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Nuruddin Farah: Netze : Mogadischu glaubt den Tränen nicht

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Bild: Verlag

Die Schrecken der Gegenwart für eine bessere Zukunft einfangen: Der somalische Schriftsteller Nuruddin Farah will mit seinem Roman „Netze“ seine von Gewalt und Korruption verwüstete Heimat schreibend am Leben erhalten.

          Auf der Skala der Schreckensorte dieser Welt rangiert Mogadischu ganz oben, die von Bürgerkrieg und Elend bis zur Unkenntlichkeit gezeichnete, einstmals kosmopolitische Hafen- und Hauptstadt des notorisch versagenden Staates Somalia, der in jüngster Zeit als Piratennest Schlagzeilen macht. Kein Flug lässt sich im Internet in diesen Vorhof der Hölle buchen, schon beim Eingeben des Städtenamens versagen die Masken der Websites. Wir wissen nur, dass dort Menschen leben, mehr als zwei Millionen sollen es sein, aber wie sie leben, das entzieht sich längst unserer Kenntnis, nachdem Mitte der neunziger Jahre die letzten internationalen Hilfsorganisationen und Hunderttausende Flüchtlinge das Land verlassen haben. Gegen Mogadischu ist selbst Kabul ein Hort der Glückseligkeit.

          Im urbanen Inferno

          In dieses urbane Inferno schickt der im südafrikanischen Exil lebende somalische Autor Nuruddin Farah Cambara, die Hauptfigur seines neuen Romans. Bereits vor Ausbruch des Bürgerkrieges 1991 hatten sich ihre geschäftstüchtigen Eltern ins kanadische Exil absetzen können, so dass Mogadischu für die junge Rückkehrerin nur als vage Kindheitserinnerung existiert. In Toronto konnte sie sich zur Schauspielerin und Visagistin ausbilden lassen und war zweimal die Ehe mit somalischen Landsmännern eingegangen, eine von der Mutter arrangierte fiktive mit einem Cousin, um diesem die Einbürgerung im Westen zu ermöglichen, und eine Liebesheirat mit traumatischen Folgen. Denn der gewalttätige Ehemann ließ den gemeinsamen Sohn im Pool des Hauses einer Geliebten unbeaufsichtigt, und der Junge ertrank. Um ihren Schmerz zu vergessen, begibt sich Cambara auf eine Himmelfahrtsmission in ihre zerstörte Geburtsstadt, wo sie die einst noble Villa der Familie den Klauen eines Warlords zu entreißen sucht.

          Vergiss Somalia, es ist tot und begraben, soll der eigene Bruder Nuruddin Farah Mitte der siebziger Jahre mit auf den Weg ins Exil gegeben haben, als dieser vor den Schergen des Diktators Siad Barre in den Westen fliehen musste. Seither hat der 1945 in Baidao geborene Farah in mehr als einem Dutzend Ländern gelebt und den fatalistischen Geleitspruch von einst in ein kämpferisches Credo gekehrt: Er wolle sein Land am Leben erhalten, sagte er einmal, indem er darüber schreibe. Dazu hat er sich die englische Sprache geliehen, die er neben Somali, Amharisch, Italienisch und Arabisch wie eine Mutterzunge beherrscht. „Netze“, im englischen Original 2007 unter dem Titel „Knots“ erschienen, ist sein dreizehntes Buch. Alle handeln ausnahmslos von Somalia und den Somalis im Exil. Seit 1996 kehrte Farah immer wieder nach Mogadischu zurück, ähnlich den Helden seiner letzten beiden Romane.

          Warlords kämpfen um Ressourcen

          Während Jeebleh in „Links“ (deutsch 2005) in dem von zwei verfeindeten Warlords umkämpften Mogadischu der späten neunziger Jahre nach einem verschwundenen Mädchen fahndet, sucht sich Cambara im neuen Roman einige Jahre später einen Weg durch das Chaos einer Stadt zu bahnen, in der Dutzende Warlords mittels hungriger, zerlumpter und ununterbrochen Kat kauender Kindersoldaten um die kargen Ressourcen kämpfen. Gerüstet ist sie mit einem Messer und einem Koffer voller US-Dollar. Die Islamisten – die Union of Islamist Courts – sind bereits auf dem Sprung an die Macht, die Menschen sehnen sich nach Ruhe und Frieden, wenn es sein muss auch mittels der Scharia.

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