbleibt. Da wirkt dann manche Einsicht banal. Dass es im Leben womöglich weniger Schuld gibt als unselige Verwicklungen gehört ebenso dazu wie die Einsichten, dass ein abwesender Vater wohl keine allzu glücklichen Kinder aufziehen wird und Eltern die eigenen Störungen gerne an die nächste Generation weiterreichen.
Seinen eigenen Ton hat der Autor, der 2002 mit Erzählungen über Innenansichten von Außenseitern unter dem Titel "Ich aber bin hier geboren" manchem Kritiker Lob entlockte, gefunden. In der Themenvielfalt und den Handlungssträngen des Romans verheddert er sich allerdings. Fesselnd bleibt, wie knappe, meist treffsichere Beobachtungen die Figuren in unmittelbare Nähe des Lesers rücken. Man darf von diesem Autor noch mehr erwarten.
- Gregor Sander: "Abwesend". Roman. Wallstein Verlag, Göttingen 2007. 156 S., geb., 16,- [Euro].